Zitat der Woche 30-2009
Die Kernfamilie gab es überall und immer
Von der Besonderheit der modernen, besonders der westlichen Familie ist viel zu viel Aufhebens gemacht worden; gewisse Merkmale dieser Familie gibt es in Wirklichkeit seit spätrömischer Zeit und auch in anderen Teilen der Welt. [...] Erstens ist uns aus der Geschichte der Menschheit buchstäblich keine Gesellschaft bekannt, in der die Kernfamilie - meistens als gemeinsam siedelnde Gruppe - nicht eine wichtige Rolle gespielt hätte. Zweitens ist die Familie oft auch dort in der Praxis monogam, wo sie es rein rechtlich nicht ist, und immer ist die grundlegende Produktions- und Reproduktionseinheit relativ klein. [...] Viertens sind in keiner Gesellschaft die Bande zwischen Mutter und Kind (und meistens auch zwischen Vater und Kind) in rechtlicher und gefühlsmäßiger Hinsicht unwichtig, mögen sie gelegentlich auch in ideologischen Kontexten heruntergespielt werden (zum Beispiel in der Oberschicht, wie sie die Literatur in frühen mediterranen Gesellschaften zeichnet). Aus diesen Merkmalen können wir generell ableiten, dass nicht ernsthaft behauptet werden kann, Europa oder gar der Kapitalismus habe die Kernfamilie oder auch nur den Kernhaushalt erfunden.
Jack Goody: Geschichte der Familie, München 2002, S. 15-17.
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Nachricht der Woche 30-2009
Bedarfsgemeinschaft und Familie - der kleine Unterschied liegt in der Solidarität
In der Sozialgesetzgebung ist seit der „Hartz-IV"- Reform nicht mehr die „Familie", sondern die „Bedarfsgemeinschaft" die zentrale Bezugsgröße. Bedarfsgemeinschaften sind in einem gemeinsamen Haushalt lebende Personen mit besonderen persönlichen oder verwandtschaftlichen Beziehungen, die ihren Lebensunterhaltsbedarf gemeinsam decken und sich in Notlagen gegenseitig materiell unterstützen sollen (1). Traditionell galt diese wechselseitige wirtschaftliche Solidarität im Rahmen des Haushalts als Aufgabe und Verpflichtung von Ehepartnern, Eltern und Kindern. Verheiratete Eltern und ihre (minderjährigen) Kinder waren die dominierende Haushaltsform. „Haushalt" und „Familie" wurden deshalb bis Mitte des 20. Jahrhunderts in der amtlichen Statistik oft synonym verwendet. Heute ist dies undenkbar - zu sehr haben sich „Haushalt" und „Familie" auseinander entwickelt (2).
Dies zeigt die sprunghaft gestiegene Zahl von Einpersonenhaushalten: In fast 40 Prozent der Haushalte lebt heute eine einzelne Person - der „Single- Haushalt" ist mittlerweile die häufigste Haushaltsform in Deutschland (3). Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat sich ihr Anteil an allen Haushalten etwa verfünffacht, Tendenz weiter steigend. Besonders stark gestiegen ist ihre Häufigkeit seit den 60er Jahren - noch um 1960 wurden weniger als ein Fünftel aller Haushalte von nur einer Person bewohnt (4). Spiegelbildlich zum Anstieg der „Single-Haushalte" ist der Anteil der Haushalte mit drei und mehr Personen - dies sind in der Regel solche mit Kind bzw. Kindern drastisch zurückgegangen: Im Jahr 2008 hatten nur noch 27 Prozent der Haushalte drei und mehr Personen. Zum Vergleich: Um 1900 lebten in etwa 80 Prozent der Haushalte mindestens drei Personen. In mehr als 40 Prozent der Haushalte lebten damals sogar fünf oder mehr Personen - 2008 waren es weniger als vier Prozent (5).
Diese Revolution der Haushaltsformen hat vielfältige Ursachen. Dies gilt insbesondere für die Explosion der Einpersonenhaushalte: Zum einen erfordern heute Ausbildung (Studium!) und Beruf häufig einen eigenen Haushalt unabhängig von den Eltern (Studenten!) oder dem Partner (z. B. bei Paaren, die nicht am selben Ort arbeiten), zum anderen ermöglicht es der gestiegene Wohlstand und die verbesserte Ausbildung vor allem (jungen) Frauen häufiger als früher einen solchen zu gründen. Eine wichtige Rolle spielen aber auch der Wandel der Lebensformen und Wertvorstellungen: Scheidungen und Trennungen von Paaren, der Aufschub von Heirat und Familiengründung im Lebensverlauf sowie die unter jungen Menschen in Deutschland besonders ausgeprägte Präferenz für das Leben in einer Partnerschaft ohne gemeinsamen Haushalt („Living apart togehter") (6).
Das „Verschwinden" von Haushalten mit fünf und mehr Personen ist vor allem auf den drastischen Rückgang von Familien mit drei und mehr Kindern zurückzuführen (7). Für den Rückgang von Mehrpersonenhaushalten spielt zudem die Alterung eine wichtige Rolle: Als Folge der höheren Lebenserwartung steigt auch die Zahl von Paaren in der „empty-Nest-Phase". Ein Großteil der in der Haushaltsstatistik als „kinderlos" erscheinenden Ehepaare hat sehr wohl (ältere) Kinder - die außer Haus leben. Mit dem steigenden Anteil der Älteren an der Bevölkerung wächst auch der Anteil dieser Paare an den Haushalten. Viele dieser Paare stehen in intensiven Kontakt mit ihren (erwachsenen) Kindern und unterstützen diese durch beachtliche finanzielle Transfers oft über die Ausbildung hinaus in den ersten Jahren im Beruf, in der Phase der Jobsuche oder der Arbeitslosigkeit und nicht zuletzt der Familiengründung. Umgekehrt können sie im Fall von Krankheit und Pflegebedürftigkeit oft auf die Hilfe ihrer Kinder zählen. Im Konzept der Bedarfsgemeinschaft werden diese über den Haushalt hinausreichenden, spezifisch familiären, Solidarbeziehungen nicht erfasst. Sozialrechtlich mag dieses Konzept also begründet sein - fraglich ist, ob es sich auch als Leitbild für eine solidarische Gesellschaft eignet (8).
(1) Selbstverständlich spielen familiäre Strukturen für die Sozialgesetzgebung nach wie vor eine zentrale Rolle: So bilden zusammen lebende Partner, Eltern und Kinder (bis 25 Jahren) eine Bedarfsgemeinschaft. Siehe: Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Infografik Bedarfsgemeinschaft, http://www.bmas.de/coremedia/generator/22200/infografik__bedarfsgemeinschaft.html. Verwandtschaftliche oder eheliche Bindungen sind aber für eine Bedarfsgemeinschaft nicht notwendig: „Besondere persönliche Beziehungen" können schon genügen - hier beginnen die praktischen Schwierigkeiten der Erfassung von Bedarfsgemeinschaften und ihrer Abgrenzung zum Beispiel von studentischen Wohngemeinschaften. Derzeit tendiert die Arbeitsverwaltung dazu, „zusammenlebende Erwachsene, die Bett und Kühlschrank teilen" als „Paar" anzusehen. Siehe: Kurt Biedenkopf, Hans Bertram, Elisabeth Niejahr (im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung): Starke Familie - Solidarität, Subsidiarität und kleine Lebenskreise - Bericht der Kommission „Familie und demographischer Wandel", Stuttgart 2009, S. 29.
(2) Vgl.: Hiltrud Bayer/Renate Bauerreiss: Haushalt und Familie in der amtlichen Statistik, S. 277-305, in: Walter Bien/Jan. H. Marbach (Hrsg.): Partnerschaft und Familiengründung. Ergebnisse der dritten Welle des Familien-Survey, Opladen 2003, S. 285.
(3) Vgl.: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Zuhause in Deutschland. Ausstattung und Wohnsituation privater Haushalte - Ausgabe 2009, Wiesbaden März 2009, S. 5.
(4) Vgl.: Hiltrud Bayer/Renate Bauerreiss: Haushalt und Familie in der amtlichen Statistik, op. cit., S. 284.
(5) Siehe Abbildungen unten: „Viele Einzel-, wenige Mehrpersonenhaushalte - Haushaltsformen in Deutschland 2008"/"Wenige Einzel-, viele Mehrpersonenhaushalte - Haushaltsformen in Deutschland 1900".
(6) Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik. Siebter Familienbericht, Bundestagsdrucksache 16/1360, S. 40-41.
(7) Siehe: http://www.i-daf.org/68-0-Woche-31-2008.html.
(8) Siehe hierzu: Christoph Böhr: Familie oder Bedarfsgemeinschaft: Welchem Leitbild folgt die Gesetzgebung in Deutschland, S. 135-149, in: Anton Rauscher (Hrsg.): Verspielen wir unsere Zukunft? Die Familienpolitik am Wendepunkt, Köln 2008.

