zurück

Nachricht der Woche 9 – 2009

 

Über Betreuung und Kindeswohl in Tschechien und Deutschland

 

Wenn es darum geht, eine hohe Erwerbsquote von Frauen mit einer angemessenen Kinderbetreuung zu vereinbaren, verfügt Tschechien seit Jahrzehnten über besondere Erfahrungen. Wie in anderen sozialistischen Staaten wurde auch in der damaligen Tschechoslowakei seit den 50er Jahren die Betreuung von Kleinkindern in Krippen stark ausgebaut. Das Schicksal der Kinder in diesem System untersuchte in den 60er Jahren der Prager Kinderpsychologe Prof. Matejcek. Dabei stellte er an Kindern in Säuglingsheimen und Krippen gravierende psychische und körperliche Deprivationserscheinungen fest. Seine Erkenntnisse, die durch den Film „Kinder ohne Liebe“ popularisiert wurden, zwangen die Politik zum Handeln: Die Qualität der Betreuungseinrichtungen wurde verbessert, die „Wochenkrippen“ abgeschafft und sogar eine bezahlte Erziehungszeit für Eltern eingeführt (1).

Von der DDR-Regierung hingegen wurden in den 60er Jahren Elternzeiten zur Kinderbetreuung grundsätzlich abgelehnt. Auch Teilzeitarbeit galt in der DDR nur als ein Notlösung: Sie wurde lediglich geduldet, um bis dato nicht- erwerbstätige Frauen in den Arbeitsmarkt einzugliedern und den kontinuierlichen Produktionsablauf in bestimmten Branchen zu sichern. Denn eine „gute Mutter“ – das war nach Auffassung der SED nur eine „arbeitende“ Mutter. Dieses Leitbild wurde nicht nur arbeitsmarktpolitisch, sondern auch „volkspädagogisch“ begründet: So wurde behauptet, dass die Kinder „durch eine planmäßige und systematische, auf wissenschaftlichen Grundlagen beruhende Arbeit ausgebildeter Erzieherinnen“ von früh an viel besser gefördert werden könnten als durch Mütter „deren Tätigkeit sich auf den engen Kreis der Familie beschränkt“ (2).

Folgerichtig wurde in der DDR ein flächendeckendes System von Kinderkrippen und Horten eingerichtet, in dem die Kinder spätestens ab dem 2. Lebensjahr ganztägig untergebracht wurden. Auch in der DDR funktionierte das Betreuungssystem keineswegs reibungslos: So störte in den 80er Jahren das häufige Auftreten von Infekten den Betrieb der Kinderkrippen. Da viele Mütter für ihre kranken Kinder selber zu Hause sorgen wollten, wurde schließlich doch die Freistellung von Erwerbspflichten für Mütter etwas erleichtert. Nach dem das in den 70er Jahren eingeführte Babyjahr ab 1985/86 schon bei der Geburt des ersten Kindes galt, nutzten es fast alle Mütter um ihr Babies selber zu betreuen (3).

Trotz der ambivalenten Erfahrungen mit der Krippenerziehung gilt bis heute die flächendeckende Versorgung mit Kinderkrippen- und Horten in den neuen Bundesländern als eine unbestreitbare Errungenschaft der DDR. Auch nach der Wiedervereinigung blieb die flächendeckende institutionelle Kinderbetreuung weitgehend erhalten. Eine Studie der OECD attestierte 2004 Ostdeutschland „die weltweit beste Versorgung mit Kinderbetreuungseinrichtungen“ (4). In Bezug auf die Quantität der Betreuungsplätze mag dieses Urteil berechtigt sein. Dass es auch auf die Qualität der Kinderbetreuung zutrifft, ist allerdings zu bezweifeln. So wird der von Wissenschaftlern (und auch der EU- Kommission) empfohlene „Betreuungsschlüssel“ von maximal 3-4 Kindern pro Erzieherin in den neuen Bundesländern nur sehr selten erreicht (5). Im Blick auf das von der EU angestrebte beschäftigungspolitische Ziel einer höheren (Frauen)Erwerbsquote mag dies nachrangig erscheinen. Dagegen zeigen die Erfahrungen in den früheren Ostblockstaaten, insbesondere in der DDR und Tschechien, dass im Interesse der leiblichen und seelischen Gesundheit der Kinder die Qualität der Kinderbetreuung und angemessene Elternzeiten im Zentrum der politischen Aufmerksamkeit stehen sollten (6).

 

(1) Vgl.: Zdenek Matejek: Neue Erkenntnisse der Bindungsforschung. Prager Langfriststudien, S. 90-102, in: Deutsche Liga für das Kind (Hrsg.): Neue Erkenntnisse der Bindungsforschung, Berlin 1996, S. 93; sowie: Burghard Behncke: Der sich beschleunigende Kreislauf zwischen Kleinkindsozialisation in Kinderkrippen und gegenwärtigen Tendenzen in Wirtschaft und Gesellschaft, in: „Psyche - Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen“, Stuttgart März 2006, 60. Jahrgang, S. 237 – 252.

(2)  So hieß es 1962 in der SED- Zeitschrift Einheit. Dort war ebenfalls zu lesen, dass eine Hausfrau „auch als Mutter stets in Gefahr sei, schon durch ihr Beispiel bei den Kindern ähnliche Idealbilder zu wecken“ und ferner: „Jeder kennt die engstirnigen Klein-aber-mein-Spießbürger aller Schattierungen, die das Ergebnis sind und die Bremse jeder sozialistischen Entwicklung“. Zitiert nach: Ilona Ostner: Paradigmenwechsel in der (west)deutschen Familienpolitik, S. 165-199, in: Peter A. Berger/Heike Kahlert (Hrsg.): Der demographische Wandel. Chancen für eine Neuordnung der Geschlechterverhältnisse, S. 173.

(3)  Ebenda, S. 173-180.

(4) Vgl.Klaus Schroeder: Die veränderte Republik. Deutschland nach der Wiedervereinigung, in: Peter März/Klaus Schroeder (Hrsg.): Studien zu Politik und Geschichte, Band 4, München 2006, S. 427. Anlässlich der Vorstellung des „Familienreports 2009“ durch das Bundesfamilienministerium am 16. Februar wurde anerkennend hervorgehoben, dass nach 1990 in Ostdeutschland „beharrlich an der flächendeckenden Kinderbetreuung aus DDR- Zeiten festgehalten wurde“. Dagegen sei die Kinderbetreuungsinfrastruktur in Tschechien privatisiert und für viele unerschwinglich geworden. Siehe hierzu: http://www.tagesspiegel.de/politik/Familienreport;art771,2732270. Aber anders als bei der Vorstellung des „Familienreports“ behauptet, hat die stärker ausgebaute Kinderbetreuungsinfrastruktur in Ostdeutschland keine höhere Geburtenneigung zur Folge: Im Jahr 2007 lag die Geburtenrate (TFR) in Tschechien bei 1,44 Kindern pro Frau und war damit höher als in Ostdeutschland (TFR: 1,37). Vgl.: Österreichisches Institut für Familienforschung (Hrsg): Familien in Zahlen, Aktualisierung 2008, S. 16.

(5) Vgl.: Simon Wiggen: Gedränge in der Krabbelgruppe, Rheinischer Merkur vom 8. März 2007, S. 8.

(6) Ein aktuelles Beispiel für die Dringlichkeit einer eingehenderen Debatte über die Qualität von Kindertagesbetreuung ist der „Brandbrief“ von Kita- Leitern aus allen (!) zwölf Stadtbezirken an den Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner:

http://www.tagesspiegel.de/berlin/Kita-Brandbrief-Juergen-Zoellner;art270,2738848.

zurück