zurück

Zitat der Woche 47

Globalisierung: Die Folgen für Industrieländer

Die heutige Suche nach billiger Arbeit hat dazu geführt, Arbeitsplätze tendenziell aus den reichen in die armen Länder zu verlagern. Glück für die einen, Pech für die anderen. Wirtschaftswissenschaftler und Moraltheoretiker finden solche Arbeitsplatztransfers sinnvoll – vernünftig und wünschenswert, wenn man den komparativen Vorteil bedenkt: Warum sollte Beschäftigung für Malaysier und Mexikaner weniger erstrebenswert sein als für Amerikaner und Deutsche? [...]

Nüchterne Volkswirtschaftler mögen einwenden, dass Nationen nicht wie Unternehmen miteinander konkurrieren. Oder dass es für ein reiches Land wie die USA auf den Verlust einzelner Exportmärkte und Arbeitsplätze nicht so sehr ankommt. Oder dass Einfuhrbeschränkungen weder die Produktivität erhöhen, noch den heimischen Lebensstandard heben. Oder dass der Verlust von Arbeitsplätzen in wenigen marktgängigen Branchen durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze in anderen Bereichen kompensiert wird. Solche Überlegungen und klugen Bemerkungen helfen Arbeitnehmern und Gewerkschaftern nicht weiter, die von drohender Auslagerung von Arbeitsplätzen betroffen sind. […] Noch viel ärger sind die zynischen Versuche, Betroffene mit der Aussicht auf billigere Autos und Fernsehgeräte zu trösten, die sie sich gar nicht mehr leisten können, oder sie mit dem Hinweis auf Arbeitsplätze im Sojabohnenanbau oder hinter dem Bankschalter abzuspeisen. […] Der komparative Vorteil von heute muss, wie wir gesehen haben, nicht auch der komparative Vorteil von morgen sein. Ist Protektion nur bei jungen Industrien legitim? Sind reiche Länder moralisch verpflichtet, Strategien zu vermeiden, die Entwicklungsländer routinemäßig anwenden? […] Die gegenwärtige Tendenz zur globalen Industrie wird für die reicheren Länder sinkende Löhne, wachsende Einkommensunterschiede und/oder eine hohe (Übergangs?)Arbeitslosigkeit mit sich bringen. […] Natürlich können sich die reichen Industrienationen selbst helfen (und den Schmerz lindern, wenn schon nicht aus der Welt schaffen), indem sie alle Möglichkeiten der Forschung ausschöpfen, neue und wachstumsorientierte Branchen (die Arbeitsplätze schaffen) auftun, von anderen lernen, die richtigen Nischen finden, ihre Fähigkeiten und Kenntnisse kultivieren und umsetzen. […]  Viel wird dabei von ihrem Unternehmergeist, ihrem Identitätsgefühl, ihrem Einsatz für das Gemeinwohl, ihrer Selbstachtung, ihrer Fähigkeit, diese Errungenschaften über Generationen weiter zu geben, abhängen.

David S. Landes: Wohlstand und Armut von Nationen. Warum die einen reich und die anderen arm sind, Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin 2002, S. 522-524.

zurück