Zitat der Woche 31 - 2008
Joseph A. Schumpeter über die Auflösung der bürgerlichen Familie
Sobald Männer und Frauen die utilitaristische Lektion gelernt haben und es ablehnen, die traditionellen Einrichtungen, die ihr soziales Milieu für sie bereitstellt, als gültig anzuerkennen, - sobald sie die Gewohnheit annehmen, die individuellen Vor- und Nachteile jeder voraussichtlichen Folge von Handlungen abzuwägen –, oder, wie wir es auch ausdrücken könnten: sobald sie in ihrem Privatleben eine Art unausgesprochener Kostenrechnung einführen –, müssen ihnen unvermeidlich die schweren persönlichen Opfer, welche Familienbindungen und namentlich Elternschaft unter modernen Bedingungen mit sich bringen, ebenso wie die Tatsache bewusst werden, dass gleichzeitig […] die Kinder nicht mehr ein wirtschaftliches Aktivum sind.
Jene Opfer bestehen nicht nur aus den Posten, die in den Meßbereich des Geldes kommen, sondern bedeuten überdies einen unmessbaren Verlust an Behaglichkeit, an Sorgenfreiheit und an Möglichkeiten, andere Dinge von zunehmender Anziehungskraft und Mannigfaltigkeit zu genießen, - andere Dinge, die mit den einer immer strengeren kritischen Analyse unterzogenen Elternfreuden verglichen werden. Die daraus zu ziehende Folgerung wird durch die Tatsache, dass die Bilanz wahrscheinlich unvollständig, vielleicht sogar grundlegend falsch ist, nicht abgeschwächt, sondern verstärkt. Denn das größte Aktivum, der Beitrag, den die Elternschaft an die physische und moralische Gesundheit – an die Normalität, wie wir es auch ausdrücken könnten – leistet, namentlich im Fall der Frauen –, dieses Aktivum entgeht beinahe ausnahmslos dem rationalen Scheinwerfer moderner Individuen, die im privaten und öffentlichen Leben die Aufmerksamkeit auf ermittelbare Einzelheiten von unmittelbar utilitaristischer Bedeutung zu lenken und über die Vorstellung verborgener Notwendigkeiten der menschlichen Natur oder des sozialen Organismus zu lächeln tendieren. […]
Während der kapitalistische Prozess vermöge der von ihm selbst erzeugten psychischen Haltung die Werte des Familienlebens immer mehr zum Verblassen bringt und die Gewissenshemmungen beseitigt, die eine alte moralische Tradition dem Streben nach einer anderen Lebensform in den Weg gelegt hat, fördert er gleichzeitig die neuen Gelüste (1).
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(1) Vgl. Joseph A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, München 1950, Dritte Auflage 1972, S. 254-256.
