Newsletter 12 - 2009
Zitat der Woche 12 - 2009
Kultur der Konkurrenz schafft Angst-Rivalität
Drei Dinge fallen immer wieder auf und die sind eben nicht nur typisch für Amokläufer: Das Erste ist die Isolation. Wir haben einfach zu viele isolierte Kinder, das heißt, sie haben schon ganz früh nicht gelernt, mit anderen Kindern freudig und vorbehaltlos zu spielen. Sie haben sich selber im Kontakt, im Spiel mit anderen nicht kennengelernt. Dafür gibt es viele Gründe, nicht zuletzt der Leistungsdruck, der heute schon in die Kindergärten Einzug gehalten hat. Dann die Schule. Solche Kinder, die das Soziale nicht tief verinnerlicht, nicht empfunden haben, isolieren sich und die anderen Kinder, die wittern das, die haben eine Intuition dafür, die weichen dann zurück. Und plötzlich ist solch ein Kind isoliert. …. Und nun kommt noch etwas anderes dazu: Wir sind geradezu durchzogen, ja durchstresst von einer Leistungskultur. Das hat mit der Veränderung unserer Wirtschaftsordnung insgesamt zu tun. Die Eltern drängen es auf die Kinder, du musst das und das schaffen, sonst ist deine Zukunft unsicher. Und die Schulen setzen noch einen drauf: Mit neun Jahren fragen die Kinder bereits nicht mehr: Macht Lesen Spaß, sondern reicht mein letztes Diktat für die Gymnasialempfehlung. Also auch hier wird Rivalität unter den Kindern und damit auch Angst, Angstrivalität gestiftet. … Wenn ich jetzt so ein Kind vor Augen habe, isoliert, das die Realität nicht liebt, in der es sich aufhält, das keinen Kontakt zu den anderen Kindern findet, dieses Kind fühlt sich entwertet. Dann baut es solch ein inneres hybrides Bild auf, ich bin eigentlich ganz toll, eigentlich bin ich grandios, ihr wisst das nur alle nicht, ich werde euch vernichten, um meine Grandiosität zu beweisen. Und jetzt erst kommen diese Computerspiele und Internet ins Spiel.
Kinderpsychologe: Rolle des Internets bei Amokläufen nicht überbewerten. Wolfgang Bergmann ermuntert Eltern zu vertrauensvoller Erziehung, Interview im Deutschlandradio Kultur am 16. März 2009, http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/935370/
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Nachricht der Woche 12 - 2009
Gesellschaftlicher Wandel und Gewalt
Seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts ist in allen hoch entwickelten und demokratisch verfassten Gesellschaften ein Anstieg der Gewaltkriminalität zu beobachten. Stärker noch als die Mordrate hat dabei die Häufigkeit von Raubüberfällen sowie von leichten und schweren Körperverletzungen zugenommen. Insbesondere Jugendliche und Heranwachsende sind – langfristig betrachtet – zunehmend in Gewaltdelikte involviert (1). Den Grund hierfür sehen Sozialwissenschaftler in einer Zunahme von „Anomie“: Als „Anomie“ wird – in Anlehnung an den französischen Soziologen Emile Durkheim (1858-1917) – eine Situation bezeichnet, in der soziale Regeln, moralische Gebote und staatliche Gesetze zunehmend weniger befolgt werden. Als zentrale Ursache für Anomie sah Durkheim einen raschen und tiefgreifenden Wandel der Gesellschaft an (2).
Seit den 50er Jahren haben die westlichen Industriegesellschaften, insbesondere auch Deutschland, einen solchen Wandel erlebt: Wirtschaftliches Wachstum hat die Konsummöglichkeiten für breite Bevölkerungsschichten verbessert, der Dienstleistungssektor der Wirtschaft ist stark expandiert, das Ausbildungsniveau in der Bevölkerung, insbesondere der Frauen, ist gestiegen und die Lebensformen sind vielfältiger geworden (Zunahme von Single-Haushalten etc.). Im Gegenzug hierzu sind agrarisch-ländliche Strukturen weitgehend verschwunden, hat die gesellschaftliche Bedeutung von lokal- nachbarschaftlichen Lebenswelten (auch in den Städten) und traditionellen Lebensformen nachgelassen. Wichtiger geworden sind dagegen die Gesetze des Marktes und der Konkurrenz: Für die Stellung des Einzelnen ist nicht mehr seine soziale Herkunft oder familiäre Rolle bestimmend, sondern sein geldwerter Erfolg im wirtschaftlichen Wettbewerb. Nach Ansicht von Sozialforschern begünstigt diese „Kultur der Konkurrenz“ quer durch alle Gesellschaftsschichten Anomie und kriminelle Verhaltensweisen: In der Oberschicht wird die Neigung gefördert sich durch Bestechung, Steuerhinterziehung etc. zu bereichern („white-collar-crime“). Für die Zukurzgekommenen und Ohnmächtigen kann dagegen die Gewalt ein Ausdrucksmittel werden mit dem versucht wird – tatsächliche oder vermeintliche – „Erniedrigungen“ in ein „rauschhaftes Erleben von Macht und Überlegenheit“ zu transformieren“ (3).
Eine Schlüsselrolle für die Zunahme von Anomie – vor allem unter Jugendlichen – spielen die Medien: Zum einen wird durch die kommerzielle Werbung die Ökonomisierung auch der privaten und familiären Lebenswelt vorangetrieben und damit die Konkurrenz um Prestige und materielle Ressourcen verschärft. Zum anderen fördern – wie einschlägige Studien zeigen – Gewaltdarstellungen in den Medien die Gewaltbereitschaft. Gegen solche Erkenntnisse aus der Forschung wird häufig eingewandt, dass die meisten Menschen, die gewalthaltige Medienangebote konsumierten, selbst nicht gewalttätig würden. Tatsächlich behaupten diese Studien auch nicht, dass intensiver Konsum von Gewaltdarstellungen notwendigerweise zu praktizierter Gewalt führt, sondern lediglich, dass dieser aggressives Verhalten wahrscheinlicher werden lässt. Sie zeigen auch, dass Gewaltdarstellungen besonders attraktiv sind für Personen, die schon gewaltbereit sind. Deren Gewaltbereitschaft wird „durch den Konsum von Gewaltdarstellungen verstärkt, sodass dieser Selektionseffekt das Fernsehen (Internet, Videospiel) nicht von kausaler Verantwortung entlastet“ (4). Anders ausgedrückt: Gewalttätige Medieninhalte sind zwar sicherlich nicht der Hauptgrund für Anomie, Gewalt und Kriminalität, sie können aber der entscheidende Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt (5).
(1) Zu beachten ist dabei allerdings, dass im Blick auf Gewaltdelikte in den 1950er Jahren ein historischer Tiefstand zu verzeichnen war. Seit Beginn der Neuzeit war die Gewaltkriminalität – wenn auch diskontinuierlich – bis Mitte des 20. Jahrhunderts stark gesunken. Vgl.: Helmut Thome/Christoph Birkel: Sozialer Wandel und Gewaltkriminalität. Deutschland, England und Schweden im Vergleich, 1950-2000, VS Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden 2007, S. 396.
(2) Vgl. ebd., S. 29-31.
(3) Ebd., S. 342-244.
(4) Thome und Birkel merken hierzu an: „Man stelle sich einen Menschen vor, der einen schweren Stein zuerst gegen eine Fensterscheibe und dann gegen eine Betonwand wirft. Während die Fensterscheibe zerbricht, bleibt die Betonwand stehen. Würde deshalb jemand auf die Idee kommen zu behaupten: nicht der Steinewerfer, sondern die Fensterscheibe sei ursächlich „Schuld“ an ihrem Zerbrechen, denn die Betonmauer sei unter dem physikalisch gleichen Wurf nicht zerbrochen?“ Ebd., S. 380-381.
(5) Zur Wirkung speziell von Computerspielen: Jana Ehrhardt: Wenn das wirkliche Leben nicht mehr statt findet, Handelsblatt vom 7. Februar 2009, http://www.handelsblatt.com/technologie/geisteswissenschaften/wenn-das-wirkliche-leben-nicht-stattfindet;2140639.
