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iDAF-Newsletter der Woche 41 - 2009

Zitat der Woche 41 - 2009

Migration - eine nationale Aufgabe

Scheinbar ist eine „zunehmende Unzufriedenheit" [...] mit den gegenwärtigen nationalen Migrationspolitiken in Europa zu verzeichnen. [...] Die europäischen Bürokraten und Migrationsexperten in Brüssel würden sich aus Gründen der statistischen Bequemlichkeit vielleicht eine Harmonisierung wünschen (zweifellos ein Vorteil für die Funktionäre des „Migrationsgeschäfts"). Die Beamten der EU-Kommission sehen dieses Ziel möglicherweise als Komponente einer breiteren Zielsetzung, die Macht von den nationalen Regierungen nach Brüssel zu übertragen. Wenn die Harmonisierung nicht um der Harmonisierung willen empfohlen wird, sollte sie doch ausdrückliche Ziele mit eindeutigem Nutzen für die europäischen Bevölkerungen verfolgen und nicht nur für die, die das System verwalten und messen. In der absehbaren Zukunft scheint es wahrscheinlich, dass der Migrationsdruck, der Arbeitskräftebedarf, die Arbeitslosenquoten, die Wohnungsknappheit, die rassischen Spannungen und die öffentliche Meinung zwischen den europäischen Ländern beträchtliche Unterschiede aufweisen werden, was ein Argument für die Fortführung des Migrationsmanagements auf nationaler Ebene zu sein scheint.

David Coleman: Migration nach Europa: eine Kritik am neuen Konsens des Establishments, S. 327-340, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 28 Heft 3-4, Opladen 2001, S. 337.

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Nachricht der Woche 41 - 2009

Integration und Familienpolitik - (Sarrazins) Klischees und die Realität

Die deutsche Bevölkerung altert nicht nur, sondern wird auch „bunter" in ihrer ethnisch-kulturellen Zusammensetzung. Motor dieses ethnischen Bevölkerungswandels ist nicht nur die seit Jahrzehnten zu verzeichnende Zuwanderung, sondern auch die größere Geburtenneigung der Frauen mit Migrationserfahrung im Vergleich zu den in Deutschland geborenen Frauen. Die Unterschiede im Geburtenverhalten zwischen Zuwanderern und „Einheimischen" haben sich dabei in den letzten Jahrzehnten sogar noch verschärft: So sind die Unterschiede in den Anteilen Kinderloser zwischen Frauen mit und ohne Migrationserfahrung in den jüngeren Kohorten noch deutlich größer als in den älteren Kohorten (1). Verständlich wird diese Entwicklung im Blick auf die Herkunft vieler Migrantinnen aus traditionell-ländlichen Regionen: Kinder zu bekommen ist für sie zumeist noch eine biographische Selbstverständlichkeit. Die Geburtenzahlen zeigen hier symptomatisch wie sich die säkulare Kluft zwischen traditionsbestimmten und postmodern-individualistischen Lebenswelten vergrößert (2).
Lange gingen Politiker und auch Wissenschaftler in Deutschland davon aus, dass sich Zuwanderer in ihrer Lebensweise rasch der einheimischen Bevölkerung anpassen. Teile der zugewanderten Bevölkerung halten jedoch auch in der 2. und 3. Generation an hergebrachten Heirats- und Familienbildungsmustern fest und weisen vergleichsweise hohe Kinderzahlen auf. Doch selbst wenn sich die Folgegenerationen dem Geburtenverhalten der einheimischen Bevölkerung anpassen nimmt aufgrund der hohen Kinderzahlen der ersten Generation der Migranten ihr Anteil an der Gesamtzahl der Mütter zu. Damit wächst notwendigerweise ihr Anteil an den Geburten in der Gesamtbevölkerung. Auch ohne weitere Zuwanderung würde sich so der Anteil dieser Gruppen an der Bevölkerung vergrößern. Durch ihre verwandtschaftlichen Netzwerke und Heiraten ziehen sie aber häufig weitere Zuwanderer aus ihrer Heimatregion nach („Kettenmigration") (3). Auf diese Weise wachsen in deutschen Großstädten neue ethnische Subgesellschaften. In vielen dieser Subgesellschaften bilden Arbeitslosigkeit, relative Armut, eine mangelnde Ausbildung der Kinder und Jugenddelinquenz ein „Krisencluster" misslungener Integration (4).
Kritiker des deutschen Sozialstaates sehen im Wachstum dieser Parallelgesellschaften eine von dessen Transferleistungen mit verursachte „Unterschichtung" der deutschen Gesellschaft. Nach ihrer Perzeption fördern direkte monetäre Transfers an Familien den Kinderreichtum in den „falschen" Schichten (unter Migranten, „Bildungsfernen" etc.) (5). Der frühere Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin meint deshalb, dass Deutschland in der Familienpolitik „völlig umstellen" müsse: „weg von Geldleistungen, vor allem bei der Unterschicht" (6). Stattdessen seien die Mittel zugunsten von „Sachleistungen" bzw. eines Ausbaus der Kinderbetreuungsinfrastruktur umzuverteilen (7).
Der Blick über die deutschen Grenzen hinaus zeigt allerdings, dass eine relativ höhere Fertilität von Migranten und ein tiefgreifender ethnischer Bevölkerungswandel in praktisch allen westlichen Demokratien die Integrationsfähigkeit des Nationalstaates herausfordern. Dies gilt für die liberalen angelsächsischen nicht weniger als für die wohlfahrtsstaatlich geprägten europäischen Länder (8). So zeigen sich in den USA besonders ausgeprägte Fertilitätsdifferenzen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen - trotz des weitgehenden Fehlens staatlicher Leistungen für Familien (9). Der Einfluss der Sozialpolitik auf den Kinderreichtum ethnischer Minderheiten wird von Sozialstaatskritikern wie Sarrazin offenkundig weit überschätzt. Völlig unterbelichtet bleibt aus dieser auf materielle Aspekte verengten Sichtweise die Frage der kulturellen Integrationskraft: In deutschen Großstädten treffen traditionelle, teilweise archaisch anmutende, Lebenswelten von Migranten auf eine hyperindividualistische Kultur (10). Die Angehörigen dieser Kultur sind in Erziehungsfragen chronisch verunsichert - wovon die Flut einschlägiger Erziehungsratgeber Zeugnis gibt. Umso schwerer fällt es ihnen, zusätzlich zu ihren eigenen (wenigen) Kindern noch die (zahlreichen) Kinder mit „Migrationshintergrund" in Kindertagesstätten und Schulen sozial zu integrieren. Mehr „Sachleistungen" und „Betreuungsinfrastruktur" werden diesen Grundwiderspruch unserer Gegenwartskultur nicht lösen.

(1) Siehe Abbildung unten: „Kinderzahlen von Frauen nach Herkunft".
(2) Zu den kulturell-religiösen Hintergründen des größeren Kinderreichtums von Migranten: http://www.i-daf.org/73-0-Woche-33-2008.html.
(3) Vgl.: David Coleman: Mass Migration and Population Change, S. 183-215, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 28 Ausgabe 2-4, Wiesbaden 2003, S. 193 sowie David Coleman: The future of the developed world: some neglected demographic changes, S. 641-666, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 32. Jahrgang 3-4, Wiesbaden 2007, S. 650.
(4) Aus seinem reichen Erfahrungsschatz schöpfend schildert der Bezirksbürgermeister von Berlin- Neukölln Heinz Buschkowsky diese Problematik. Vgl.: Heinz Buschkowsky im Interview mit Elisabeth Niejahr: Intervention für Familie, S. 182-199, in: Kurt Biedenkopf, Hans Bertram, Elisabeth Niejahr (im Auftrag der Robert Bosch Stiftung): Starke Familie - Solidarität, Subsidiarität und kleine Lebenskreise Bericht der Kommission »Familie und demographischer Wandel«, Stuttgart 2009.
(5) Einige Vertreter dieser Sichtweise wie der Neo-Malthusianer Gunnar Heinsohn behaupten, dass dank der vermeintlich großzügigen staatlichen „Alimentierung" Kinder für (einkommensschwache) Eltern ein „Geschäftsmodell" seien. Zum Fehlen jeder empirischen Plausibilität für solche Spekulationen: http://www.i-daf.org/174-0-Woche-22-2009.html.
(6) Siehe hierzu: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,652307,00.html.
(7) Seine Ideen zur Familienpolitik hat Sarrazin auf einem Symposium zum Ehegattensplitting näher erläutert. Konkret möchte er das Ehegattensplitting sowie das Kindergeld für das erste Kind abschaffen, das Kindergeld für das zweite Kind kürzen und stattdessen ein für die Eltern kostenfreies flächendeckendes Ganztagsbetreuungssystem aufbauen. Vgl.: Thilo Sarrazin: Statement in der Podiumsdiskussion beim „Symposium Ehegattensplitting und Familienpolitik" an der Universität Hohenheim, in: Programmheft zum Symposium Ehegattensplitting und Familienpolitik an der Universität Hohenheim vom 31.1.-1.2.2007. Zu den absehbaren Folgen einer solchen Politik für Mehrkinderfamilien in der Mittelschicht: Stefan Fuchs: Stellschraube Steuern. Erwerbstätigkeit gegen Familienarbeit, http://www.erziehungstrends.de/node/545.
(8) So wurden in Großbritannien wie in Schweden in den letzten Jahren mindestens ein Fünftel der Kinder von Migrantinnen geboren. In Spanien war dieser Anteil noch höher, in Deutschland dagegen eher etwas niedriger. Vgl.: Tomás Sobotka: Erhöht Zuwanderung die Geburtenraten in Europa? Geringer Beitrag, aber nachhaltiger Einfluss auf Altersstruktur und Bevölkerungsgröße, in: Demographische Forschung - Aus erster Hand, Nr. 4 - 2008, S. 3. Zum demographischen Verhalten verschiedener ethnischer Gruppen und ihrer sozialen Integration in Großbritannien: http://www.i-daf.org/171-0-Woche-21-2009.html.
(9) Siehe Abbildung unten: „Kinderzahlen in den USA nach Ethnie".
(10) Die archaischen Aspekte der Subgesellschaften von Migranten wie Ehrenkodizes und Friedensrichter werden von Heinz Buschkowsky anschaulich beschrieben. Siehe hierzu: Heinz Buschkowsky im Interview mit Elisabeth Niejahr, op. cit. S. 184-187.

 

 

 

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