Nachricht der Woche 11 - 2009
Das Klischee von den „Bildungsfernen“ - Warum und wie viel Kinder zu hause bleiben
In der Diskussion über die Frühförderung von Kindern durch institutionelle Kinderbetreuung wird hier und da die Forderung aufgestellt, Eltern sollten gesetzlich verpflichtet werden, ihre Kinder zumindest im letzten Jahr vor dem Schuleintritt in einen Kindergarten zu schicken. Befürworter einer solchen „Kindergartenpflicht“ erhoffen sich davon, Kinder aus Familien mit einem „Migrationshintergrund“ und aus sogenannten „bildungsfernen Schichten“ besser fördern und in das Bildungssystem integrieren zu können. Eltern, deren Kinder keine Kindertageseinrichtungen besuchen, wird in diesem Zusammenhang bisweilen nachgesagt, sie würden aus Unkenntnis über die Entwicklungsbedürfnisse von Kindern ihren Nachwuchs von vorschulischen Bildungsangeboten fernhalten (1).
Gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse über die Gründe, warum manche Kinder keine Kindergärten besuchen gab es jedoch bisher kaum. Dank einer vom Bundesfamilienministerium geförderten Studie über „Kinderbetreuung in der Familie“ liegen nun Zahlen vor: Wissenschaftler des „Forschungsverbunds Deutsches Jugendinstitut/TU Dortmund“ haben mit Hilfe von Elternbefragungen die Gründe für den Verzicht auf Angebote der Kindertagesbetreuung untersucht. Dabei erwies es sich als schwierig für die Befragungen überhaupt noch Eltern zu finden, deren Kinder keinen Kindergarten besuchen. Nach den Daten der Kinder- und Jugendhilfestatistik besuchten im Jahr 2007 etwa 5% der Fünfjährigen keine Kindertageseinrichtung. Der Anteil der Kinder, die vor dem Eintritt in die Schule nie oder nur für kurze Zeit einen Kindergarten besuchen, ist aber noch geringer als es die amtliche Statistik ausweist. Schließlich können Kinder, die zu einem bestimmten Stichtag (hier: 15. März 2007) nicht in einer Kindertagesstätte angemeldet waren, bereits früher institutionell betreut worden sein oder (der wahrscheinlichere Fall) noch zu einem späteren Zeitpunkt einen Kindergarten besuchen. Tatsächlich zeigt die Analyse von Schuleingangsuntersuchungen, dass nur noch zwischen 1,3% und 3,4% der Kinder nicht oder nur kurzzeitig eine Kindertageseinrichtung besuchen, also bis zum Schuleintritt praktisch ausschließlich in ihrer Familie erzogen werden. (2)
Mehr als die 60 Prozent dieser „Hauskinder“ kommen aus Elternhäusern, in denen die Mutter das Abitur oder zumindest einen Realschulabschluss hat. Eltern ohne oder mit einfachem Schulabschluss geben zwar häufiger als besser Qualifizierte ihre Kinder nicht in eine Kindertageseinrichtung. Der Anteil der gering qualifizierten Eltern an der Gesamtbevölkerung ist jedoch deutlich geringer als der von formal höher qualifizierten Elternhäusern. So ist es zu erklären, dass auch von den – ohnehin bundesweit nur wenigen Tausend Hauskindern – nur eine Minderheit aus sog. „bildungsfernen“ Elternhäusern stammt. Nicht nur der Anteil „Bildungsferner“, sondern auch von Migranten an den „Kindergartenverweigerern“ ist deutlich geringer als oft vermutet: Mehr als drei Viertel der Hauskinder hat Eltern mit deutscher Staatsangehörigkeit.
Der insgesamt breiten Verteilung von Hauskindern über alle sozialen Schichten entspricht ein weites Spektrum von Gründen für die häusliche Betreuung: Vom Fehlen eines geeigneten Betreuungsplatzes in räumlicher Nähe über als zu hoch empfundene Kostenbeiträge für den Kindergarten bis hin zu gesundheitlichen Problemen der Kinder (3). Nur eine Minderheit der „Hauskind-Eltern“ lehnt die Betreuung in Kindertagestätten grundsätzlich ab: Die Forscher bezeichnen sie als die „Familienüberzeugten“. Diese Eltern hätten sich aus „familienzentrierten Gründen“ (Zusammensein mit Geschwistern, emotionale Bindung u. ä.) „aktiv und reflektiert gegen institutionelle Betreuung entschieden“ (4). Für diese Eltern gebe es „wenig nachvollziehbare Argumente“, warum sie – z.B. durch eine Kindergarten-Pflicht – daran gehindert werden sollten, „ihre häufig differenziert dargelegten Vorstellungen von Familienleben und Erziehung“ zu verwirklichen (5).
(1) Migranten wird nicht selten sogar unterstellt, dass sie ihre Kinder nicht in eine Kindertagesstätte schicken, weil sie keine bessere soziale Integration anstreben würden. Vor diesem Hintergrund wurde in Kärnten in der Amtszeit von Jörg Haider als Landeshauptmann ein verpflichtendes Kindergartenjahr eingeführt: Nina Horaczek: Kindergarten. Das verfrühte 13., ZEIT online - 7. Februar 2008, http://www.zeit.de/online/2008/07/kindergarten-oesterreich. Auch der deutsche Arbeitgeberverband fordert unter Verweis auf die Notwendigkeit einer besseren Integration von Zuwanderern eine „Kindergartenpflicht“: Vgl.: Florian Kain/Maike Röttger: Arbeitgeber fordern Kindergartenpflicht, Hamburger Abendblatt vom 29. Januar 2009, http://www.abendblatt.de/daten/2009/01/28/1026871.html
(2) Vgl.: Hüsken, Katrin/Seitz, Katharina/Tautorat, Petra/Walter, Michael/Wolf, Karin (2008): Kinderbetreuung in der Familie. Abschlussbericht. München, S. 9 (Executive Summary) und S. 84. Die Publikation steht auf der Homepage des Deutschen Jugendinstituts München zum Download zur Verfügung:
http://www.dji.de/cgi-bin/projekte/output.php?projekt=877&Jump1=RECHTS&Jump2=60.
(3) ebenda, S. 84-85.
(4) ebenda, S. 66-67 und S. 88.
(5) ebenda, S. 92.