Nachricht der Woche 10 – 2009
Fernsehen und Lesen bedingen einander
Die wichtigste mediale Freizeitbeschäftigung von Kindern ist – trotz der Popularität von Computerspielen – immer noch das Fernsehen: So gut wie alle Kinder schauen täglich oder zumindest mehrmals wöchentlich Fernsehen (1). Die durchschnittliche Sehdauer wird von Forschern auf etwa anderthalb Stunden täglich geschätzt (2). Hinter diesem Durchschnittswert verbergen sich allerdings gegensätzliche „Nutzerprofile“. Denn Kinder unterscheiden sich in ihren Fernsehgewohnheiten.
So gibt es „Wenigseher“, die täglich maximal etwa eine Stunde fernsehen, und „Vielseher“, die oft mehrere Stunden am Tag vor dem Fernseher sitzen. Diese Gruppen von Kindern unterscheiden sich über den Fernsehkonsum hinaus grundlegend in ihren Lebensgewohnheiten. „Vielseher“ – vor allem solche, die mehr als drei Stunden täglich fernsehen – sind häufiger alleine und haben weniger Kontakt zu Freunden als „Wenigseher“. Sie bewegen sich auch seltener und neigen allgemein zu einer ungesünderen Lebensweise, die wiederum gesundheitliche und motorische Probleme (Übergewicht etc.) zur Folge hat. Die allgemein inaktivere Lebensweise von „Vielsehern“ zeigt sich nicht zuletzt auch darin, dass sie seltener ein Musikinstrument lernen (3).
Nicht nur die äußere Lebensweise, sondern auch das Innenleben von Kindern wird durch den Fernsehkonsum geprägt. So zeigten empirische Studien, dass Kinder – entgegen ihrem subjektiven Empfinden – beim Fernsehen emotional stärker beansprucht werden als in der Schulzeit. Vielseher reagierten dabei auf Fernsehinhalte deutlich schwächer als Wenigseher. Im Gegensatz dazu waren sie in der Schule emotional stärker beansprucht. Dem Unterricht zu folgen scheint für Vielseher also anstrengender zu sein als für Kinder die weniger fernsehen. Dies hat Folgen für die Leistungsfähigkeit der Kinder: Studien aus verschiedenen Ländern belegen, dass ein starker Fernsehkonsum mit schlechteren Schulleistungen einhergeht und dass Kinder, die mehr als drei Stunden täglich fernsehen, seltener den Schulabschluss erreichen (4).
Grundlegend für den Erfolg in Schule und Beruf ist eine hinreichende Lesefähigkeit. Studien zeigen eindeutige Zusammenhänge zwischen dem Fernsehkonsum und der Lesefähigkeit: Je weniger Zeit Kinder mit Bildschirmmedien (also vor allem dem Fernsehen) verbringen, desto besser sind ihre Leseleistungen. Dies ist zum einen natürlich durch die Lesepraxis bedingt: „Vielleser“ haben weniger Zeit zum Fernsehen oder Computer spielen als „Wenigleser“. Und umgekehrt haben „Vielseher“ in der Regel weniger Zeit zum Lesen. Zum anderen aber scheint das Fernsehen an sich der Lesekompetenz zu schaden: Vielleser, die zugleich auch Vielseher waren, zeigten in Untersuchungen schlechtere Leseleistungen als Vielleser, die nur wenig fernsahen. Und Kinder, die täglich nur wenig oder in normalem Maße lasen, waren im Lesen besser, wenn sie nur wenig fernsahen (5). Der Verzicht auf Fernsehkonsum fördert offensichtlich die Lesefähigkeit, die kognitive Entwicklung und den Schulerfolg von Kindern.
Absolute Fernsehverbote gelten allerdings nur in Ausnahmefällen als angemessen. Schließlich gehören Medien heute zum selbstverständlichen Erfahrungshorizont von Kindern. Erfolgversprechender ist es, Regeln für das Fernsehen praktisch umzusetzen. Dabei ist es zunächst erforderlich den Fernsehkonsum quantitativ bzw. zeitlich klar zu beschränken. Noch besser ist es, wenn qualitativ hochwertige Programme ausgewählt werden und die Eltern mit den Kindern über das Gesehene regelmäßig sprechen. Sehr hilfreich ist es, wenn sich die Eltern selbst an die von Ihnen aufgestellten Regeln halten. Schließlich ist das Vorbild der Eltern – wie Kindheitsforscher es ausdrücken – ein „bedeutsames Korrelat des kindlichen Fernsehverhaltens“ (6). Im Blick auf das Leseverhalten ist die Vorbildfunktion der Eltern nicht weniger wichtig. Klare Regeln für den Fernsehkonsum in der Familie und ein bewusster Umgang der Eltern mit Medien tragen entscheidend dazu bei, dass Kinder ihre Lesefähigkeit auch im Zeitalter der elektronischen Medien optimal entwickeln können.
(1) Vgl.: Christian Alt/Gabriele Gloger-Tippelt: Persönlichkeitsentwicklung und Sozialstruktur, S. 7-26, in: Christian Alt (Hrsg.): Kinderleben – individuelle Entwicklungen in sozialen Kontexten, Wiesbaden 2008, S. 15-16.
(2) Vgl.: Una M. Röhr-Sendlmaier/Irina Götz/Rebecca Stichel: Medienerziehung in der Familie: Regeln und Motive, Umfang und Auswirkungen der Nutzung von Computer, Fernseher und Videokonsole, S. 107-129, Zeitschrift für Familienforschung, 20. Jahrgang, Heft 2/2008, S. 108 und S. 124.
(3) Vgl. ebenda, S. 112.
(4) Ebenda, S. 117-119.
(5) Ebenda, S. 119.
(6) Ebenda, S. 114.
