Nachricht der Woche 31 - 2008
Weniger kinderreiche Familien – zentrale Ursache des Geburtenrückgangs
Seit der Amtszeit von Renate Schmidt ab 2002 hat in der deutschen Familienpolitik ein tiefgreifender Paradigmenwechsel stattgefunden. Ziel dieses Paradigmenwechsels ist eine „nachhaltige“ Familienpolitik (1). In die familienpolitische Diskussion eingeführt wurde das Konzept der „Nachhaltigkeit“ insbesondere durch ein vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebenes Gutachten der Ökonomen Bert Rürup und Sandra Gruescu (2). Dieses Gutachten geht davon aus, dass der Geburtenmangel in Deutschland „in erster Linie in dem hohen Anteil kinderloser Frauen begründet“ sei (3). Die verbreitete Kinderlosigkeit wird auf die „Opportunitätskosten“ der Kindererziehung, insbesondere für gut verdienende Akademikerinnen, zurückgeführt (4). Die simultane Tätigkeit von Erwerbsberuf und Familie soll es den erwerbstätigen Frauen ermöglichen, die nach einer Geburt entstehenden „Opportunitätskosten“ zu senken. Dadurch sollen dann die beiden Hauptziele einer „nachhaltigen“ Familienpolitik, „eine ausreichende Kinderzahl“ einerseits sowie „eine Erhöhung der Frauenerwerbsquote“ andererseits, gefördert werden.
Übersehen wird dabei, dass der Geburtenschwund in Deutschland vor allem durch den Rückgang von Mehrkinderfamilien verursacht ist (5). Ereignet hat sich der Geburtenrückgang zwischen 1960 und 1990. In dieser Zeit ist die Zahl der Kinder in der deutschen Gesellschaft von insgesamt 19 auf 17 Millionen gesunken. Zurückzuführen ist dieser Einbruch der Kinderzahl fast ausschließlich auf die Reduktion der Drei- und Vierkinderfamilien. Nun sind Familien mit vier und mehr Kindern auch in anderen Ländern Europas deutlich seltener geworden. In Frankreich oder Holland aber ist die Zahl der Drei- Kinderfamilien entweder gleich geblieben oder aber nur geringfügig zurückgegangen. Vor allem die größere Häufigkeit von dritten Kindern im Vergleich zu Deutschland erklärt, warum diese Länder ein höheres Geburtenniveau aufweisen. Im Blick auf die Geburtenentwicklung in Deutschland stellt der Familiensoziologe Hans Bertram deshalb fest, dass die „entscheidende Abweichung von der europäischen Entwicklung“ die Familie mit drei Kindern betrifft. Bertram vermutet, dass die Kinderlosigkeit einerseits und der Rückgang kinderreicher Familien andererseits unterschiedliche Ursachen haben könnten, „die entsprechend mit unterschiedlichen Konzepten von Politik zu beantworten sind“ (6).
Die Konzeption der „nachhaltigen“ Familienpolitik orientiert sich am Leitbild der kontinuierlichen Vollzeiterwerbstätigkeit beider Eltern. Ermöglicht werden soll diese durch eine umfassende „one-size-fits-all“- Ganztagsbetreuung schon der kleinen Kinder (7). Der Lebenswirklichkeit der meisten kinderreichen Familien und den Präferenzen von Frauen, die sich mehrere Kinder wünschen entspricht dieses Leitbild nicht (8). Ob dieser gesellschaftspolitische Paradigmenwechsel, tatsächlich dem Ziel einer „nachhaltigen“ Bevölkerungsentwicklung dienen kann, ist daher zumindest fraglich.
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(1) Vgl.: Malte Ristau: Der ökonomische Charme der Familie, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 23-24 2005, S. 18-24.
(2) Vgl.: Johannes Huinink: Was soll nachhaltige Familienpolitik? Anmerkungen zum Siebten Familienbericht der Bundesregierung, S. 391-395, in: Zeitschrift für Soziologie, Jahrgang 36, Heft 5, Oktober 2007, S. 392.
(3) Vgl.: Bert Rürup/Sandra Gruescu: Nachhaltige Familienpolitik im Interesse einer aktiven Bevölkerungsentwicklung, Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Bonn 2003, S. 13.
(4) Vgl. ebd., S. 51-53.
(5) Vgl. Abbildung 1.
(6) Vgl.: Hans Bertram: Die Mehrkinderfamilie in Deutschland. Zur demographischen Bedeutung der Familie mit drei und mehr Kindern und ihrer ökonomischen Situation. Expertise für das Kompetenzzentrum für familienbezogene Leistungen im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2008, S. 5-8.
(7) Aufschlussreich hierzu: Ilona Ostner: Sozialwissenschaftliche Expertise und Politik. Das Beispiel des Siebten Familienberichts, S. 385-390, in: Zeitschrift für Soziologie, Jahrgang 36, Heft 5, Oktober 2007, S. 388-389.
(8) Zur Lebenswirklichkeit kinderreicher Familien: Dorothea Siems: Die Großfamilie stirbt in Deutschland aus, in: WELTONLINE vom 22. Februar 2008, http://www.welt.de/politik/article1711885/Die_Grossfamilie_stirbt_in_Deutschland_aus.html#.
Zu den Präferenzen von Frauen, die sich Kinder wünschen: http://www.i-daf.org/58--woche-26-2008.html.
