Nachricht der Woche 1 - 2009
Im Mittelpunkt: Freude mit Kindern - Gründe für die Lebensform „traditionelle Familie“
Etwa die Hälfte aller Kinder in Deutschland wächst in einer traditionellen Familie auf, in der sich die Mutter um die Kindererziehung und den Haushalt kümmert und der Vater für den Lebensunterhalt durch Erwerbstätigkeit sorgt. Gehen in Familien beide Eltern einer Erwerbstätigkeit nach, so sind die Mütter oft in Teilzeit beschäftigt (1). Die Lebensverhältnisse der Familien in Deutschland stehen somit in Widerspruch zu den gesellschaftspolitischen Zielen der Bundesregierung. Das Leitbild der Familienpolitik ist die – durch eine ganztägige institutionelle Betreuung der Kinder ermöglichte – kontinuierliche (Vollzeit)Erwerbstätigkeit beider Eltern. Dass sich nach wie vor so viele Mütter für einen (zeitweiligen) Verzicht auf Erwerbstätigkeit zugunsten einer familiären Erziehung der Kinder entscheiden, ist aus dieser Perspektive hauptsächlich dem Mangel an Betreuungsplätzen geschuldet. Die Befürworter traditioneller familiärer Lebensformen seien – so die Ansicht des Bundesfamilienministeriums – einem „archaischen“ Verständnis von Familienleben verhaftet (2).
Die betroffenen Mütter und Hausfrauen selbst sehen dies anders: Nicht das Fehlen von Betreuungsplätzen, sondern Neigung, Beanspruchung und Kindererziehung werden in Westdeutschland von Frauen als wichtigste Motive für die Tätigkeit als Hausfrau genannt (3). Neigung als Motiv ist vor allem für Frauen charakteristisch, die nicht in der Erwerbsarbeit, sondern in der Familie ihren Lebensschwerpunkt sehen. Frauen mit einem solchen familienorientierten Lebensstil sind auch in der jüngeren Generation und in allen Gesellschafts- und Bildungsschichten zu finden. Im Vergleich zu den stärker berufsorientierten Frauen haben sie wesentlich häufiger (mehrere) Kinder (4). Frauen mit mehreren Kindern werden auch von der Haushaltsarbeit stärker beansprucht. Es ist deshalb kaum überraschend, dass die Nichterwerbstätigkeit von (Ehe-)Frauen in Westdeutschland besonders häufig befürwortet wird, wenn die Befragten mehrere Kinder haben (5). Aber kinderreiche Eltern befürworten nicht nur sehr oft die „Hausfrauenkonstellation“, sondern leben in der Regel auch eine traditionelle Arbeitsteilung in der Familie. Sie bewältigen damit die zahlreichen Alltagsanforderungen, die ein größerer Haushalt und die Sorge für mehrere Kinder mit sich bringen (6).
Dass die Sorge um eine angemessene Kindererziehung letztlich das zentrale Motiv für Befürworter der „traditionellen Familie“ ist, verdeutlichen Erhebungen des Deutschen Jugendinstituts zur Arbeitsteilung in der Ehe/Partnerschaft. Solange (noch) keine Kinder im Haushalt leben, befürwortete von den Befragten im Familiensurvey nur eine verschwindende Minderheit die Nicht- Erwerbstätigkeit der (Ehe)Frau. Ein ganz anderes Bild ergibt sich, wenn nach der gewünschten Arbeitsteilung mit kleinen Kindern im Haushalt gefragt wird. Solange ein Kind unter drei Jahren zu betreuen ist, spricht sich die Mehrheit aller Befragten für die Nicht- Erwerbstätigkeit der (Ehe)Frau aus (7). Die Präferenz für die Nicht- Erwerbstätigkeit von Müttern kleiner Kinder bedeutet also nicht, dass die Erwerbstätigkeit von Frauen abgelehnt wird. Es ist vielmehr ein Plädoyer dafür, Mütter kleiner Kinder von der Notwendigkeit der Erwerbsarbeit zu entlasten, damit sie ihre noch kleinen Kinder zu Hause erziehen können.
Neben der Erfahrung mit eigenen Kindern wird die Einstellung der Befragten zur Arbeitsteilung in der Familie auch von der Religiosität bzw. Kirchenbindung bestimmt: Regelmäßige Gottesdienstbesucher befürworten besonders häufig die Nicht-Erwerbstätigkeit von Müttern (8). Zugleich stimmen sie (noch) häufiger als kirchenferne Befragte der Auffassung zu, dass „Kinder im Haushalt zu haben und Aufwachsen zu sehen Spaß“ mache (9). Freude am Leben mit Kindern: Ohne sie würden Eltern wohl kaum freiwillig auf Freizeit, Konsum und Erwerbschancen verzichten. Neben manchen praktischen Gründen erklärt letztlich die (positive) Einstellung zum Leben mit Kindern, warum sich auch heute noch Eltern für eine traditionelle Familie entscheiden.
(1) Vgl.: Christian Alt/Gabriele Gloger Tipelt: Persönlichkeitsentwicklung und Sozialstruktur, S. 8-26, in: Christian Alt (Hrsg.): Kinderleben – individuelle Entwicklung in sozialen Kontexten, Wiesbaden 2008, S. 12/Angelika Kümmerling/Andreas Jansen/Steffen Lehndorff: Immer mehr Frauen sind erwerbstätig – aber mit kürzeren Wochenarbeitszeiten, IAQ/HBS Arbeitszeit-Monitor 2001 – 2006, IAQ- Report 2008-04.
(2) Vgl. Ristau: Der ökonomische Charme der Familie, S. 16-23, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 23-24 2005, S. 17-18.
(3) Vgl.: http://www.i-daf.org/81--woche-37-2008.html.
(4) Vgl.: Hans Bertram/Wiebke Rösler/Nancy Ehlert: Zeit, Infrastruktur und Geld: Familienpolitik als Zukunftspolitik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 23-24 2005, S. 10-11.
(5) Vgl.: Abbildung unten: Kinderzahl und Rollenbild in der Familie.
(6) Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Monitor Familienforschung, Ausgabe Nr. 10: Kinderreichtum in Deutschland, S. 8.
(7) Vgl.: Abbildung unten: Kirchenbindung und Rollenbild in der Familie.
(8) Vgl. ebd.
(9) Datenquelle: Familiensurvey 2000 des Deutschen Jugendinstituts.

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