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Nachricht der Woche 15 - 2009

 

Fürsorgearbeit: Es geht um Personen, nicht Produkte

 

In allen entwickelten (post)industriellen Gesellschaften arbeitet heute die Mehrheit der Beschäftigten im Dienstleistungssektor. Die meisten Beschäftigten im Dienstleistungssektor sind im Bereich der sozialen Dienstleistungen tätig. Hierzu zählen insbesondere das Gesundheitswesen, die institutionelle Kindererziehung sowie die professionelle Pflege älterer Menschen. Der Ausbau dieser sozialen Dienstleistungen, insbesondere der öffentlichen Betreuung von Vorschulkindern, hat die Möglichkeiten von Müttern erweitert, eine bezahlte Erwerbstätigkeit aufzunehmen. Zugleich hat sie neue Arbeitsplätze für Frauen geschaffen – die weit überwiegende Mehrheit der Beschäftigten in Kindertagesstätten, Pflegeheimen etc. sind Frauen. Die Expansion des (sozialen) Dienstleistungssektors und der Frauenerwerbstätigkeit in den vergangenen Jahrzehnten sind „kommunizierenden Röhren“ vergleichbar. Dies bedeutet, dass früher informell in den Familien ausgeübte Tätigkeiten zunehmend über den Markt oder den Staat organisiert und monetär entgolten werden (1). Ökonomen und Politiker befürworten in der Regel diese Monetarisierung sozialer Dienstleistungen, weil sie mehr bezahlte Beschäftigung und einen Zuwachs des Sozialprodukts verspricht.

 

Zweifellos ist die Monetarisierung des Tausches von Gütern eine zentrale Grundlage des wirtschaftlichen Erfolgs entwickelter Industriegesellschaften. Eine andere ist die Arbeitsteilung: Komplexe Arbeitsvorgänge werden in kleine Teile zerlegt und wieder zusammengefügt. Dieser industriellen Arbeitsweise entspricht eine an instrumenteller Rationalität orientierte Zeitstruktur, die nach dem Prinzip „Zeit ist Geld“ funktioniert. Das Sorgen für das physische und emotionale Wohl von Menschen fordert einen anderen Umgang mit der Zeit: Sorgezeiten folgen nicht der Sachlogik (wie bei der Erstellung materieller Güter), sondern den Bedürfnissen konkreter Personen. Diese Bedürfnisse richten sich nicht nach der Uhrenzeit und lassen sich auch nicht im Uhren-Rhythmus befriedigen. Dies gilt besonders im Blick auf Kinder und alte Menschen. Denn während erwerbstätige Erwachsene „die industriellen und auf Effektivität ausgerichtete Zeittakte von Erwerbsrhythmen entlang der Uhrenzeit“ stärker internalisiert haben, nehmen Kinder und alte Menschen die Zeit anders wahr. Das gilt vor allem für Kleinkinder, sie haben noch kein Zeitgefühl. Daraus entstehen fast unvermeidlich Konflikte zwischen „zeitvergessenen“ Kindern und ungeduldigen Erwachsenen. Dies ist eine Alltagserfahrung von Eltern, die der Begriff des „Spazierenstehens“ bildlich umschreibt (2).

 

Fürsorge funktioniert nicht im Acht-Stunden-Takt. Vielmehr handelt es sich um eine Aufgabe von tendenziell 24 Stunden am Tag, schließlich ist die Zeit in der ein Mensch betreut oder gepflegt wird, seine Lebenszeit. Fürsorge für andere folgt einer anderen Rationalität als  industrielle Gütererzeugung. Es geht es nicht um gesparte, sondern um erfüllte Zeit (3). Sorgearbeit lässt sich also  – wie die Kindheitsforscherin Helga Zeiher feststellt – nicht ohne Qualitätsverlust rationalisieren. Denn wenn man das Sorgen für Kinder, Kranke und Alte in die Arbeitswelt verlagere, werde „es in Teilarbeiten zerlegt, die zeitlich und personell voneinander getrennt stattfinden“ und damit wird die „Ganzheitlichkeit der familialen Sorge aufgehoben“. Zeit zum Sorgen füreinander, für die Pflege von Beziehungen und Bindungen“ sei daher nicht als „Restgröße“, sondern als ebenso wichtige Arbeit wie marktförmige Erwerbsarbeit anzusehen (4). Die entgegengesetzte Position vertreten Ökonomen, die eine kontinuierliche (Vollzeit)Erwerbstätigkeit auch von Eltern und Menschen mit pflegebedürftigen Angehörigen („adult-worker-Modell“) fordern. Aus ihrer Sicht ist die familiäre Betreuung von Kindern und alten Menschen eine „Vergeudung von Humankapital“, die zudem eine ineffiziente „Produktion haushaltsnaher Dienstleistungen“ begünstige. Ihr gesellschaftspolitisches Leitbild ist ein möglichst hohes nominelles Sozialprodukt, dass also mehr Geld in Umlauf kommt (5).

 

Den monetären Wohlstand zu steigern ist zweifelsohne ein wichtiges Anliegen. Das Wohlergehen der Menschen und die gesellschaftliche Wohlfahrt sind allerdings nicht einfach mit dem monetären Wohlstand gleichzusetzen. Eine demokratisch und marktwirtschaftlich organisierte Gesellschaft braucht nicht nur monetäre, sondern auch menschliche Ressourcen. Geschaffen werden diese Ressourcen insbesondere durch familiäre Fürsorgearbeit.

 

(1) Vgl.: Eva Senghaas- Knobloch: Care- Arbeit und das Ethos fürsorglicher Praxis unter      neuen Marktbedingungen am Beispiel der Pflegepraxis, S. 231-243, in: Berliner Journal für Soziologie, Band 18 – 2008, S. 222-224.

 

(2) Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Familie      zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik. Siebter Familienbericht, Bundestagsdrucksache 16/1360, S. 208f.

    

(3) Vgl.: Eva Senghaas- Knobloch, op.cit. S. 239.

 

(4) Vgl.: Helga Zeiher: Zeitbalancen, S. 3-6, in: Aus Politik und Zeitgeschichte – Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 31-32/2004, S. 3-4.

 

(5) Als Beispiele für eine solche Sichtweise: Joachim Lange, Sozial- und Steuerpolitik: Hindernisse für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – Ansätze zu ihrer Überwindung, in: ders.: (Hrsg.), Kinder und Karriere. Sozial- und steuerpolitische Wege zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Rehburg-Loccum 2003, S. 9/ Peter Bareis, Thesen zum Splitting-Symposium, in: Programmheft zum Symposium Ehegattensplitting und Familienpolitik an der Universität Hohenheim vom 31.1.-1.2.2007. Kritisch zu solchen Argumentationsmustern: Andreas Lange: Einblicke in die Zeitverwendung von Kindern und ihren Eltern, S. 137-157, in: Martina Heitkötter et al (Hrsg.): Zeit für Beziehungen? Zeit und Zeitpolitik für Familien, Opladen 2009, S. 137; oder: Chiara Saraceno: „Care“ leisten und „Care“ erhalten zwischen Individualisierung und Refamilialisierung, S. 244-256, in: Berliner Journal für Soziologie, Band 18 – 2008, S. 249.

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