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Nachricht der Woche 23 - 2009

 

Erwerbsarbeit und Familie in Europa - Technokraten gegen Eltern

Immer wieder wird kritisiert, dass Mütter in Deutschland zu wenig erwerbstätig seien. Vor allem Mütter mit kleinen Kindern würden zu häufig ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen oder zumindest zeitlich zu stark einschränken. Dadurch entstünden hohe Kosten: Den Frauen durch entgangenes Einkommen, den Unternehmen durch ein geringeres Arbeitsangebot und dem Staat durch ein Weniger an Steuern und Abgaben. Gefordert wird, dass Mütter stattdessen kontinuierlich und in Vollzeit einer bezahlten Arbeit nachgehen. Diese ökonomische Sichtweise auf die Müttererwerbstätigkeit verbindet eine breite politische „advocacy coalition": Arbeitgeber und Gewerkschaften, Regierung und Opposition im Bundestag, die Bundesregierung und die EU- Kommission (1).
Dass Mütter in Deutschland heute wesentlich häufiger erwerbstätig sind als früher wird als unerheblich erachtet (2). Denn - so wird argumentiert - im internationalen Vergleich sei die Erwerbsbeteiligung deutscher Frauen mit (kleinen) Kindern immer noch (zu) gering. Solche Behauptungen lassen sich anhand empirischer Befunde überprüfen: Folgt man den Daten des Statistischen Amtes der Europäischen Union (Eurostat) lag im Jahr 2007 die Erwerbstätigenquote von Müttern, deren jüngstes Kind unter drei Jahre alt war, in Deutschland auf einem ähnlichen Niveau wie in Frankreich, Großbritannien oder Spanien. Sie bewegte sich damit im europäischen Mittelfeld und war erstaunlicherweise höher als die in Finnland. Die niedrigsten Erwerbsquoten waren in Estland, der Slowakei, Tschechien und Ungarn zu verzeichnen, am häufigsten waren Mütter mit kleinen Kindern in den Niederlanden, Dänemark und Slowenien erwerbstätig (3).
Insbesondere im Blick auf (Mittel)Osteuropa entsteht so ein widersprüchliches Bild: Hier finden sich sowohl Länder mit besonders hohen als auch mit besonders niedrigen Erwerbsquoten. Bevölkerungsumfragen wie das Eurobarometer zeigen, dass die meisten Mittel- und Osteuropäer die Erwerbstätigkeit von Müttern mit kleinen Kindern eher kritisch sehen. Häufiger als die Westeuropäer befürworten sie daher eine „traditionelle" Arbeitsteilung in der Familie (4). Vor diesem Hintergrund ist zu vermuten, dass die hohen Erwerbsquoten von Müttern in Slowenien, Litauen und Rumänien häufig nicht den Präferenzen der Eltern entsprechen. Ökonomische Zwänge dürften hier eine zentrale Rolle spielen - zumal in diesen Ländern der Staat kaum finanzielle Leistungen für Familien bereithält. In Tschechien wird dagegen die häusliche Erziehung von Kleinkindern durch ein Erziehungsgeld materiell unterstützt, um den zeitweiligen Verzicht eines Elternteils auf die Erwerbstätigkeit zugunsten der Kindererziehung zu ermöglichen (5).
Auch in Finnland erhalten Eltern finanzielle Unterstützung, wenn sie ihre Kinder selber betreuen, statt einen Betreuungsplatz in einer Kindertagesstätte zu beanspruchen. Gleichzeitig befürworten Finnen wesentlich häufiger als z. B. Schweden oder Dänen eine „traditionelle" Arbeitsteilung in der Familie (6). Dass Mütter mit Kindern unter drei Jahren in Finnland signifikant seltener erwerbstätig sind als in Dänemark, wird so verständlich. Dänemark wiederum dient Befürwortern einer kontinuierlichen Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern als Vorbild: Die familiären „Rollenbilder" sind so modern wie in keinem anderen europäischen Land - die „traditionelle" familiäre Arbeitsteilung wird mehrheitlich abgelehnt. Die Erwerbstätigkeit von Frauen, auch von Müttern mit noch kleinen Kindern, ist eine Selbstverständlichkeit. Im Gegensatz zu Holland, das ebenfalls eine hohe Müttererwerbsquote aufweist, spielt auch die Teilzeitarbeit von Frauen offiziell nur eine untergeordnete Rolle. Die faktische Wochenarbeitszeit von Frauen in Dänemark nähert sich mit etwa 32 Stunden der von der OECD definierten Grenze für Teilzeitarbeit. Aber trotz der umfassenden (und kostspieligen) Betreuungsinfrastruktur möchten auch in Dänemark Eltern ihre Erwerbstätigkeit zugunsten der Kindererziehung einschränken: Wie internationale Bevölkerungsumfragen zeigen, befürwortet nur eine Minderheit der Dänen die Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern mit Vorschulkindern; das „1,5-Verdiener-Modell" mit einer in Teilzeit erwerbstätigen Mutter ist das Ideal der Mehrheit (7). Politikern, Regierungsbürokraten, Arbeitgebern und Gewerkschaften mag die kontinuierliche Vollzeiterwerbstätigkeit beider Eltern als ein erstrebenswertes Ideal erscheinen - für die meisten Eltern in Europa ist sie das nicht.

 

(1) Die Frauenerwerbsquote in Deutschland lag 2007 schon über dem Durchschnitt der früheren „EU-15": http://www.i-daf.org/44-0-Woche-20-2008.html. Bemängelt wird nun der als zu gering erachtete zeitliche Umfang der Erwerbstätigkeit von Frauen bzw. von Müttern. Beispielhaft für diese Argumentation: Angelika Kümmerling/Andreas Jansen/Steffen Lehndorff: Immer mehr Frauen sind erwerbstätig - aber mit kürzeren Wochenarbeitszeiten, IAQ/HBS Arbeitszeit-Monitor 2001 - 2006, IAQ- Report 2008-04. Aufschlussreich zu den „advocacy coalitions" der Arbeitsmarktpolitik: Ilona Ostner: Auf den Anfang kommt es an, S. 44-62, in: Recht der Jugend und des Bildungswesens, Zeitschrift für Schule, Berufsbildung und Jugenderziehung, 1/2009, S. 57-58.

(2) Zur Entwicklung der Frauenerwerbstätigkeit: 1960 waren nur 33,6 % der Frauen erwerbstätig, von den verheirateten Frauen sogar nur 32,5%. Im Jahr 1999 lag die Erwerbsquote der verheirateten Frauen bei 50,3%, die der Frauen insgesamt bei 40,5%. Die Erwerbsquote der verheirateten Frauen ist also noch stärker gestiegen als die der Frauen insgesamt. Verheiratete Frauen waren und sind in der Regel Mütter. Die Erwerbstätigkeit von Müttern ist also tendenziell stärker gestiegen als die der Frauen insgesamt. Vgl.: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Datenreport 1999. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2000, S. 88.

(3) Siehe Abbildung unten: „Erwerbsquoten von Müttern mit Kleinkindern in Europa".

(4) Siehe Abbildung unten: „Familie und Rollenbilder in Europa". Zur Bedeutung dieser Befunde für die familienpolitische Debatte: Stefan Fuchs: Einstellungen zu Familie und Erwerbstätigkeit in Europa - Ostdeutschland als Avantgarde der „Moderne"?, http://www.erziehungstrends.de/Familie/Ostdeutschland.

(5) Zu den Sozialausgaben des Staates für Familien und Kinder im europäischen Vergleich siehe: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Jugend und Familie in Europa , Wiesbaden 2009, S. 58 (Abbildung 2.16). Zur Kinderbetreuungspolitik in Tschechien: http://www.i-daf.org/129-0-Woche-9-2009.html.

(6) Vgl.: Gerda Neyer et al: Fertilität, Familiengründung und Familienerweiterung in den nordischen Ländern, S. 207-234, in: Hans Bertram/Helga Krüger/C. Katharina Spieß (Hrsg.): Wem gehört die Familie der Zukunft? Expertisen zum 7. Familienbericht der Bundesregierung, S. 222 sowie Abbildung unten: „Familie und Rollenbilder in Europa".

(7) Dass dänische Mütter trotzdem häufig in Vollzeit erwerbstätig sind, ist nicht zuletzt auf ökonomischen Druck als Folge der hohen Steuerbelastung zurückzuführen. Als in den 90er Jahren in einer Arbeitsmarktkrise großzügige Freistellungsregelungen für Eltern mit Kindern unter acht Jahren eingeführt wurden, ließen sich viele Mütter beurlauben, um mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können. Im öffentlichen Dienst kam es daraufhin zu Personalengpässen, weswegen die Zuschüsse der Kommunen für die Freistellungen wieder gestrichen wurden. Vgl.: J. Marold: Mütter im Spannungsgeld zwischen Kind und Beruf, S. 54-85, in: Zeitschrift für Familienforschung, 21. Jahrgang, Heft 1/2009, S. 75-79.

 

 

 

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