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iDAF Newsletter Woche 21 - 2009

Zitat der Woche 21 - 2009

Kolonialismus plus Kapitalismus gleich Ghetto

Das sogenannte Ausländerproblem finden wir heute in allen europäischen Ländern. Es hat sich aufgebaut aus Besonderheiten ihrer Geschichte, ihrer geographischen Lage und den herrschenden wirtschaftlichen Strukturgegebenheiten. [...] Als in den späten 40er und 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Entkolonialisierung begann, nicht ohne kriegerische Auseinandersetzungen mit der Nachhut des Kolonialherrn samt bürgerkriegsähnlichen Übergriffen, wurde das Verhältnis von Metropole zum unabhängig erklärten ethnischen Nachfolgestaat belastet. Indien, Ostafrika, der Kongo und Algerien sind die Beispiele. Noch im Besitz der Staatsangehörigkeit des Kolonialherrn, sei es aus Diensten in seiner Armee und Verwaltung oder aus plötzlicher Bedrohung als religiöse Minderheit, drängten viele in die Metropole. Dort reifte der Gedanke, sich wieder eines unerschöpflichen Arbeitskräftepotentials zu versichern, diesmal jedoch im Lande. So erhoffte sich die englische Textilindustrie von importierter pakistanischer Arbeitskraft Preisvorteile im Welthandel. Das hat die Industrie nicht gerettet, aber asiatische Wohnquartiere geschaffen, die sich zur europäischen Außenwelt hin abschotten. Auch in der dritten Generation britischer Pakistani wählen immer noch die Eltern die Ehepartner der Kinder aus. [...] Probleme, die aus vermehrten Sackgassen für Immigranten und deren Kinder herrühren, können nur im Rahmen der Integrationsziele des jeweiligen Nationalstaats gelöst werden.


Josef Schmid: Einwanderung und Staatengemeinschaft. Zur Problematik einer überstaatlichen Wanderungspolitik, S. 217-23, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft Jg. 28 Ausgabe 2-4, Wiesbaden 2003, S. 220 f..

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Nachricht der Woche 21 - 2009

Zuwanderer passen sich nicht immer an. Beispiel Großbritannien

In fast allen europäischen Ländern übertrifft der Anteil der Geburten von Migranten ihren prozentualen Anteil an der Bevölkerung. Ursache für dieses Phänomen ist zunächst die durchschnittlich jüngere Altersstruktur der Zuwanderer, die eine höhere Geburtenhäufigkeit begünstigt (1). Aber auch die - um Altersstruktureffekte „bereinigte" - zusammengefasste Geburtenziffer (TFR) von Migranten ist häufig höher als die der einheimischen Bevölkerung (2). In besonderem Maße gilt dies für Zuwanderer aus Dritte-Welt-Ländern, in denen der „Demographische Übergang" hin zu niedrigeren Geburtenraten noch nicht vollständig abgeschlossen ist (z. B. Pakistan) oder gerade erst begonnen hat (z. B. Länder in Schwarzafrika). Publizisten und Sozialwissenschaftler in Deutschland gehen meistens davon aus, dass die Geburtenneigung von Zuwanderern unter den Bedingungen moderner postindustrieller Gesellschaften rasch sinkt und sich ihr demographisches Verhalten dem der „Einheimischen" in einem überschaubaren Zeitraum (1-2 Generationen) anpasst (3).
Demographische Untersuchungen aus englischsprachigen Ländern ergeben jedoch ein anderes, differenzierteres Bild: Für Großbritannien zeigten Auswertungen der amtlichen Statistik, dass sich Einwanderer je nach Herkunft erheblich in ihrem Geburtenverhalten unterscheiden. Einige Gruppen passten sich nicht nur dem durchschnittlichen Niveau an, sondern zeigten sogar eine geringere Geburtenneigung als die „einheimische" Bevölkerung: So wiesen um das Jahr 2000 aus China stammende Frauen eine deutlich niedrigere Geburtenrate als „weiße" Britinnen auf. Vergleichsweise kinderarm waren auch die aus der Karibik und - vielleicht erstaunlich - die aus Indien stammenden Frauen. Im diametralen Gegensatz zum „europäischen" Geburtenverhalten dieser Einwanderergruppen standen die Geburtenraten von Frauen aus Schwarzafrika und insbesondere aus Pakistan und Bangladesh (4). Besonders kinderreich war immer die erste Generation der Zuwanderer - besonders hoch war die Geburtenrate hier wiederum unter den in Somalia geborenen Frauen (4,66). Unter den in Großbritannien geborenen Generationen dieser Zuwanderer waren die Geburtenraten zwar gesunken, lagen aber (unabhängig von der Staatsangehörigkeit) noch um etwa 50 Prozent über dem nationalen Durchschnitt (5). Das Geburtenverhalten von Zuwanderern passt sich also keineswegs immer rasch dem in dem neuen Heimatland üblichen Muster an - vielmehr können ethnische Zugehörigkeit sowie kulturelle und religiöse Motive weiterhin das demographische Verhalten prägen. Auf die große Bedeutung dieser Faktoren deuten auch Erkenntnisse britischer Statistiker zur Partnerwahl nach ethnischer Zugehörigkeit hin: Unter Zuwanderern aus der Karibik, insbesondere unter den Männern, sind Ehen bzw. Lebenspartnerschaften mit einem „weißen" Partner weit verbreitet. Auch unter den „Chinesen" sind Heiraten bzw. Partnerschaften mit „weißen" Briten nicht selten. Dagegen geht nur ein sehr kleiner Anteil der aus Pakistan oder Bangladesh Stammenden (eheliche) Verbindungen mit einem „weißen" Partner ein. Insbesondere unter den Frauen dieser Herkunft sind solche Verbindungen rare Ausnahmen (6).
Dass Zuwanderer „unter sich" heiraten, ist auch in Deutschland zu beobachten. Vergleiche mit der Situation in Großbritannien sind aufgrund der Datenlage schwierig: Im Gegensatz zu Großbritannien und den USA wird die „ethnische" Herkunft in der bundesdeutschen amtlichen Statistik nicht systematisch erfasst. Die vorhandenen Daten deuten aber darauf hin, dass Heiraten zwischen türkischstämmigen und „angestammten" Deutschen nicht ganz so selten sind, wie zwischen Pakistanis sowie Bangladeshis und „weißen" Briten. Eheschließungen zwischen Zuwanderern und Einheimischen sind - neben Bildung und Arbeit - einer der Schlüsselfaktoren für die soziale Integration (7). Schwierigkeiten bei der Integration von Migranten sind keinesfalls ein spezifisch deutsches Phänomen. Die ausgeprägten Zusammenhänge zwischen demographischem Verhalten und ethnischer Zugehörigkeit in Großbritannien deuten vielmehr darauf hin, dass sich manche Herausforderungen im Blick auf den Zusammenhalt in einer zunehmend multiethnischen Gesellschaft hier noch drängender darstellen.

(1) Die „Geburtenhäufigkeit" wird in der Bevölkerungswissenschaft durch die „rohe" Geburtenziffer gemessen. Als rohe Geburtenziffer bezeichnen die Demographen die Anzahl der Lebendgeborenen je 1000 Personen der durchschnittlichen Bevölkerung. Diese Kenziffer wird nicht nur von der Geburtenhäufigkeit, sondern auch von der Größe und eben der Altersstruktur der Bevölkerung beeinflusst.

(2) Vgl.: Tomás Sobotka: Erhöht Zuwanderung die Geburtenraten in Europa? Geringer Beitrag, aber nachhaltiger Einfluss auf Altersstruktur und Bevölkerungsgröße, in: Demographische Forschung - Aus erster Hand, Nr. 4 - 2008, S. 3.

(3) Dieser „Konvergenz-Hypothese" folgt auch die Argumentation in offiziellen Publikationen der Bundesregierung. Siehe hierzu als Beispiel: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Monitor Familienforschung, Ausgabe Nr. 10: Kinderreichtum in Deutschland, Berlin 2007, S. 6.

(4) Siehe hierzu Abbildung unten: „Differentielle Fertilität in Großbritannien."

(5) Vgl.: David Coleman: Mass Migration and Population Change, S. 183-215, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 28 Ausgabe 2-4, Wiesbaden 2003, S. 193.

(6) Siehe hierzu Abbildung unten: „Großbritannien: Integration durch Partnerschaften?"

(7) Nach Angaben von Herwig Birg heiraten acht Prozent der türkischen Männer und drei Prozent der türkischen Frauen einen deutschen Partner. Vgl.: Herwig Birg: Integration und Migration im Spiegel harter Daten, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9. April 2009, S. 37. In der amtlichen Statistik wird bei Eheschließungen nur die Staatsangehörigkeit, nicht aber der „ethnische" Hintergrund der Gatten erfasst. Aufgrund der hohen Zahl der Einbürgerungen insbesondere von Türken lassen sich deshalb aus der amtlichen Statistik derzeit keine verlässlichen Erkenntnisse über die Häufigkeit interethnischer Ehen in Deutschland gewinnen.
 

 

 

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