IDAF NEWSLETTER Woche 13 – 2009
Unterhaltsrecht und Familiengründung
Zitat der Woche 13 - 2009
Das Dilemma mit den alternativen Lebensformen
Im Einzelfalle mögen heute alternative Lebensformen plausibler sein als die Lebensform der „Normalfamilie“. Aber die Rechtsordnung und mit ihr die Politik hat es vor allem mit der Ordnung der vorherrschenden Verhältnisse zu tun und steht angesichts solcher Wünsche stets vor dem Dilemma, wie weit die Anerkennung alternativer Lebensformen getrieben werden kann, ohne die in familialer Hinsicht im Regelfalle leistungsfähigere Form der Familie ihres leitbildhaften Charakters zu entkleiden. Zu Letzterem besteht auch aus soziologischer Sicht keinerlei Anlass. Eine Gesellschaft, die nicht in der Lage wäre, bestimmte Formen ihres Zusammenlebens deshalb zu privilegieren, weil sie sie als im Regelfalle als sozial nützlicher ansieht, würde sich in Widersprüche verwickeln und ihren Mitgliedern Orientierungsleistungen vorenthalten, auf die sie im Regelfalle angewiesen sind.
Franz-Xaver Kaufmann: Zukunft der Familie im vereinten Deutschland. Gesellschaftliche und politische Bedingungen, Verlag C. H. Beck, München 1995, S. 225.
Nachricht der Woche 13 - 2009
Unterhaltsrecht und Familiengründung – das Alter entscheidet
Nach Ansicht des Bundesjustizministeriums ist die Reform des Unterhaltsrechts „ein wichtiger Schritt zu einer modernen Familienpolitik“. Praktisch bedeutet diese Reform, dass geschiedene Mütter von ihren früheren Männern weniger Unterhalt bekommen und schneller als bisher eine (Vollzeit)Erwerbstätigkeit aufnehmen müssen. Geschiedene sollen „eine zweite Chance haben, eine Familie zu gründen und damit auch zu finanzieren“. Schließlich zeigten „die vielen Patchwork-Familien, dass sich die Lebenswirklichkeit geändert hat“ (1). Zu Recht weist das Bundesjustizministerium auf die durch hohe Scheidungsziffern veränderte „Lebenswirklichkeit“ von Kindern und Familien hin. Zur Wirklichkeit gehört allerdings auch, dass höchstens zehn Prozent der Kinder in Westdeutschland in „Patchworkfamilien“ aufwachsen. Der Anteil der in solchen Familien aufwachsenden Kinder ist in Deutschland deutlich geringer als in anderen westlichen Ländern, insbesondere den USA (2).
Dass Patchwork-Familien in Deutschland seltener sind als in den USA, ist nicht nur auf die tendenziell etwas niedrigere Scheidungsquote zurückzuführen. Entscheidend ist vielmehr auch das Alter, in dem Ehen geschlossen und Familien gegründet werden. Für beide Geschlechter gilt in Deutschland, dass sich – u. a. bedingt durch verlängerte Ausbildungszeiten – „das Eingehen einer verbindlichen Partnerschaft bzw. die Gründung eines gemeinsamen Haushalts in ein zunehmend höheres Alter verlagert“ hat (3). Der deutlichste Indikator hierfür ist der zeitliche Aufschub der Eheschließung: Das durchschnittliche Erstheiratsalter von Männern ist seit 1970 von 25-26 Jahren auf 33 Jahre in 2006 gestiegen. (Ehe-)Frauen sind in Durchschnitt zwei bis drei Jahre jünger als ihre (Ehe)Partner. Ihr durchschnittliches Heiratsalter lag im Jahr 2006 bei etwa 30 Jahren, im Jahr 1970 heirateten Frauen im Durchschnitt schon mit 23 Jahren (4).
Als Folge des Aufschubs von (verbindlicher) Partnerschaft und Heirat in ein immer höheres Lebensalter verknappt sich das Zeitfenster für Kinder im Lebenslauf. Dies gilt nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer. Zwar können Männer auch noch im Alter von über 40 Jahren Kinder zeugen. Untersuchungen zum Kinderwunsch zeigen aber, dass das Zeitfenster für die Familienplanung begrenzt ist. Als ideal für die Familiengründung sehen nach Erkenntnissen des Deutschen Jugendinstituts die meisten Männer das Alter zwischen 25 und 30 Jahren an. Für bis dato kinderlos gebliebene Männer über 45 Jahre ist das (zu hohe) Alter (des Befragten selbst und/oder seiner Partnerin) der zentrale Grund gegen Kinder (5). Tatsächlich sind nur etwa 10 Prozent der Väter von Neugeborenen 45 Jahre und älter. Mehr als zwei Drittel der Väter von Neugeborenen sind Männer im Alter von 25-40 Jahren (6). Wenn nun Männer in Deutschland nach einer Scheidung ein zweites Mal heiraten, sind sie im Durchschnitt etwa 46 Jahre alt (7). Das Zeitfenster für die Familiengründung ist damit in der Regel geschlossen – (weitere) Kinder sind für die meisten ein zweites oder weiteres Mal heiratenden Männer in Deutschland ein sehr untergeordnetes Thema.
In den USA stellt sich dies etwas anders dar: Frauen sind bei der ersten Eheschließung durchschnittlich etwa 25 und Männer 26-27 Jahre alt (8). Die meisten Trennungen/Scheidungen sind – in den USA wie in Deutschland – innerhalb der ersten zehn Ehejahre zu verzeichnen. Folglich sind nicht nur Erstheiratende, sondern auch ein zweites Mal heiratende Geschiedene in den USA jünger als in Deutschland. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass Stieffamilien in den USA häufiger sind: Da sie tendenziell jünger sind, kommt für Geschiedene in den USA eine (erneute) Familiengründung eher in Frage als für Deutsche, deren erste Ehe geschieden wurde. Für Deutschland gilt dagegen: Zweite Familiengründungen sind trotz der hohen Scheidungsziffern relativ selten, weil die erste Ehe erst spät geschlossen wird. Es sind jedenfalls nicht primär die Unterhaltsverpflichtungen für Ex-Ehefrauen, die geschiedene Männer davon abhalten, sich für (weitere) Kinder zu entscheiden. Der wichtigere Grund gegen Kinder ist das fortgeschrittene Lebensalter.
(1) Vgl.: Bundesministerium der Justiz: Reform des Unterhaltsrechts,
http://www.bmj.bund.de/enid/Familienrecht/Unterhaltsrecht_pw.html.
(2) Vgl.: Markus Teubner: Wie viele Stieffamilien gibt es in Deutschland? S. 23-50, in: Walter Bien/Angela Hartl/Markus Teubner: Stieffamilien in Deutschland. Eltern und Kinder zwischen Normalität und Konflikt, Deutsches Jugendinstitut: Familiensurvey Band 10, S.32.
(3) Vgl.: Andrea Lengerer/Thomas Klein: Der langfristige Wandel partnerschaftlicher Lebensformen im Spiegel des Mikrozensus, S. 433-447, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik, 4/2007, Vgl.: Andrea Lengerer/Thomas Klein: Der langfristige Wandel partnerschaftlicher Lebensformen im Spiegel des Mikrozensus, S. 433-447, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik, 4/2007, S. 440 und S. 446.
(4) Siehe Abbildung unten: „Heiratsalter von Frauen und Männern“ sowie für das Jahr 2006: Sacha Krieger/Julia Weinmann: Lebensformen in der Bevölkerung, Kinder und Kindertagesbetreuung, S. 27-43, in: Statistisches Bundesamt/Gesellschaft sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen/ Wissenschaftszentrum Berlin (Hrsg.): Datenreport 2008. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2008, S. 32-33.
(5) vgl. Claudia Zerle/Isabelle Krok: „Null Bock auf Familie? Der schwierige Weg junger Männer in die Vaterschaft – Kurzfassung – München 2008, S. 3. sowie: Heike Klindworth: Familienplanung im Lebenslauf von Männern: Aufschieben, Realisieren, Verpassen? S. 62-71, in: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): männer leben. Familienplanung und Lebensläufe von Männern. Kontinuitäten und Wandel, Köln 2005, S. 69.
(6) Dies lässt sich aus der Elterngeldstatistik erschließen: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Öffentliche Sozialleistungen – Statistik zum Elterngeld. Beendete Leistungsbezüge 2008, Wiesbaden 2009, T10.1.
(7) Siehe Abbildung unten: „Heiratsalter von Frauen und Männern“.
(8) Siehe Abbildung unten: „Heiratsalter von Männern in den USA“.

