Nachricht der Woche 37 - 2008
Der volkswirtschaftliche Wert der Haushalts und Familienarbeit: Die unterschätzte Leistung der Mütter
Familienpolitische Diskussionen drehen sich häufig um die Fragen, welche öffentlichen Leistungen den Familien zugute kommen (1). Mindestens ebenso bedeutsam ist jedoch die Frage, welchen volkswirtschaftlichen Wert, die in den Familien erbrachten Pflege- und Erziehungsleistungen haben. Aufschlüsse hierzu ermöglicht die „Zeitbudgeterhebung“ des Statistischen Bundesamts. Im Rahmen dieser erstmals 1991 durchgeführten und 2001/2002 wiederholten Studie hat das Statistische Bundesamt den Wert der unbezahlten, in Privathaushalten erbrachten Leistungen auf mindestens 820 Milliarden Euro bzw. knapp 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beziffert. Bei dieser Schätzung handelt es sich um eine Untergrenze, andere Schätzungen kommen zu wesentlich höheren Beträgen. Selbst bei dieser vorsichtigen Bewertung entsprach die „Haushaltsproduktion“ in etwa der Bruttowertschöpfung der Bereiche Handel, Gastgewerbe und Verkehr zusammen. Von dieser Haushaltsproduktion sind 83 Prozent des Leistungsvolumens auf die unbezahlte Arbeit der Haushaltsmitglieder zurückzuführen. Bei einer vorsichtigen Bewertung der unbezahlten Arbeit mit dem Nettostundenlohn von Hauswirtschafterinnen in Höhe von gut 7 Euro je Stunde in 2001 ergab sich ein Wert der unbezahlten Arbeit im Haushalt von 684 Milliarden Euro (2).
Der größte Teil der Arbeit in Privathaushalten wird von Frauen geleistet (3). Mütter wiederum leisten deutlich mehr unbezahlte Arbeit als kinderlose Frauen. Zentraler Bestandteil der unbezahlten Hausarbeit in Familien ist die Betreuung kleiner Kinder. Diese Erziehungsarbeit erfordert eine andere Zeitverwendung als die Erwerbsarbeit. Sie ist nicht auf Termine und Taktzeiten, sondern auf die Befriedigung elementarer Lebensbedürfnisse ausgerichtet. Die meisten Mütter unterbrechen deshalb, wenn (kleine) Kinder zu betreuen sind, ihre Erwerbsarbeit oder schränken diese deutlich ein (4). Dies ist nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen Ländern in Europa die Regel. Kinderbetreuung außerhalb der Familie ist eher die Ausnahme (5).
Vergleichsweise weit verbreitet ist die außerfamiliale Kinderbetreuung in Ostdeutschland. Hier befürworten mehr Befragte als in allen anderen Ländern Europas die Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern auch kleiner Kinder. Die unentgeltliche Tätigkeit der Hausfrau und Mutter wird von der Mehrheit der Ostdeutschen als prinzipiell weniger „erfüllend“ als die Erwerbsarbeit angesehen. In Westdeutschland ist die Bevölkerung im Blick auf die Wertschätzung der unentgeltlichen Hausfrauenarbeit gespalten: Während mehr als 40 Prozent der Befragten der Aussage, „Hausfrau zu sein, ist genauso erfüllend wie gegen Bezahlung zu arbeiten“ zustimmen, lehnen sie gleichzeitig auch etwa 47 Prozent ab (6). Vor dem Hintergrund dieser sehr unterschiedlichen Einschätzungen sind die Motive, die für die Tätigkeit als Hausfrau sprechen von Interesse. Untersuchungen belegen, dass in Westdeutschland Neigung, Beanspruchung durch Haushaltstätigkeit und Kindererziehung die wichtigsten Motive für Hausfrauenarbeit sind (7). Die Entscheidung für die Familienarbeit treffen Frauen in der Regel nicht, weil ihnen eine Berufsausbildung oder Erwerbsmöglichkeiten fehlen, sondern um das Familienleben gestalten und ihre Kinder angemessen erziehen zu können.
---------------------------------------------
(1) Vgl.: http://www.i-daf.org/41--woche-18-2008.html.(2) Die übrigen 17 Prozent der Haushaltsproduktion entfallen auf Faktoren wie die Nutzung von Gebrauchsgütern wie Waschmaschinen, Möbel und Kraftfahrzeuge oder die bezahlte Hilfe durch Hausangestellte, Statistisches Bundesamt: Wertschöpfung für unbezahlte Leistungen im Haushalt bei mindestens 40% des Bruttoinlandsprodukts, Pressemitteilung Nr. 488 vom 02.12.2003.
(3) Nach der „Zeitbudgeterhebung“ leisteten Frauen 2001 mit knapp 31 Stunden pro Woche deutlich mehr unbezahlte Arbeit als Männer mit 19,5 Stunden. Vgl.: Statistisches Bundesamt: Frauen leisten 31 Stunden unbezahlte Arbeit pro Woche, Pressemitteilung Nr. 103 vom 05.03.2004.
(4) Vgl.: Martina Gille/Jan Marbach: Arbeitsteilung von Paaren und ihre Belastungen mit Zeitstress, S. 86-113, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Alltag in Deutschland. Analysen zur Zeitverwendung, Forum Bundesstatistik, Band 43, Wiesbaden 2004, S. 94, S. 98-99 sowie S. 112.
(5) Vgl.: Angelika Dittmann/Jörg Scheuer: Berufstätigkeit von Müttern bleibt kontrovers, Einstellungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Deutschland und Europa, S. 1-5, in: Informationsdienst Soziale Indikatoren, Ausgabe 38, Juli 2007, S. 4.
(6) Vgl.: Abbildung unten: „Einstellungen zur Tätigkeit als Hausfrau“.
(7) Vgl.: Abbildung unten: „Gründe für die Hausfrauentätigkeit in Westdeutschland“.

-------------------------------
