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iDAF Newsletter der Woche 38 - 2009

Zitat der Woche 38-2009

Der Kleinbürger - vielgescholtener Leistungsträger

Das Kleinbürgertum hat nie Sympathien auf sich gezogen. (...) Es ließe sich viel Gutes über den Kleinbürger sagen, seine Arbeitsethik, sein Vermögen, sich trotz widriger Umstände zu behaupten, die Umsicht und Gewissenhaftigkeit, mit der er für ein sozial stabiles Umfeld sorgt. (...) Doch diese Leistung schlägt nicht zu seinen Gunsten aus, im Gegenteil: Der Kleinbürger gilt als engstirnig, stur, borniert; seine Beharrlichkeit wird ihm als Pedanterie ausgelegt, die sparsame Bewirtschaftung seiner Grundlagen als Geiz, seine Alltagswelt wird durchgängig als banal und sinnentleert beschrieben, das Gefühlsleben als schal und abgestanden. Der Spießbürger ist die Minusvariante des Bürgers, ein Mensch von geschrumpftem Format. (...) Es ist erstaunlich, mit welcher Engelsgeduld der so Gescholtene die Dauerverächtlichmachung erträgt und unbeirrt seinen Beitrag zum Gemeinwohl leistet. (...) Manchmal wünscht man sich etwas Rücksicht, ein wenig Respekt vor seiner nimmermüden Leistung. (...) Nur Spießer gehen regelmäßig zum Blutspenden, sammeln Altkleider, sind bei der freiwilligen Feuerwehr. Jeder dritte Bürger versieht in Deutschland eine ehrenamtliche Tätigkeit, und es sind selten die Leitartikler und Hüter sozialer Moral aus den Fernsehstudios, Konferenzen und bedeutenden Symposien, die man unter den 23 Millionen freiwilligen Helfern wieder trifft.

Jan Fleischhauer: Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde, Reinbek bei Hamburg, 2. Auflage Mai 2009, S. 180 ff.

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Nachricht der Woche 38-2009

Intakte Familien sind der beste Schutz gegen Jugenddelinquenz

Brutale Gewaltakte Jugendlicher werden in der Öffentlichkeit als Ausdruck einer steigenden Fieberkurve der Gesellschaft wahrgenommen. Die Kriminalität von Jugendlichen gilt, insbesondere dann, wenn sie mit physischer Gewalt einhergeht, als Symptom einer Krise der Gesellschaft. In den häufig an spektakuläre Einzelfälle anknüpfenden öffentlichen Debatten verweisen Experten demgegenüber auf kriminologische Befunde zur Jugenddelinquenz: Gewaltverbrechen von Jugendlichen sind in Deutschland seltene Ausnahmefälle und zudem seit den 90er Jahren tendenziell rückläufig. Der größte Teil der Jugenddelinquenz entfalle auf Bagatelldelikte (kleinere Diebstähle etc.). Solche Delikte würden zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften im Jugendalter häufiger begangen als in allen anderen Lebensphasen. Nach der Jugendphase passe sich das Verhalten „delinquenter" Jugendlicher in der Regel wieder den gesellschaftlichen Normen an. Jugendkriminalität sei eine Form gesellschaftlicher Normalität und kein Grund zu besonderer Besorgnis (1).
Längerfristig ausgerichtete historisch-soziologische Analysen zeigen jedoch, dass in allen wirtschaftlich entwickelten und demokratisch verfassten Gesellschaften seit den 1950er Jahren Gewaltdelikte (insbesondere Körperverletzungen) Jugendlicher häufiger geworden sind (2). Den Grund hierfür sehen sie im raschen und tiefgreifenden Wandel der Gesellschaft seit den 50er und 60er Jahren, der zu einer Sozialstruktur mit einem höheren Potential für Gewaltkriminalität geführt habe. Im Zuge dieses Wandels ist die soziale Lebenswelt immer stärker von der Ökonomie „kolonialisiert" worden (Jürgen Habermas). Traditionelle Lebensmächte jenseits von Angebot und Nachfrage wie die Kirchen und die Institution der Familie sind dagegen schwächer geworden (3). Quer durch alle Gesellschaftsschichten begünstigt diese schleichende soziale Revolution kriminelle Verhaltensweisen: In der Oberschicht fördert sie den „white-collar-crime" (Steuerhinterziehung, Korruption etc.) und unter den sozial Schwächeren die Neigung zur Gewalt (4). Soziologen nennen eine solche Situation, in der Gesetze und vor allem moralische Regeln zunehmend weniger befolgt werden „Anomie" - dies ist quasi der wissenschaftliche Fachbegriff für das von vielen Bürgern als bedrohlich empfundene soziale „Fieber".
Der zentrale Herd für das Fieber namens Anomie unter Jugendlichen ist das Misslingen ihrer Integration in die Erwachsenengesellschaft: In einer Erwerbsgesellschaft ist hierfür der Erfolg auf dem Arbeitsmarkt wesentlich. Dass Jugendliche mit einem niedrigen Bildungsniveau und schlechteren Arbeitsmarktchancen häufiger (Gewalt)Delikte begehen als Gymnasiasten, ist daher kaum überraschend. Auch die - kriminalstatistisch belegte - größere Gewaltneigung von Jugendlichen mit „Migrationshintergrund" wird so verständlich: Sie ist in erster Linie als Symptom einer mangelnden sozialen Integration und weniger als Ausdruck vermeintlich gewaltaffiner „Kulturen" zu verstehen (5). Eine oft übersehene Ursache für Anomie unter Jugendlichen ist das Zerbrechen von Familien: In „nicht-traditionellen" Familienformen aufwachsende Jugendliche werden häufiger delinquent als Jugendliche, die mit beiden leiblichen Eltern zusammen leben (6). Ein Grund hierfür könnte sein, dass Jugendliche nach einer Trennung ihrer Eltern eher dazu neigen sich einer delinquenten Peer-Group bzw. „Gang" anzuschließen. Zur Integration in eine solche „Ersatzfamilie" gehören häufig Drogenkonsum und Delinquenz, nicht selten wird auch Gewaltbereitschaft gefordert. Das größte Risiko für einen Jugendlichen delinquent zu werden geht von der Zugehörigkeit zu einer solchen „peer-group" aus (7). Drastisch verringert wird die Gefahr der Jugenddelinquenz - wie Schweizer Kriminologen hervorheben - von konsequent erziehenden Eltern: „Jugendliche, deren Eltern eine starke Kontrolle ausüben, begehen massiv weniger Delikte als Jugendliche, deren Eltern nur selten Bescheid wissen, wann, mit wem und wohin ihre Kinder am Abend fortgehen" (8). Eltern die zusammenhalten, ihre Kinder gemeinsam nach klaren Regeln erziehen und sich für eine Ausbildung ihrer Kinder engagieren, fördern die Integration von Jugendlichen in die Gesellschaft - das Zerbrechen von Familien und Nachbarschaften, die Akzeptanz von Drogenkonsum und kriminellen Jugendbanden löst dagegen den sozialen Zusammenhalt auf (9).

(1) Christian Pfeiffer et al: Jugendliche in Deutschland als Täter und Opfer von Gewalt. Erster Forschungsbericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachen, Hannover 2009, S. 15.
(2) Vgl.: Helmut Thome/Christoph Birkel: Sozialer Wandel und Gewaltkriminalität. Deutschland, England und Schweden im Vergleich, 1950-2000, VS Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden 2007, S. 396.
(3) Vgl. ebd., S. 198-201 (zu den Kirchen) sowie S. 352-378 (zum „Strukturwandel" der Familie).
(4) Vgl. ebd., S. 343.
(5) Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen kommt zu dem Ergebnis, dass die Zusammenhänge zwischen Migration und Gewalttäterschaft überwiegend durch die Bedingungen vermittelt werden „unter denen Migranten aufwachsen und leben". Siehe hierzu: Christian Pfeiffer et al (2009): op. cit. S. 85-86.
(6) Simone Walser/Martin Killias: Jugenddelinquenz im Kanton St. Gallen. Bericht zuhanden des Bildungsdepartements und des Sicherheits- und Justizdepartements des Kantons St. Gallen, Zürich 2009, S. 28 sowie Abbildung unten: „Familienform und Jugenddelinquenz".
(7) Nach Erkenntnissen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachen weisen in delinquente Freundesnetzwerke mit mehr als fünf Freunden eingebundene Jugendliche in Bezug auf Gewalttaten eine um das 39fache höhere Wahrscheinlichkeit der Täterschaft und ein um den Faktor 54 erhöhtes Risiko der Mehrfachtäterschaft auf. Vgl.: Christian Pfeiffer et al (2009): op. cit. S. 83.
(8) Vgl. Simone Walser/Martin Killias (2009): op. cit. S. 29.
(9) Zum signifikanten Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und Gewaltneigung siehe Abbildung unten: „Drogenkonsum und Jugendgewalt". Schweizer Kriminologen schließen aus solchen Befunden: "Offensichtlich ist der Cannabiskonsum weniger harmlos, als das „friedliche" Image dieser Substanz hätte erwarten lassen." Siehe: Simone Walser/Martin Killias (2009): op. cit. S. 33.


 

 

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