Wir wissen nicht mehr so recht....
„Die Sexualmoral einer Gesellschaft spricht oft Bände über die Art und Weise, wie sie ganz allgemein moralische und soziale Dinge angeht. Heutzutage wissen viele Eltern nicht so recht, was sie ihren Kindern in sexuellen Fragen denn sagen sollen. Seit wir nämlich die Vorstellung ad acta gelegt haben, „man solle bis zur Ehe warten", reden wir ganz diffus davon, dass man nur in einer "festen Beziehung" miteinander schlafen sollte. Viele geben ihren Sprösslingen nur einige vage Ratschläge auf den Weg - „nie beim ersten Mal" und „wenn, dann mit Verhütungsmitteln" und dergleichen. [...] Die Ehe ist für viele eine Wegwerfbeziehung geworden. Sie wird oft wie ein Mietvertrag eingegangen - mit dem Vorbehalt, dass man sie ja beenden und sich nach einem neuen Objekt umsehen könnte, wenn die beteiligten Parteien nicht damit zufrieden sind. Wir wissen nicht mehr so recht, ob und wann wir heiraten sollen oder ob wir eheliche Treue erwarten dürfen. Und wenn wir Kinder in die Welt setzen, ist uns unklar, was wir ihnen schulden".
Amitai Etzioni: Die Entdeckung des Gemeinwesens, Ansprüche, Verantwortlichkeiten und das Programm des Kommunitarismus, Stuttgart 1995, S. 31.
Kern der Unauflöslichkeit
„Das Christentum hat die Ehe immer als Antwort auf die sozialen Ansprüche und individuellen Sehnsüchte nach Liebe, Geborgenheit und Sinngebung verstanden, die Beziehung zwischen Mann und Frau galt stets als die engste menschliche Beziehung, als die Ur-Beziehung, wie sie Gott gewollt hat. Das setzt den Freiraum der In¬timität voraus. Das ist der Raum der Bedingungslosigkeit. In ihm werden wir nicht danach bemessen, was wir leisten oder haben, sondern weil wir sind. Intimität ist Grundfolie des Seins. Dieser Raum der Intimität und des Urvertrau¬ens ist auch das Grundmuster der Familie. Es ist bezeichnend, daß der Große Brockhaus und auch andere große Lexika diesen Begriff fast nur in Verbindung sehen mit Intimsphäre, Sexualität. Aber es ist mehr. Intimität ist das In¬nerste, ist unbedingtes Vertrauen, Urvertrauen. Sie ist das Wohnzimmer des Urvertrauens, des Humanums. Das ist der Ort, wo der Mensch sozusa¬gen sich selbst begegnet. Intimität ist vor allem eine geistige Dimension. Sie gehört zum Menschsein. In ihr wohnt das Ich. Sie ist der Mantel für die anthropologische Aus¬sage, daß der Mensch nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen ist. Und weil die Be¬gegnung der Ehepartner in diesem Raum so bedingungs- und rückhaltlos, so existentiell naturgegeben ist, ist die Verbindung auch unauflöslich. So argumentieren schon die großen Theologen."
Jürgen Liminski, Ehe und Familie in christlicher Sicht, aus: Handbuch der Katholischen Soziallehre, herausgegeben von Anton Rauscher, Duncker und Humblot, Berlin, 2008, S.273 - 290, hier 278
