Zitat der Woche 34-2009
Wie der Kapitalismus Familie zerstört und neue Gelüste fördert
Der kapitalistische Prozess rationalisiert Verhalten und Ideen und verjagt dadurch aus unseren Köpfen, zugleich mit dem metaphysischen Glauben, mystische und romantische Ideen von vielerlei Art. [...] „Freies Denken" im Sinn des materialistischen Monismus, Laizismus und pragmatischer Akzeptierung der diesseitigen Welt folgt daraus zwar nicht mit logischer Notwendigkeit, aber immerhin sehr natürlich. [...] Während der kapitalistische Prozess vermöge der von ihm selbst erzeugten psychischen Haltung die Werte des Familienlebens immer mehr zum Verblassen bringt und die Gewissenshemmungen beseitigt, die eine alte moralische Tradition dem Streben nach einer anderen Lebensform in den Weg gelegt hat, fördert er gleichzeitig die neuen Gelüste. [..] Um sich klar zu werden, was dies alles für die Leistungsfähigkeit der kapitalistischen Produktionsmaschine bedeutet, brauchen wir nur daran zu erinnern, dass die Familie und ihr Haus die hauptsächliche Triebfeder, die typisch bürgerliche Art des Gewinnmotivs zu sein pflegen. [...] Mit dem Schwächerwerden der im Familienmotiv enthaltenen Antriebskraft schrumpft der Zeithorizont des Geschäftsmannes, grob gesprochen, auf seine Lebenserwartung zusammen. [...] Er gerät in eine Anti-Spar- Gesinnung herein und akzeptiert mit zunehmender Bereitwilligkeit Anti-Spar- Theorien, die kennzeichnend für eine kurzfristige Philosophie sind.
Joseph A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, München 1950, Dritte Auflage 1972, S. 208 sowie S. 258-260.
