zurück

iDAF Newsletter Woche 24 - 2009

 

Zitat der Woche 24 - 2009

Effizient leben im Zeitgefängnis

Quality Time enthält die Hoffnung, den allgemeinen Zeitverlust durch Einplanen von Zeiten des intensiven Zusammenseins so kompensieren zu können, dass die Beziehung keine Qualitätseinbußen erleidet. Aber auch dies ist wieder eine Art, den Effizienzkult vom Büro auf das Zuhause zu übertragen. Statt neun Stunden am Tag mit einem Kind zu verbringen, erklären wir uns für fähig, gleiche Ergebnisse mit einer einzigen, stark verdichteten Total Quality-Stunde zu erzielen. (....)
Die meisten Amerco-Eltern blieben, selbst als sie die schlechte Nachricht von den steigenden Scheidungsraten in der Industrie am eigenen Leib zu spüren bekamen, blind für die ungeheuren Zwänge, unter denen sie lebten. Wie die meisten Amerikaner glaubten sie, dass sie angesichts der vielen von der Verfassung garantierten Rechte - Pressefreiheit, Reisefreiheit, Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück - tatsächlich selbst auch wirklich frei seien. Sie dachten, sie seien frei, aber sie fühlten sich nicht frei; in Wirklichkeit lebten viele von ihnen, wie Michael Ventura bemerkt hat, in ‚Zeitgefängnissen'.


Arlie Russell Hochschild, Keine Zeit - Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet, Leske und Budrich, Opladen, 2002, S. 62 und 265.

 

----------------------------------------------------------------

Nachricht der Woche 24 - 2009

„Qualitätszeit" - von einer Zeitbehörde definiert und rationiert?

„Zeitwohlstand gehört zu den grundlegenden Voraussetzungen, um ein funktionierendes Familienleben führen zu können" - so heißt es in dem „Memorandum" der Bundesregierung für eine „familienbewusste Zeitpolitik". Familie könne „nur dann befriedigend gelebt und erlebt werden, wenn ihren Mitgliedern bedarfsgerecht Zeit für gegenseitige Zuwendung und Fürsorge sowie für gemeinsames Tun zur Verfügung" stehe. Damit „die externen Effekte, die von der Familie als Lebensform für die Gesellschaft erwartet werden, auch erbracht werden", müssten Eltern „Zeitsouveränität" erlernen (1).
Erforderlich hierfür seien neben flexibleren Arbeitszeitregelungen mehr Angebote zur ganztägigen Betreuung von Kindern, insbesondere Ganztagsschulen und Kindertagesstätten als „Dienstleistungszentren für Familien". Die Zeit von Eltern im Alltag und im Lebensverlauf müsse neu organisiert werden, um diese zeitlich zu „entlasten" und Erwerbstätigkeit zu ermöglichen (2). Eingeräumt wird, dass viele „Männer und Frauen mittlerer Altersgruppen" an „ihre persönlichen Grenzen gelangen", wenn sie „neben der Berufstätigkeit in größerem Umfang Fürsorgeaufgaben übernehmen" müssten. Im Blick auf „besondere Situationen", etwa wenn Angehörige zu pflegen oder „Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten" seien, sollte deshalb über „Familienkredite" nachgedacht werden. Um einen solchen Kredit - in Form eines Zeit- oder Geldguthabens - zu erhalten, müssten allerdings „Nachweise der Förderfähigkeit der Unterbrechung bzw. Einschränkung der Berufstätigkeit und deren anschließende Wiederaufnahme erbracht werden". Um „gezielt wirken" und „Fehlkalkulationen" vermeiden zu können, sollten die Kredite „an entsprechend zu definierende familien- und sozialpolitische Voraussetzungen geknüpft werden". Folgt man dieser Logik müsste es dann auch „Zeitbeamte" bzw. „Zeitbankiers" geben, die diese Voraussetzungen definieren und über die „Förderfähigkeit" der Sorgezeit von Eltern entscheiden (3).
Der „Zeitwohlstand" wird als eine messbare Größe angesehen - die „Maßeinheit" heißt „Qualitätszeit". Sie bedeutet „verlässliche und selbstbestimmte Zeitoptionen, die Familien für gemeinsame Aktivitäten nutzen" und die „bewusst als Familienzeit wahrgenommen werden". „Reine Haushaltstätigkeiten oder Hobbys, bei denen andere Familienmitglieder auch anwesend sind" seien dagegen keine „Qualitätszeit", die sich durch „bewusste Interaktion" auszeichne (4). Entscheidend sei also nicht, wie viel Zeit Eltern mit ihren Kindern verbringen, sondern ausschließlich wie sie die verfügbare Zeit für „bewusste Interaktion" nutzen. Deshalb schade eine stärkere Erwerbsbeteiligung auch nicht den Kindern, sondern könne ihnen sogar nutzen, wenn ihre Eltern - durch „öffentliche Dienstleistungen" unterstützt - ein besseres Zeitmanagement lernten (5).
„Zeitmanagement" ist eine Zauberformel der modernen Wirtschafts- und Arbeitswelt. Durch den Einsatz moderner Technik und organisatorischer Planung wird hier versucht immer mehr Zeit einzusparen. Gerade dadurch scheint sie aber immer knapper zu werden (6). Diesem (post)industriellen Zeitregime soll sich nun auch das Familienleben anpassen. Die Bedürfnisse von Kindern richten sich allerdings nicht nach den effizienzorientierten Zeittakten des modernen Wirtschaftslebens: Sie haben häufig spontane, schwer aufschiebbare Anliegen und Fragen, die sich nur über direkte „face- to- face"- Kommunikation angemessen beantworten lassen. Auch der Einsatz moderner Technik - wie etwa von Telefon und Handy - kann den „face-to-face" - Kontakt nicht ersetzen. Für Kinder und Jugendliche sind deshalb nicht nur Zeiten „bewusster Interaktion", sondern auch des „einfach so Zusammenseins" wichtig: Kommunikation zwischen Eltern und Kindern vollzieht sich oft spontan und eher beiläufig (7). Für das Gelingen von Familienleben und Erziehung kommt es deshalb nicht so sehr auf die bewusst geplante „Quality time" an: Maßgeblich ist die - „jenseits von Inszenierung und gezielter Herstellung" - im Alltag von Kindern gemeinsam mit ihren Eltern verbrachte Familienzeit.


(1) Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Memorandum Familie leben. Impulse für eine familienbewusste Zeitpolitik, Berlin 2009, S. 6 sowie S. 58.

(2) Vgl. ebd., S. 60-61.

(3) Ebd. S. 51-57.

(4) Ebd., S. 6. An anderer Stelle hat das Bundesfamilienministerium noch konkreter definiert, was unter „Qualitätszeit" zu verstehen sein: „Beispiele: gemeinsame Freizeit am Wochenende, Familien- Spieleabend oder gemeinsames Abendessen am Tisch." Bezeichnenderweise handelt es sich hier ausschließlich um Aktivitäten am Abend oder am Wochenende - das Spielen von Kindern unter Aufsicht der Eltern zählt ebenso wenig hierzu wie etwa ein gemeinsames Mittagessen. Im Blick auf die angestrebte Vollzeiterwerbstätigkeit beider Eltern ist dies nur folgerichtig. Gerechtfertigt wird dieses Ziel mit dem Verweis auf „international vergleichende Zeitstudien" die zeigten, dass „Frauen in Ländern mit höherer Erwerbstätigkeit nicht unzufriedener mit ihrem Familienleben" seien. Siehe: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Arbeitsbericht Zukunft für Familie, Kompetenzzentrum für familienbezogene Leistungen im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2008, S. 78. Zumindest im Blick auf das häufig wegen seines umfassenden Systems der Tagesbetreuung als vorbildlich geltende Schweden ist diese Auskunft zu bezweifeln: http://www.i-daf.org/113-0-Woche-2-2009.html.

(5) Hierzu heißt es wörtlich: „Durch Elternberatungen ergänzte Kita-Angebote können einen Beitrag leisten, diesen Familien mehr Zeitkompetenzen und auf diese Weise Zeitsouveränität zu ermöglichen." Ebd., S. 58. An anderer Stelle, wird auf die Sicht der Kinder eingegangen. Ihnen gehe es „meist nicht um eine Quantität der Zeit, sondern um einen Mix aus verschiedenen Zeitqualitäten". Dass „Erwerbstätigkeit beider Eltern und Zuwendung kein Widerspruch" seien, sollen die Ergebnisse der Word-Vision-Kinderstudie 2007 belegen. Ebd., S. 16-17. Tatsächlich zeigt diese Studie, dass nur 6% der Kinder aus „Hausfrauen-Familien" sowie 8% der Kinder von Eltern mit einer Vollzeit/Teilzeit-Kombination, aber immerhin 18 Prozent der Kinder aus Familien in denen beide Partner in Vollzeit erwerbstätig von einem Mangel an Zuwendung berichteten. Noch höher war der Anteil unzufriedener Kinder bei den Kindern Arbeitsloser (28%) und am höchsten bei denen erwerbstätiger Alleinerziehender (35%). Auskunft per Email von Ulrich Schneekloth, Leiter des Bereichs "Familie und Generationenbeziehungen" bei TNS Infratest Sozialforschung, am 26. Oktober 2007.

(6) Zum kulturhistorischen Hintergrund dieser Entwicklung siehe: Ferdinand Knauss: Vom Aufstieg und Niedergang der Uhr, Handelsblatt vom 10. April 2009, http://www.handelsblatt.com/technologie/geisteswissenschaften/vom-aufstieg-und-niedergang-der-uhr;2231507;0.

(7) Siehe hierzu: Andreas Lange: Einblicke in die Zeitverwendung von Kindern und ihren Eltern, S. 137-157, in: Martina Heitkötter et al (Hrsg.): Zeit für Beziehungen? Zeit und Zeitpolitik für Familien, Opladen 2009, S. 137-141.

zurück