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Zitat der Woche 38 - 2008

Miegel:  Wohlstandsverlust durch Zerfall der Familie

Wohlstand, der arm macht. Dieses Paradox ist in allen frühindustrialisierten Ländern zu beobachten. In den nationalen Armutsberichten findet es seinen Niederschlag. Fast überall driften Arme und Reiche weiter auseinander, auch wenn die Armen nicht ärmer werden. Aber sie werden zahlreicher, und die Reichen werden reicher. Wie sich bei einem Schiff, das über den Bug sinkt, das Heck zunächst höher und höher über die Wasserlinie hebt, vermehrt sich Armut und steigt der Reichtum. Dabei hat die sich ausbreitende Armut vor allem zwei Gründe: die abnehmende Ergiebigkeit von Erwerbsarbeit und die Auflösung des Familienverbands. […] Neben Arbeitslosigkeit ist das Zerbrechen einer Partnerschaft der wichtigste Grund für Armut in einem frühindustrialisierten Land. Was zwei gemeinsam gut stemmen konnten, schaffen sie getrennt nicht mehr. [….]

Der Zerfall der Familie als Wirtschaftsverband und die Vereinzelung des Individuums zehren vermutlich am stärksten am materiellen Wohlstand der frühindustrialisierten Länder. Bei gleichem Lebensstandard brauchen und verbrauchen nun einmal vier Ein-Personen-Haushalte sehr viel mehr als ein Vier-Personen-Haushalt. […] Der große materielle Wohlstand des Westens hat einem Lebensstil Vorschub geleistet, der so sehr auf Ineffizienz, ja Vergeudung angelegt ist, dass viele darüber verarmen. Die zunehmende Armut, mag sie auch relativ sein, muss nicht zuletzt in diesem Lichte gesehen werden: Wie unwirtschaftlich leben die von ihr Betroffenen? Oder umfassender: Könnten die westlichen Gesellschaften nicht erheblich wohlhabender sein, wenn sie ihren Wohlstand nicht wie rasend verschleuderten?“.

Meinhard Miegel, Epochenwende - Gewinnt der Westen die Zukunft?, Propyläen Verlag, Berlin, 2005, Seite 190 f.

 

 

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