Nachricht der Woche 7- 2009
Demographie und Wirtschaftswachstum: Was Keynes schon wusste
Im Zentrum der Diskussionen um die Unterjüngung der deutschen Bevölkerung standen bisher die Folgen für die sozialen Sicherungssysteme, insbesondere die Rentenversicherung. Aufmerksamkeit fanden auch ihre Konsequenzen auf die Angebotsseite des Arbeitsmarkts: Angesichts der Alterung der Arbeitnehmerschaft und des langfristigen Sinkens des Erwerbspersonenpotentials wird häufig ein drohender „Mangel“ an „Fachkräften“ postuliert und eine höhere Erwerbsbeteiligung der erwachsenen Bevölkerung, insbesondere von Frauen mit Kindern, gefordert. Eher stiefmütterlich wurde dagegen bisher die zentrale Frage behandelt, wie sich die demographische Schrumpfung auf die Nachfrageseite der Volkswirtschaft auswirkt (1).
Dabei hatte schon John Maynard Keynes den Nachfragerückgang in der Weltwirtschaftskrise um 1930 auf den seit dem 1. Weltkrieg manifesten Geburtenrückgang im Zuge des sog. „1. Demographischen Übergangs“ zurückgeführt: Die Nachfrage nach neuem Investitionskapital habe sich in der Vergangenheit je etwa zur Hälfte aus den Bedürfnissen einer wachsenden Bevölkerung einerseits und neuen Erfindungen bzw. technologischem Fortschritt andererseits ergeben. Wenn das Bevölkerungswachstum entfalle bedürfe es – so Keynes – entweder einer Nivellierung der Einkommensverteilung, um die Sparrate zu senken oder einer starken Senkung der Zinsen, um weitere Investitionen rentabel zu machen. Eine Volkswirtschaft ohne Bevölkerungswachstum könne Wohlstandswachstum und Beschäftigung nur durch „intensives“ Wachstum, d. h. durch wirtschaftlich-technische Innovationen, erreichen. Solche Innovationen sollten Keynes zufolge durch eine aktive staatliche Beschäftigungspolitik – auch auf Kredit – gefördert werden. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde mit den Analysen von Keynes in vielen Industrieländern eine expansive staatliche Ausgabenpolitik begründet. Die von Keynes ebenfalls empfohlene Haushaltskonsolidierung und Schuldentilgung in Zeiten der Hochkonjunktur wurde dabei allerdings regelmäßig unterlassen. Die daraus resultierenden Schuldenberge vieler Industriestaaten haben die Ansätze von Keynes diskreditiert. In der Folge kam es seit den 70er Jahren zu einer Renaissance „neoklassischer“ Theorien in der Wirtschaftswissenschaft und einer „angebotsorientierten“ Wirtschaftspolitik (2).
„Neoklassische“ Ansätze postulieren, dass sich der Faktor Arbeit praktisch unbegrenzt durch den Faktor Kapital ersetzen lasse. Der Rückgang des Faktors Arbeit als Folge der Unterjüngung ließe sich folglich durch eine Steigerung der Arbeitsproduktivität kompensieren. Der Wohlstand im Sinne des Pro- Kopf- Einkommens würde demnach trotz des Nachwuchsmangels weiter steigen. Aus der Sicht der neueren Wachstums- und der Humankapitaltheorie erscheinen diese Hypothesen zweifelhaft: Im Gegensatz zur „Neoklassik“ betonen sie die entscheidende Bedeutung des Wissenskapitals in hochentwickelten Volkswirtschaften. Die qualifizierten Arbeitskräfte als Träger dieses Kapitals sind durch Investitionen in Sachkapital nicht zu ersetzen (3). Nicht nur moderne Wirtschaftstheorien, sondern auch die Erfahrungen der letzten Dekaden in entwickelten Industrieländern verweisen auf die zentrale Rolle des Kinder- und Jugendanteils an einer Bevölkerung für die wirtschaftliche Entwicklung: Frühindustrialisierte Länder mit niedrigen Geburtenraten, wie Deutschland, Japan oder die Schweiz befinden sich schon seit den 90er Jahren auf einem Pfad relativ schwachen Wirtschaftswachstums (4). Durch den Verzicht auf (mehr) Nachwuchs wurden in diesen Ländern Kosten in Billionenhöhe eingespart. Das eingesparte Geld ist vor allem in den Konsum geflossen, es entstand eine gewaltige Investitionslücke (5). Zugleich mangelt es heute an der für eine dynamische Binnenwirtschaft benötigten Nachfrage aus dem „Nachwuchssektor“. Das Beispiel dieser Länder und insbesondere der deutschen Volkswirtschaft aber zeigt, dass es nicht ausreicht lediglich in „Sachkapital“ wie Straßen, Fabriken etc. zu investieren: Eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung erfordert heute mehr denn je Investitionen in den Nachwuchs, also in Jugend, Bildung und Familien.
(1) Aufschlussreich zu diesen Aspekten: Andreas Heigl: Demographische Entwicklung und Ökonomie: Was kommt auf uns zu? S. 445-467, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft Heft 3-4/2007, Festschrift für Prof. Dr. Josef Schmid, VS Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden 2008.
(2) Franz- Xaver Kaufmann: Schrumpfende Gesellschaft. Vom Bevölkerungsrückgang und seinen Folgen, Suhrkamp Verlag Frankfurt 2005, S. 65-66.
(3) Ebd., S. 67-77.
(4) Informativ zur Geburtenentwicklung in Japan: Bernhard Gückel: Warum gibt es im Reich der aufgehenden Sonne immer weniger Kinder? S. 23-25, in: BIB- Mitteilungen 03/2008, Informationen aus dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung – Wiesbaden Dezember 2008. Zur Geburtenentwicklung in Deutschland: Siehe Abbildung unten: „Geburtenentwicklung in Deutschland – langfristig schrumpfende Generationen“.
(5) Für detaillierte Berechnungen im Blick auf Deutschland Siehe: Kaufmann 2005, op. cit. S. 77-82.
