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iDaf Newsletter der Woche 16 - 2009

Bildung und Geburten

Zitat der Woche 16 - 2009

Weniger Kinder bedeutet weniger Innovationskraft

„Die Alterung der deutschen Gesellschaft wird die Innovationskraft des Landes, von der seine internationale Wettbewerbsfähigkeit maßgeblich abhängt, weiter verringern. Deutschland hat im internationalen Vergleich immer noch eine sehr gute Position bei den Patentanmeldungen, doch ist das Wachstum der Zahl der Patentanmeldungen schon seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts weit hinter den USA zurückgeblieben, die in dieser Hinsicht eine besonders bemerkenswerte Entwicklung hatten. Während Amerikaner 1980 doppelt so viele Patente in ihrem Heimatland anmeldeten wie die Deutschen in dem ihren, sind es heute dreimal so viele“.

Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit. Die Fakten, die Folgen, die Ursachen und die Politikimplikationen, aus: Christian Leipert (Hrsg.), Demographie und Wohlstand – Neuer Stellenwert für Familie in Wirtschaft und Gesellschaft, Leske und Budrich, Opladen, 2003, Seiten 57 – 88, hier S. 68.

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Nachricht der Woche 16 - 2009

Bildung, Einkommen und Elternschaft – Klischee und Realität

Dass vor allem in „bildungsfernen Schichten“ Kinder geboren würden, glaubt eine kulturkritische Publizistik zu wissen. Während in den höher qualifizierten Schichten – hier wird stets das Bild von der kinderlosen Akademikerin bemüht – immer weniger Kinder zur Welt kämen, sei die „Gebärfreudigkeit“ von Menschen in „prekären“ Lebenslagen und insbesondere unter den Empfängern sozialer Transferleistungen weiterhin hoch. Als Folge dieser Entwicklung wachse ein großer Anteil der Kinder in sozial benachteiligen Milieus auf – so das kulturpessimistische Klischee (1).

Ein differenzierteres Bild von der sozialen Herkunft deutscher Kinder zeigen empirische Sozialforschung und amtliche Statistik. So hat das Statistische Bundesamt in einer 2006 durchgeführten repräsentativen Stichprobe die Zusammenhänge zwischen dem „sozioökonomischen Hintergrund“ und dem „generativen Verhalten der Frauen“ erhoben. Unterschieden nach dem schulischen Bildungsabschluss wiesen in der Altersgruppe der 45-49-jährigen Frauen Hauptschulabsolventinnen die niedrigste durchschnittliche Kinderzahl (1,3) auf. Nur wenig mehr Kinder haben die Frauen mit Fachabitur bzw. Abitur mit durchschnittlich 1,4 Kindern. Etwas mehr Kinder haben die Realschulabsolventinnen (1,6) und die höchsten durchschnittlichen Kinderzahlen haben die Absolventinnen der polytechnischen Oberschule (1,8). Unterscheidet man nach dem beruflichen Bildungsabschluss haben Frauen mit einer abgeschlossenen Lehre oder einer beruflichen Qualifikation durchschnittlich 1,5 und (Fach)Hochschulabsolventinnen sogar nur 1,4 Kinder. Die höchste Geburtenneigung weisen einerseits Frauen ohne Berufsabschluss und andererseits Frauen mit einem Meister- oder Techniker- Abschluss mit durchschnittlich 1,7 Kindern auf (2).

Das Statistische Bundesamt konstatiert, dass „für die Alterskohorten, deren fruchtbare Phase sich bis dato dem Ende zuneigte, ein gespaltenes Bild festzustellen ist: Die Kinderzahl sinkt nicht vom niedrigsten bis zum höchsten Abschluss, sondern auf der einen Seite sind es die Akademikerinnen, die eine unterdurchschnittliche Zahl von Kindern geboren haben, auf der anderen Seite wird dieses niedrige Niveau noch etwas von den Frauen mit Hauptschulabschluss unterschritten“ (3). Eindeutig sind dagegen die Zusammenhänge zwischen dem Bildungsstand und der Kinderlosigkeit von Frauen: Je höher der berufliche Abschluss umso höher ist der Anteil der kinderlosen Frauen. Er steigt von 12% bei den Frauen ohne berufsqualifizierenden Abschluss auf 28% bei den Frauen mit einem (Fach)Hochschulabschluss (4). Dass Akademikerinnen häufiger kinderlos bleiben, zeigen auch andere Auswertungen, z. B. des vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung durchgeführten „Sozio-ökonomischen Panels“. Diese Auswertungen zeigen allerdings auch, dass diejenigen Akademikerinnen, die sich für Kinder entschieden haben, eher ein zweites Kind bekommen als Mütter mit niedrigerem Bildungsstand (5).

Nicht unerheblich für die Neigung ein zweites Kind zu bekommen ist auch die wirtschaftliche Lage: Während in der Stichprobe des Statistischen Bundesamtes nur etwa 20% der Frauen in Haushalten mit einem Einkommen von maximal 1.300 € zwei Kinder haben, sind es in der höchsten erfassten Einkommenskategorie ab 3.600 € fast 40%. Mindestens drei Kinder hat ab einem Haushaltseinkommen von 1300 Euro etwa jede siebte Frau; bei einem Einkommen von unter 1300 Euro sind es nur etwa halb so viele. Diese Einzelbefunde weisen – so das Statistische Bundesamt – darauf hin, dass „Frauen mit Kind(ern) bei einem entsprechenden finanziellen Hintergrund eher zwei Kinder haben als eins und dass auch die Familie mit drei und mehr Kindern dann mehr ist als nur eine Marginalie“ (6). Hauptverdiener in Familien mit zwei und mehr Kindern sind häufig die Väter. Anders als bei Frauen begünstigt bei Männern eine höhere Berufsausbildung sowohl die Entscheidung für ein erstes als auch für weitere Kinder. Familienväter sind daher keineswegs schlechter ausgebildet als kinderlose Männer – eher trifft das Gegenteil zu (7). Im Blick auf die Kinder folgt daraus: Anders als es das Klischee von den „bildungsfernen“ Familienmilieus suggeriert, wachsen die weitaus meisten von ihnen bei Eltern mit einer qualifizierten Berufsausbildung in Haushalten mit einem mittleren Einkommensniveau, also in der „Mittelschicht“, auf.

 

 

(1) Prototypisch für diese Sichtweise: Gunnar Heinsohn Demographischer Keynesianismus, S. 35-43, in: Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 62. Jg., Heft 1 Januar 2008. Unter Berufung auf Heinsohn verbreiteten jüngst Wirtschaftsjournalisten dieses Klischee: Carsten Germis/Inge Kloepfer: Geburtenschwund – Wo kommen die Kinder her? Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. April 2009.

(2) Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Geburten und Kinderlosigkeit in Deutschland, Bericht über die Sondererhebung 2006,  „Geburten in Deutschland“, Wiesbaden 2006, S. 33.

(3) Ebenda, S. 34.

(4) Ebenda, S. 32.

5) Vgl. Nicole Brose: Entscheidung unter Unsicherheit – Familiengründung und – Erweiterung im Erwerbsverlauf, S. 30-52., in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 60. Jahrgang, März 2008, S. 43-44.

6) Statistisches Bundesamt, op. cit. S. 39.

(7) So zeigt sich für die Erstgeburtsneigung bei Männern – anders als bei Frauen – ein „positiver  Effekt des Bildungsniveaus“. Siehe: Jan Eckhard/Thomas Klein: Männer, Kinderwunsch und generatives Verhalten. Eine Auswertung des Familiensurvey zu Geschlechterunterschieden in der Motivation zur Elternschaft, Wiesbaden 2006, S. 28. Darüber hinaus haben kinderreiche Familienväter überdurchschnittlich häufig einen Hochschulabschluss. Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Monitor Familienforschung, Ausgabe 10: Kinderreichtum in Deutschland, Berlin 2007, S. 6. Auch auf die Bereitschaft zu einer größeren Familie scheint sich also bei Männern ein höheres Bildungsniveau nicht per se negativ auszuwirken.