Familienzerfall - Preis des individuellen Wohlstands
Die kulturelle Revolution des späten 20. Jahrhunderts könnte man also am besten als den Triumph des Individuums über die Gesellschaft betrachten. Alle Fäden, die die Menschen in der Vergangenheit in das soziale Netz eingeflochten hatten, waren durchtrennt worden. Die materiellen Folgen der sich auflösenden Familienbande waren möglicherweise noch schwerwiegender. Denn die Familie war ja nicht nur das, was sie schon immer gewesen war - nämlich ein Mittel zur eigenen Reproduktion -, sondern außerdem eine Vorkehrung für soziale Kooperation. (...) Die flutartige Ausbreitung von Wohlstand über die Bewohner aller bevorzugten Regionen der Welt, unterstützt noch von den immer umfassenderen und großzügigeren staatlichen Sozialversicherungssystemen, schien den Schutt des sozialen Auflösungsprozesses beiseite zu räumen. (...) Renten, Sozialleistungen und am Ende auch Pflegeheim nahmen sich der isolierten Alten an, deren Söhne und Töchter sich nicht mehr um ihre dahinsiechenden Eltern kümmern konnten oder wollten. (...) Die Last der Verantwortung für Kleinkinder wurde von den Müttern auf staatliche Krippen und Kindergärten verlagert, was die Sozialisten ja schon immer für lohnarbeitende Frauen gefordert hatten. (...)
Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme - Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1995, S. 420-426.
