Zitat der Wochen 31-32 / 2010

Von der Lebensstilfrage zur Existenzfrage

Hinzu kommt, dass die Forderung der fünfziger und sechziger Jahre - die häusliche Sphäre verlassen und den Lohnarbeitsmarkt betreten zu können - nur die Ideologie der wohlhabenden, gebildeten, verheirateten Frauen der Mittelschicht widerspiegelte, deren Motivationen, anders als bei Frauen aus anderen Schichten, nur selten ökonomischer Art waren. [...] Wenn es für verheiratete Frauen aus diesen Kreisen überhaupt einen Grund gab, außer Haus zu arbeiten, dann war es der Wunsch nach Freiheit und Autonomie [...]. Das Einkommen spielte dabei keine entscheidende Rolle, sondern wurde vielmehr als eine Art Zubrot betrachtet, das eine Frau ausgeben oder sparen konnte, ohne ihren Mann erst fragen zum müssen. Natürlich beruhte die Kalkulation des Familienbudgets eines Mittelschichtshaushalts im Lauf dieser Entwicklung bald schon auf dem Doppeleinkommen der Doppelverdiener. Und je normaler es wurde, Kindern der Mittelschicht eine Hochschulausbildung zu ermöglichen, und je mehr Eltern sich darauf einstellen mussten, ihre Kinder oft bis in die späten zwanziger Jahre oder sogar noch länger zu unterstützen, um so deutlicher verlor die Lohnarbeit einer verheirateten Frau aus der Mittelschicht ihre Bedeutung als reine Unabhängigkeitserklärung und um so mehr wurde sie, was sie für die Armen schon immer gewesen war: das notwendige Mittel zum Zweck. [...]

Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme - Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1995, S. 399-401.

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