Der Kleinbürger - vielgescholtener Leistungsträger
Das Kleinbürgertum hat nie Sympathien auf sich gezogen. (...) Es ließe sich viel Gutes über den Kleinbürger sagen, seine Arbeitsethik, sein Vermögen, sich trotz widriger Umstände zu behaupten, die Umsicht und Gewissenhaftigkeit, mit der er für ein sozial stabiles Umfeld sorgt. (...) Doch diese Leistung schlägt nicht zu seinen Gunsten aus, im Gegenteil: Der Kleinbürger gilt als engstirnig, stur, borniert; seine Beharrlichkeit wird ihm als Pedanterie ausgelegt, die sparsame Bewirtschaftung seiner Grundlagen als Geiz, seine Alltagswelt wird durchgängig als banal und sinnentleert beschrieben, das Gefühlsleben als schal und abgestanden. Der Spießbürger ist die Minusvariante des Bürgers, ein Mensch von geschrumpftem Format. (...) Es ist erstaunlich, mit welcher Engelsgeduld der so Gescholtene die Dauerverächtlichmachung erträgt und unbeirrt seinen Beitrag zum Gemeinwohl leistet. (...) Manchmal wünscht man sich etwas Rücksicht, ein wenig Respekt vor seiner nimmermüden Leistung. (...) Nur Spießer gehen regelmäßig zum Blutspenden, sammeln Altkleider, sind bei der freiwilligen Feuerwehr. Jeder dritte Bürger versieht in Deutschland eine ehrenamtliche Tätigkeit, und es sind selten die Leitartikler und Hüter sozialer Moral aus den Fernsehstudios, Konferenzen und bedeutenden Symposien, die man unter den 23 Millionen freiwilligen Helfern wieder trifft.
Jan Fleischhauer: Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde, Reinbek bei Hamburg, 2. Auflage Mai 2009, S. 180 ff.
