Zitat der Woche 1 - 2009
Das Zuhause – Lern-und Erfahrungsraum für Solidarität
Wenig bedacht wird ….. die Sekundärwirkung einer zunehmenden Entleerung der Aufgabe der Haushaltsführung für die übrigen familialen Aufgaben. Mit ihr schwindet das konstitutive Moment familialer Alltäglichkeit, also das Medium, das wahrscheinlich ein bedeutendes Bindungselement der Familie darstellt. […]
Vor allem in der Vorschul- und Grundschulphase dürfte der familialen Haushaltsführung erhebliche Wirksamkeit auch für die Erfüllung der Erziehungsaufgaben zukommen. Dies wird deutlicher, wenn wir uns die Bedeutung des Vorbildlernens für die kindliche Entwicklung vergegenwärtigen. Angesichts des nahezu vollständigen Ausschlusses von Kindern aus der Welt der Erwachsenen, insbesondere jedoch aus der Berufssphäre der Eltern, stellt der Haushalt den wichtigsten Erfahrungsraum dar, in dem Kinder ihre Eltern beobachten und von ihnen lernen können. Wo das Erlebnis gemeinsamer Aufgaben und wechselseitiger Verantwortungen fehlt, wie es insbesondere durch eine grundsätzlich egalitäre, jedoch arbeitsteilige Verteilung von Haushaltsvorrichtungen möglich wird, besteht die Gefahr, dass Kindern elementare Einsichten in die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit von Solidarität nicht vermittelt werden. Häufig wird diese Entlastung der Kinder von familiären Verantwortungen und die damit verbundene Entlastung der Kinder von erzieherischen Auseinandersetzungen als Unterstützung des kindlichen Autonomiestrebens missverstanden. Es scheint jedoch zweifelhaft, ob die in solcher Toleranz letztlich zu tage tretende Indifferenz der Eltern der Persönlichkeitsentwicklung der Kinder tatsächlich förderlich ist oder nicht vielmehr das Entstehen solidarischer Kompetenzen untergräbt.
Franz-Xaver Kaufmann: Zukunft der Familie im vereinten Deutschland. Gesellschaftliche und politische Bedingungen, Verlag C. H. Beck, München 1995, S. 56-57.
