Nachricht der Woche 49
Die Familie bleibt der wichtigste Ort der „Betreuung“
Kinderleben – das bedeutet heute „Aufwachsen zwischen Familien, Freunden und Institutionen“ (1). Immer mehr Raum nehmen dabei die Institutionen der öffentlichen Kinderbetreuung ein. Kindertagesstätten gehören heute zum Alltag von Vorschulkindern: Fast jedes Kind, das heutzutage eingeschult wird, hat – zumindest für ein Jahr – einen Kindergarten besucht (2). In der „alten Bundesrepublik“ war der Besuch eines Kindergartens keineswegs so selbstverständlich: So war im Jahr 1970 nicht einmal für jedes dritte Kind zwischen drei und sechs Jahren ein Kindergartenplatz vorhanden. In den 70er und 80er Jahren sind dann nach und nach flächendeckend Kindergärten eingerichtet worden. Zur Zeit der Wiedervereinigung im Jahr 1990 gab es deshalb immerhin schon für 70 Prozent der Kinder in diesem Alter verfügbare Plätze. Dabei handelte es sich allerdings fast durchweg um Halbtageskindergartenplätze. Die Regel war der Besuch eines Kindergartens auch erst ab dem fünften Lebensjahr. Noch Ende der 80er Jahre war die öffentliche Kinderbetreuung – so Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts – „allenfalls eine mehr oder minder punktuelle Ergänzung der privaten Erziehung“ (3).
Seit 1990 haben sich die Gewichte zwischen familiärer und öffentlicher Kinderbetreuung in Westdeutschland deutlich verschoben: Vorangetrieben durch den 1992 beschlossenen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz wurden insgesamt ca. 600.000 neue Kindergartenplätze geschaffen. In den meisten Bundesländern ist für mehr als 90 Prozent der Kinder zwischen drei und sechs Jahren ein Kindergartenplatz verfügbar. Nach Aussage von Thomas Rauschenbach „kann man unter Kapazitätsgesichtspunkten inzwischen bundesweit von einem zahlenmäßig ausreichenden Platzangebot für Kinder im Kindergartenalter ausgehen“ (4).
Gegenwärtig besuchen mindestens drei Viertel der Kinder ab dem vierten Lebensjahr eine Kindertageseinrichtung (5). Zukünftig soll die Mehrheit der Kinder schon ab dem zweiten oder spätestens ab dem dritten Lebensjahr außerhalb der Familie betreut werden. Dies ist zumindest das Ziel der „Krippenoffensive“ der Bundesregierung. Denn nur wenn für eine Mehrheit der 1-3-Jährigen familienexterne Betreuung nachgefragt wird, sind 750.000 Betreuungsplätze erforderlich (6).
Angesichts dieser „Explosion“ der Platzahlen in der institutionellen Kinderbetreuung wird die zeitliche Dauer der Kinderbetreuung außerhalb der Familie oft zu wenig beachtet: Viele Eltern nutzen Betreuungsangebote nur für wenige Stunden am Tag oder in der Woche. Nicht wenige Jugendämter reduzieren die Zahl der Ganztagsplätze, damit sie mehr Teilzeitplätze anbieten können (7). Trotz der wachsenden Zahl von Betreuungsplätzen werden Vorschulkinder – zumindest in Westdeutschland – zeitlich betrachtet vor allem von ihren Eltern oder anderen Familienangehörigen betreut. Die Hauptbetreuungsperson für Kleinkinder ist ihre Mutter. Wie der „Datenreport 2008“ zeigt, betreuen zunehmend auch Väter zeitweilig ihre noch kleinen Kinder (8). Auch wenn öffentliche Institutionen das Leben von Kindern heute stärker prägen als früher, bleibt die Familie der wichtigste Ort für das Aufwachsen von Kindern.
(1) So der Titel der Bände I und II zum „Kinderpanel des Deutschen Jugendinstituts“: Christian Alt (Hrsg.): Kinderleben – Aufwachsen zwischen Familie, Freunden und Institutionen, Wiesbaden 2005.
(2) Statistisch erfasst wurde im Jahr 2007 eine „Besuchsquote“ von Kindern in Tageseinrichtungen von 88,7 Prozent. Vgl.: Statistische Ämter des Bundes und der Länder (Hrsg.): Kindertagesbetreuung regional 2007. Ein Vergleich aller 439 Kreise in Deutschland, Wiesbaden 2008, S. 7. Diese „Besuchsquote“ basiert auf einer Stichtagserhebung. Die 11,3 Prozent der Kinder sind deshalb nicht per se „Kindergartenverweigerer“, sondern haben lediglich zum Stichtag (15. März 2007) keine Kindertageseinrichtung besucht. Der Anteil der Kinder, die bis zum Schuleintritt nie einen Kindergarten besucht haben, dürfte deshalb deutlich unter 10 Prozent liegen.
(3) Vgl. Thomas Rauschenbach: Neue Orte für Familien. Institutionelle Entwicklungslinien eltern- und kinderfördernder Angebote, S. 133-155, in: Familie im Zentrum: Kinderfördernde und elternunterstützende Einrichtungen – aktuelle Entwicklungslinien und Herausforderungen, VS Verlag für Sozialwissenschaften – Wiesbaden 2008, S. 134 und S. 136-137.
(4) ebd., S. 140-141.
(5) ebd.
(6) Vgl.: IDAF- Nachricht der Woche 19/2008, http://www.i-daf.org/43--woche-19-2008.html
(7) Vgl.: Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.): Eric van Santen et al: Untersuchung zum Ausbau der Kinderbetreuung für unter 3-jährige Kinder. Erhebung im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zum Stand des Ausbaus der Kindertagesbetreuung, München 2006,
S. 25.
(8) Vgl. Jürgen Schupp/C. Katharina Spieß: Lebenssituationen und Einstellungen von Kindern und Jugendlichen, S. 188-192, in: in Statistisches Bundesamt/Gesellschaft sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen/ Wissenschaftszentrum Berlin (Hrsg.): Datenreport 2008. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2008, S. 189-190.