zurück

Nachricht der Woche 21 / 2008 

 

Familien trotz Erwerbstätigkeit oft in prekären Lebenslagen

Dem in dieser Woche vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales vorgestellten Entwurf zum Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zufolge ist es die Aufgabe einer sozial gerechten Politik, „ökonomische und soziale Teilhabe- und Verwirklichungschancen für alle Mitglieder in der Gesellschaft zu gewährleisten. Politik, die dazu beitragen will, Armut und soziale Ausgrenzung zu verhindern, kann sich daher nicht in der Sicherung von Grundbedürfnissen erschöpfen“ (1). Aus diesem Grund wird in der Sozialberichterstattung der Europäischen Union in der Regel die relative Armut betrachtet. Relative Armut bestimmt sich in Abhängigkeit von den Lebensverhältnissen in einem bestimmten Land. Als arm gelten diejenigen Personen, die über so geringe Ressourcen verfügen, dass sie den in ihrer Gesellschaft als annehmbar geltenden Lebensstandard nicht erreichen.

 

Einkommensarm ist nach Definition der EU derjenige, der weniger als 50 % des mittleren Äquivalenzeinkommens (Medianeinkommens) zur Verfügung hat. Als armutsgefährdet gilt, wer über maximal 60 % des Medianeinkommens verfügt. Sozialpolitisch bedeutsam ist ferner die Schwelle von 70 % des Medianeinkommens. Lebensverhältnisse unterhalb dieser Schwelle werden als „prekärer Wohlstand“ bezeichnet, der mit Einschränkungen in zentralen Lebensbereichen sowie einer Armutsgefährdung in sozialen Risikosituationen einhergeht (2).

 

In dieser Zone des prekären Wohlstands leben zunehmend mehr Arbeitnehmer. Im Entwurf zum Armuts- und Reichtumsbericht  ist zu lesen: „Mit Sorge betrachtet die Bundesregierung die Zunahme des Niedriglohnbereichs auch bei  Vollzeiterwerbstätigkeit und damit einhergehend das steigende Armutsrisiko von Erwerbstätigen. 2005 blieben die Verdienste aus unselbständiger Arbeit von mehr als einem Drittel der Beschäftigten unterhalb der Niedriglohnschwelle von zwei Dritteln des Medians der Bruttoeinkommen. Anfang der 1990er Jahre war dies dagegen nur bei etwas mehr als einem Viertel der Fall. Entgegen dem europäischen Trend stieg damit auch die Armutsrisikoquote von Erwerbstätigen“ (3).

 

Diese Entwicklung in Deutschland trifft Familien mit mehreren Kindern und Alleinerziehende besonders hart. Nach Erkenntnissen des Statistischen Bundesamts leben Familien mit drei oder mehr Kindern und Alleinerziehende überdurchschnittlich oft in „prekärem Wohlstand“. Zur Situation von „Familien in prekären Lebenslagen“ hat das Deutsche Jugendinstitut im Auftrag des Bundesfamilienministeriums eine umfassende Studie veröffentlicht. Die Studie hat ergeben, dass sich eine bedeutende Zahl von Familien in prekären wirtschaftlichen Lagen befindet, obwohl beide Eltern – häufig sogar in Vollzeit – erwerbstätig sind (4). Nach Auffassung der Forscher fehlt es an Modellen, die Familien mit unterhaltspflichtigen Kindern finanziell unterstützen, wie einer lebenslaufrelevanten Bezahlung, die statt Älter werden Bedürftigkeit begünstigt, oder Anspar- bzw. Kreditphasen in Bezug auf die Arbeitszeit oder Bezahlung.

--------------------------------- 

      (1) Vgl.: Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung: „Lebenslagen in Deutschland“ 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (Entwurf), (05/2008), S. II,
http://www.sozialpolitik-aktuell.de/docs/Dritter_Armuts-_&_Reichtumsbericht.pdf.

(2) Vgl.: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Armut und Lebensbedingungen: Ergebnisse aus LEBEN IN EUROPA für Deutschland 2005, Wiesbaden 2006, S. 17-18.
http://www.sozialpolitik-aktuell.de/docs/destatis_armut_und_lebensbedingungen.pdf.

(3) Vgl.: Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung: „Lebenslagen in Deutschland“ 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (Entwurf), (05/2008), S. VIII,
http://www.sozialpolitik-aktuell.de/docs/Dritter_Armuts-_&_Reichtumsbericht.pdf.

(4) Vgl.: Alois Weidacher: Verhalten von Familien in prekären Lebenslagen, in: S. 191-226, in: Walter Bien/Alois Weidacher (Hrsg.): Leben neben der Wohlstandsgesellschaft. Familien in prekären Lebenslagen, S. 206

zurück