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Nachricht der Woche 12 - 2009

 

Gesellschaftlicher Wandel und Gewalt

 

Seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts ist in allen hoch entwickelten und demokratisch verfassten Gesellschaften ein Anstieg der Gewaltkriminalität zu beobachten. Stärker noch als die Mordrate hat dabei die Häufigkeit von Raubüberfällen sowie von leichten und schweren Körperverletzungen zugenommen. Insbesondere Jugendliche und Heranwachsende sind – langfristig betrachtet – zunehmend in Gewaltdelikte involviert (1). Den Grund hierfür sehen Sozialwissenschaftler in einer Zunahme von „Anomie“: Als „Anomie“ wird – in Anlehnung an den französischen Soziologen Emile Durkheim (1858-1917) – eine Situation bezeichnet, in der soziale Regeln, moralische Gebote und staatliche Gesetze zunehmend weniger befolgt werden. Als zentrale Ursache für Anomie sah Durkheim einen raschen und tiefgreifenden Wandel der Gesellschaft an (2).

Seit den 50er Jahren haben die westlichen Industriegesellschaften, insbesondere auch Deutschland, einen solchen Wandel erlebt: Wirtschaftliches Wachstum hat die Konsummöglichkeiten für breite Bevölkerungsschichten verbessert, der Dienstleistungssektor der Wirtschaft ist stark expandiert, das Ausbildungsniveau in der Bevölkerung, insbesondere der Frauen, ist gestiegen und die Lebensformen sind vielfältiger geworden (Zunahme von Single-Haushalten etc.). Im Gegenzug hierzu sind agrarisch-ländliche Strukturen weitgehend verschwunden, hat die gesellschaftliche Bedeutung von lokal- nachbarschaftlichen Lebenswelten (auch in den Städten) und traditionellen Lebensformen nachgelassen. Wichtiger geworden sind dagegen die Gesetze des Marktes und der  Konkurrenz: Für die Stellung des Einzelnen ist nicht mehr seine soziale Herkunft oder familiäre Rolle bestimmend, sondern sein geldwerter Erfolg im wirtschaftlichen Wettbewerb. Nach Ansicht von Sozialforschern begünstigt diese „Kultur der Konkurrenz“ quer durch alle Gesellschaftsschichten Anomie und kriminelle Verhaltensweisen: In der Oberschicht wird die Neigung gefördert sich durch Bestechung, Steuerhinterziehung etc. zu bereichern („white-collar-crime“). Für die Zukurzgekommenen und Ohnmächtigen kann dagegen die Gewalt ein Ausdrucksmittel werden mit dem versucht wird – tatsächliche oder vermeintliche – „Erniedrigungen“ in ein „rauschhaftes Erleben von Macht und Überlegenheit“ zu transformieren“ (3).

Eine Schlüsselrolle für die Zunahme von Anomie – vor allem unter Jugendlichen – spielen die Medien: Zum einen wird durch die kommerzielle Werbung die Ökonomisierung auch der privaten und familiären Lebenswelt vorangetrieben und damit die Konkurrenz um Prestige und materielle Ressourcen verschärft. Zum anderen fördern – wie einschlägige Studien zeigen – Gewaltdarstellungen in den Medien die Gewaltbereitschaft. Gegen solche Erkenntnisse aus der Forschung wird häufig eingewandt, dass die meisten Menschen, die gewalthaltige Medienangebote konsumierten, selbst nicht gewalttätig würden. Tatsächlich behaupten diese Studien auch nicht, dass intensiver Konsum von Gewaltdarstellungen notwendigerweise zu praktizierter Gewalt führt, sondern lediglich, dass dieser aggressives Verhalten wahrscheinlicher werden lässt. Sie zeigen auch, dass Gewaltdarstellungen besonders attraktiv sind für Personen, die schon gewaltbereit sind. Deren Gewaltbereitschaft wird „durch den Konsum von Gewaltdarstellungen verstärkt, sodass dieser Selektionseffekt das Fernsehen (Internet, Videospiel) nicht von kausaler Verantwortung entlastet“ (4). Anders ausgedrückt: Gewalttätige Medieninhalte sind zwar sicherlich nicht der Hauptgrund für Anomie, Gewalt und Kriminalität, sie können aber der entscheidende Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt (5).

 

(1) Zu beachten ist dabei allerdings, dass im Blick auf Gewaltdelikte in den 1950er Jahren ein historischer Tiefstand zu verzeichnen war. Seit Beginn der Neuzeit war die Gewaltkriminalität – wenn auch diskontinuierlich – bis Mitte des 20. Jahrhunderts stark gesunken. Vgl.: Helmut Thome/Christoph Birkel: Sozialer Wandel und Gewaltkriminalität. Deutschland, England und Schweden im Vergleich, 1950-2000, VS Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden 2007, S. 396.

 

(2) Vgl. ebd., S. 29-31.

(3) Ebd., S. 342-244.

(4) Thome und Birkel merken hierzu an: „Man stelle sich einen Menschen vor, der einen schweren Stein zuerst gegen eine Fensterscheibe und dann gegen eine Betonwand wirft. Während die Fensterscheibe zerbricht, bleibt die Betonwand stehen. Würde deshalb jemand auf die Idee kommen zu behaupten: nicht der Steinewerfer, sondern die Fensterscheibe sei ursächlich „Schuld“ an ihrem Zerbrechen, denn die Betonmauer sei unter dem physikalisch gleichen Wurf nicht zerbrochen?“ Ebd., S. 380-381.

(5) Zur Wirkung speziell von Computerspielen: Jana Ehrhardt: Wenn das wirkliche Leben nicht mehr statt findet, Handelsblatt vom 7. Februar 2009, http://www.handelsblatt.com/technologie/geisteswissenschaften/wenn-das-wirkliche-leben-nicht-stattfindet;2140639.

 

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