iDAF Newsletter Woche 19 - 2009Schon immer hat es Mütter und Väter gegeben, die ihre Kinder ohne die Hilfe des zweiten leiblichen Elternteils großziehen mussten. Aufgrund der Zunahme von Scheidungen und Trennung ist diese Familienkonstellation in den letzten Jahrzehnten häufiger geworden: Während bis Ende der 70er Jahre Alleinerziehende nicht einmal ein Zehntel der Familienhaushalte ausmachten, lag ihr Anteil 2007 schon bei fast einem Fünftel. Früher war die Lebensform „Alleinerziehend" nicht selten gesellschaftlich stigmatisiert. Heute ist sie - wie die Bundesfamilienministerin im Vorwort zu einer Publikation der Bundesregierung über „Alleinerziehende in Deutschland" feststellt - „glücklicherweise kein persönlicher Makel mehr". Vielmehr zeigten Alleinerziehende, „wie Familienleben auch unter schwierigen Bedingungen funktionieren kann" (1).

Zitat der Woche 19 - 2009
Etzioni: Zwei - Eltern- Familie ist kindgemäß
Nicht zufällig gibt es in dem breiten Spektrum menschlicher Gesellschaften [...] keine Gesellschaft ohne Zwei- Eltern- Familien. [...] Es gibt einige zwingende Gründe dafür, diesen Familientyp für die kindgemäßere Form zu halten (1). [...] Familien mit nur einem Elternteil haben es besonders schwer. Manche Alleinerziehende geben sich alle Mühe und schaffen es auch, ihre Kinder zu erziehen, während manche verheiratete Paare ihre Pflichten gegenüber ihren Sprösslingen schändlich vernachlässigen. Dennoch lässt sich, gestützt auf die historische, soziologische und psychologische Forschung, sagen: Zwei- Eltern- Familien können ihre Erziehungspflichten in der Regel besser erfüllen als Alleinerziehende - und sei es nur, weil sie mehr Hände (und Stimmen) haben (2).
(1) Amitai Etzioni: Die Entdeckung des Gemeinwesens, Ansprüche, Verantwortlichkeiten und das Programm des Kommunitarismus, Stuttgart 1995, S. 70-72.
(2) Ebd., S. 287.
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Nachricht der Woche 19 - 2009
Alleinerziehende haben es schwerer - Familienform und Erziehungshilfen
Schon immer hat es Mütter und Väter gegeben, die ihre Kinder ohne die Hilfe des zweiten leiblichen Elternteils großziehen mussten. Aufgrund der Zunahme von Scheidungen und Trennung ist diese Familienkonstellation in den letzten Jahrzehnten häufiger geworden: Während bis Ende der 70er Jahre Alleinerziehende nicht einmal ein Zehntel der Familienhaushalte ausmachten, lag ihr Anteil 2007 schon bei fast einem Fünftel. Früher war die Lebensform „Alleinerziehend" nicht selten gesellschaftlich stigmatisiert. Heute ist sie - wie die Bundesfamilienministerin im Vorwort zu einer Publikation der Bundesregierung über „Alleinerziehende in Deutschland" feststellt - „glücklicherweise kein persönlicher Makel mehr". Vielmehr zeigten Alleinerziehende, „wie Familienleben auch unter schwierigen Bedingungen funktionieren kann" (1).
Um ihre Familie zu versorgen, müssen Alleinerziehende ein besonders hohes Maß an zeitlichem und persönlichem Engagement einbringen. So wenden alleinerziehende Mütter trotz deutlich höherer Belastung durch Erwerbstätigkeit für Haushaltsführung und familiäre Aufgaben nicht viel weniger Zeit auf als Mütter in Paarhaushalten. Dafür haben sie weniger Zeit für Schlafen, Essen und Körperpflege - sie opfern also Zeit für die persönliche Regeneration. Gleichwohl steht ihren Kindern - wegen des Fehlens einer zweiten Betreuungsperson - insgesamt ein geringeres Kontingent an „Elternzeit" zur Verfügung als Kindern in Paarhaushalten (2). Bei einer Umfrage im Jahr 2008 befürchteten daher 37 Prozent aller Alleinerziehenden, nicht genug Zeit für ihre Kinder zu haben. Mehr als ein Drittel von ihnen (gegenüber 25% der Eltern in Paarfamilien) berichtete, häufiger Probleme mit den Kindern zu haben (3). Auch vor diesem Hintergrund ist es zu sehen, dass Alleinerziehende im Vergleich zu Paaren wesentlich häufiger Hilfen zur Erziehung nach dem Kinder- und Jugendhilferecht (SGB VIII) erhalten.
Diese öffentlichen Hilfen zur Erziehung umfassen ein breites Spektrum an Leistungen - von der Beratung bei Schulproblemen bis zur Unterbringung im Heim. Die häufigste Art der Hilfe sind Erziehungsberatungen - sie machen fast 60 Prozent aller Fälle aus. Nicht ganz ein Viertel der Fälle entfällt auf „ambulante" Hilfen (Familienunterstützung, Eingliederungshilfen für seelisch Behinderte) und ein weiteres knappes Fünftel auf (als „familienersetzend" bezeichnete) Maßnahmen der Vollzeitpflege und der Heimerziehung (4). Betrachtet man all diese Leistungen gemeinsam, so ist es im Vergleich zu zusammenlebenden Eltern dreimal wahrscheinlicher, dass Alleinerziehende eine Hilfe zur Erziehung beanspruchen. Bezogen auf Erziehungsberatungen und Eingliederungshilfen ist die Wahrscheinlichkeit jeweils doppelt so hoch, für familienunterstützende Hilfen viermal sowie für Vollzeitpflege und Heimerziehung (familienersetzende Hilfen) sogar fünfmal so hoch (5). Von den Maßnahmen der Heimerziehung betreffen mehr als drei von vier Fällen Kinder nach einer Trennung ihrer Eltern (6). Diese signifikanten Unterschiede mögen zum Teil auch damit zusammenhängen, dass Hilfen zur Erziehung noch immer „nach dem Muster der traditionellen Fürsorge" gewährt werden. Von dieser „traditionellen Fürsorge" wird berichtet, dass sie bei Erziehungsproblemen von Alleinerziehenden eher als bei zusammenlebenden Eltern zu „familienersetzenden" Hilfen neige (7). Zunächst deuten solche Zahlen aber darauf hin, dass sich viele Ein- Eltern- Familien nach der Trennung bzw. Scheidung leider nicht so „schnell stabilisieren" wie erhofft (8). Tatsächlich zeigen empirische Langzeitstudien, dass „Kinder aus Ein-Eltern-Familien und speziell Scheidungskinder durchschnittlich erhöhte Belastungen ihrer Befindlichkeit und ihrer Verhaltensentwicklung aufweisen" (9).
(1) Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Alleinerziehende in Deutschland - Potenziale, Lebenssituationen und Unterstützungsbedarfe, Monitor Familienforschung Ausgabe 15, Dezember 2008, S. 4.
(2) Vgl.: Irene Kahle: Alleinerziehende im Spannungsfeld zwischen Beruf und Familie, S. 175-193, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Alltag in Deutschland. Analysen zur Zeitverwendung, Wiesbaden 2004, S. 176-178.
(3) Vgl. Bundesministerium für Familie Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Alleinerziehende in Deutschland, op. cit. S. 8.
(4) Jens Pothmann/Sandra Fendrich: Hilfen zur Erziehung - zur Struktur der Maßnahmen, Analysen zur Inanspruchnahme und zum Trägerspektrum erzieherischer Hilfen, S. 2-4, in: Kommentierte Daten der Kinder- und Jugendhilfe, Informationsdienst der Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik, Heft Nr. 1/09, S. 3.
(5) Vgl.: Thomas Rauschenbach/Jens Pothmann/Agathe Wilk: Armut, Migration, Alleinerziehend - HzE in prekären Lebenslagen, Neue Einsichten in die sozialen Zusammenhänge der Adressaten der Kinder- und Jugendhilfe, S. 9-11, in: Kommentierte Daten der Kinder- und Jugendhilfe, Informationsdienst der Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik, Heft Nr. 1/09, S. 10.
(6) Siehe Abbildung unten „Heimerziehung in Deutschland".
(7) Vgl.: Thomas Rauschenbach et al: Armut, Migration, Alleinerziehend, op. cit. S. 9-11.
(8) Im Vorwort des Monitors Familienforschung „Alleinerziehende in Deutschland" ist dennoch zu lesen: „Repräsentative Untersuchungen zeigen, dass sich die meisten dieser Familien schnell stabilisieren und ein Großteil der betroffenen Kinder Trennung und Scheidung der Eltern gut bewältigt." Bundesministerium für Familie Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Alleinerziehende in Deutschland, op. cit. S. 4.
(9) Sabine Walper/Eva-Verena Wendt: Nicht mit beiden Eltern aufwachsen - ein Risiko? Kinder von Alleinerziehenden und Stieffamilien, S. 187-216, in: Christian Alt (Hrsg.): Kinderleben - Aufwachsen zwischen Familie, Freunden und Institutionen, Band 1: Aufwachsen in Familien, Wiesbaden 2005, S. 191-192.

