Zitat der Woche 4 - 2009
Wall Street – Egoismus wie im Wilden Westen
Ein Beispiel gibt die amerikanische Pionierzeit. In den Bergwerksstädten und Handelsstationen, wo oft ein ungezügelter Individualismus herrschte, waren Willkür und Gewalt an der Tagesordnung [….]. Diese Grenzsiedlungen mit ihren schwachen sozialen Bindungen, ihrer lockeren Moral und Habgier waren in vielfacher Hinsicht die Vorläufer der Wall Street der 1980er Jahre. Die Street wurde in jenem Jahrzehnt zu einer „Räuberhöhle“, zu einem Tummelplatz von Schurken, die glaubten, wenn sie ein paar Millionen mehr als andere verdienten, sei alles erlaubt. Diese egozentrische Erfolgsmentalität der Ich- Generation hat sich wie ein Ölfleck über weite Bereiche unserer Gesellschaft ausgebreitet (1). […] Die Idee des Gemeinwohls oder öffentlichen Interesses, das die Vielfalt partikularer Interessen reguliert, nicht ersetzt, ist ausgehöhlt worden. […] Unsere politischen Parteien mit ihren konkurrierenden Gemeinwohlkonzeptionen wurden weitgehend zur Seite gedrängt; im Zentrum des Geschehens stehen Tausende von Interessengruppen und ein Kongress, der ihnen tief verpflichtet ist. […] All die Subventionen, Steuervergünstigungen, Sonderkredite und sonstigen Privilegien, die sie erhalten, reißen tiefe Löcher in den Staatshaushalt. Sie verteilen den Reichtum des Landes unter sich, saugen ihm das Mark aus und lassen wenig für die Projekte übrig, die dem Gemeinwohl dienen – also uns allen und unserer gemeinsamen Zukunft (2).
(1) Amitai Etzioni: Die Entdeckung des Gemeinwesens, Ansprüche, Verantwortlichkeiten und das Programm des Kommunitarismus, Stuttgart 1995, S. 140.
(2) Ebd., S. 16-17.