Zitat der Woche 20 - 2009
Idolisierung der Erwerbsarbeit - eine gesellschaftliche Verarmung
Ihre Erwerbsfixierung hat die westlichen Gesellschaften dazu verleitet, unzählige wertschöpfende und sowohl für den Einzelnen als auch für das Gemeinwesen unverzichtbare Tätigkeiten aus der Rubrik „Arbeit" auszumustern. Denn was kein oder allenfalls ein bescheidenes Einkommen erbringt, gehört aus ihrer Sicht da nicht hinein. Die vielen einkommenslosen Arbeitsformen wurden in ein Schattendasein gedrängt. Da sitzen sie, die Hausfrauen und -männer, Mütter und Väter, hilfsbereiten Nachbarn und ehrenamtlichen Helfer und fragen sich, was sie falsch gemacht haben. Aus gesellschaftlicher Sicht ist das, was sie tun, gut und recht. Aber Arbeit? Arbeit ist das nicht! Dabei würde ohne ihr Wirken das Gemeinwesen innerhalb kürzester Zeit zusammenbrechen (...).
Arbeit, die nicht mit Erwerb, oder prosaischer: mit Geldverdienen verbunden ist, wurde vom Markt verbannt und, schlimmer noch, gesellschaftlich geächtet und geschmäht. Dass heute eine Verkäuferin höheres gesellschaftliches Ansehen genießt als eine Frau, die drei Kinder großzieht, oder ein professioneller Fußballtrainer weit größere Wertschätzung erfährt als ein Mann, der sich ehrenamtlich um verwahrloste Jugendliche kümmert, ist die Folge eines pervertierten Arbeitsbegriffs und einer besorgniserregenden gesellschaftlichen Verwirrung und Verarmung. (...)
Eine mentale Besonderheit des Westens, durch die er sich lange Zeit von anderen Wirtschafts- und Arbeitskulturen markant abgehoben hat, ist seine Idolisierung der Arbeit, namentlich der Erwerbsarbeit. Diese Idolisierung hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die frühindustrialisierten Länder jene schwindelerregenden wirtschaftlichen Höhen erklommen haben. Sie hat alle Ressourcen, insbesondere jedoch Arbeitskräfteressourcen, mobilisiert. Doch wie das Idolisierungen eigen ist, hat auch die der Arbeit ihre Schattenseiten. Wenn heute in ausnahmslos allen westlichen Ländern geklagt wird, dass ihr innerer Zusammenhalt verloren gehe, Zeit für Kinder, Jugendliche, Alte und Hilfsbedürftige fehle, Sinnentleerung um sich greife und kreative Muße rar geworden sei, dann hat das viel mit der Idolisierung der Erwerbsarbeit zu tun. (...)
Vollends absurd wird die Idolisierung von Erwerbsarbeit, wenn an ihr Partnerschaften, Familien, menschliches Miteinander und der gesellschaftliche Zusammenhalt insgesamt zerschellen und Menschen daraufhin - in einem paradoxen Reflex - Halt an ebendieser Erwerbsarbeit suchen. [...] Die westliche Arbeitsgesellschaft hat teilweise tragische Züge angenommen. Sie ist weder stabil noch ruht sie in sich. Der Westen täte gut daran, einen Schritt zurückzutreten, um sich sein Arbeitstreiben aus einiger Entfernung anzuschauen. Für den eigenen Lebensunterhalt und den Lebensunterhalt derjenigen zu sorgen, die dies selbst nicht vermögen, trägt wesentlich zum Gelingen des menschlichen Daseins bei. Die gar nicht so wenigen Schnorrer und Trittbrettfahrer, die von ihren Mitbürgern gelegentlich auch noch Dank erwarten, weil sie ihnen keine Arbeitsplätze wegnehmen, müssen als das gebrandmarkt werden, was sie sind: asozial und unsolidarisch. Umgekehrt ist Arbeit, namentlich Erwerbsarbeit, aber auch nicht die Krönung und Erfüllung des Menschseins. Die Ansicht, dass erst durch Arbeit der Mensch zum Menschen werde, beruht auf einer groben Verkennung der menschlichen Natur. Auch der kontemplative, spielende, müßige Mensch ist Mensch, und zwar ohne jede Einschränkung.
Meinhard Miegel: Epochenwende. Gewinnt der Westen die Zukunft? List Taschenbuch, Berlin 2007, S. 240ff.
