Nachricht der Woche
51/52 - 2008
Weihnachtszeit, Spendenzeit: Not und Elend nah und fern
Nicht nur zur Weihnachtszeit wird in Deutschland viel gespendet. Allein die steuerlich geltend gemachten Spenden beliefen sich in den vergangenen Jahren auf etwa 4 Milliarden Euro jährlich. Der größte Teil davon wird für „mildtätige“ (karitative, kirchliche, kulturelle und andere gemeinnützige) Zwecke gegeben. Besonders spendenfreudig sind die Deutschen bei Naturkatastrophen: Ereignisse wie der Tsunami in Ostasien an Weihnachten 2004 aktivieren die Spendenbereitschaft in erhöhtem Maß (1). Dabei hilft die Berichterstattung der Medien: Bilder unverschuldet ins Elend gestürzter verzweifelter Menschen wecken menschliches Mitgefühl und Hilfsbereitschaft.
Not und Elend als Folge spektakulärer Naturkatastrophen sind in Deutschland zum Glück äußerst selten. Auch vor absoluter Armut, also dem Mangel an lebensnotwendiger Nahrung, Kleidung, Unterkunft oder Gesundheitsfürsorge, sind die Menschen in Deutschland durch die sozialen Sicherungssysteme grundsätzlich geschützt. Dennoch gibt es auch in Deutschland Menschen, etwa Wohnungslose oder Suchtkranke, die vom sozialen Netz nicht mehr aufgefangen werden und denen es deshalb am Nötigsten fehlt. Die soziale Sicherung verhindert auch nicht, dass Menschen von der Wohlstandsentwicklung abgehängt werden. Mit einer rein monetären Sichtweise lässt sich dieses Problem nicht vollständig erfassen, da für den Wohlstand von Haushalten nicht nur das Geld, sondern auch Naturalien und immaterielle Ressourcen wichtig sind.
In der amtlichen Sozialberichterstattung wird daher nicht nur das nominelle Einkommen von Haushalten, sondern auch die Verfügbarkeit von grundlegenden Dingen des täglichen Lebens erfasst. Zu diesen Dingen gehören nicht zuletzt regelmäßige gesunde Mahlzeiten. Für Menschen, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens verdienen und damit in der EU-Sozialberichterstattung als „armutsgefährdet“ gelten, ist das nicht selbstverständlich: Nach Ergebnissen der in allen EU-Ländern durchgeführten Erhebung „Statistics on Income and Living Conditions" (EU-SILC) kann sich in Deutschland etwa ein Viertel der Befragten dieser Einkommensgruppe nicht mindestens jeden zweiten Tag eine hochwertige Mahlzeit leisten (2). Auch leben diese Befragten im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen häufiger in einem schlechten Wohnumfeld und verzichten eher auf Arztbesuche. Besonders benachteiligt sind Einkommensschwache dann, wenn unvorhergesehene Anschaffungen oder Reparaturen – etwa wegen einer defekten Waschmaschine – nötig werden (3). Trotz ihrer geringen finanziellen Ressourcen gelingt es manchen einkommensschwachen Haushalten solche Herausforderungen zu bewältigen und einen gewissen Lebensstandard aufrechtzuerhalten, weil sie im Rahmen der Familie oder des Freundeskreises Hilfe organisieren können (4).
In unserer individualisierten Gesellschaft fehlen aber nicht wenigen Menschen unterstützende soziale Netzwerke. Solche Netzwerke kann auch der Staat nicht ersetzen. Der Sozialstaat hat die Pflicht, für einen menschenwürdigen Lebensstandard von benachteiligten Bürgern, insbesondere für angemessenen Wohnraum und medizinische Leistungen Sorge zu tragen. Alltagspraktische Hilfe für Bedürftige kann er aber nur sehr begrenzt leisten. Zu verhindern, dass ärmere Mitbürger sozial ausgegrenzt werden, ist deshalb nicht nur eine staatliche Aufgabe. Auch die Zivilgesellschaft – zu der etwa Wohltätigkeitsvereine oder Kirchengemeinden gehören – ist hier gefordert: Ihre Mitglieder leben – räumlich betrachtet – oft nicht weit entfernt von ihren Mitbürgern am Rande der Wohlstandsgesellschaft. Möglichkeiten Hilfe zu organisieren gibt es nicht wenige: Ferienfreizeiten für Kinder armer Eltern, Basare zur günstigen Weitergabe wichtiger Haushalts- und Gebrauchsgegenstände, Unterstützung für ausländische Mitbürger in Behördenangelegenheiten und anderes mehr. Auch für solche Zwecke sind Spenden gut. Denn nicht nur das Elend in fernen Ländern, sondern auch die alltägliche materielle oder immaterielle Not in der Nachbarschaft verlangt nach Mitmenschlichkeit und großzügiger Hilfsbereitschaft.
(1) Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Spenden von wem und wofür? Stat-Magazin – Wiesbaden 2008, S. 1-2.
(2) Unter einer „hochwertigen Mahlzeit“ ist eine Mahlzeit mit Fleisch oder Fisch beziehungsweise eine hochwertige vegetarische Mahlzeit zu verstehen, unabhängig davon, ob diese selbst gekocht oder in einer Kantine, Restaurant oder Ähnlichem eingenommen wird. Keine „hochwertige Mahlzeit“ sind Fast Food, Chips, Schokoriegel etc. Vgl.: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Armut und Lebensbedingungen, Ergebnisse aus Leben in Europa für Deutschland 2005, Wiesbaden 2006, S. 30.
(3) Vgl. ebd., S. 28-36.
(4) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/91--woche-42-2008.html