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Nachricht der Woche 42 - 2008

 

Familienarbeit als Überlebensstrategie: Migranten sind besonders gut im Haushalten

 

Jeder fünfte, der heute in Deutschland lebt, ist eingewandert oder hat Eltern, die nach Deutschland eingewandert sind. In der jungen Generation ist der Anteil der Menschen mit ausländischen Wurzeln noch größer: Fast 30 Prozent aller minderjährigen Kinder wachsen in Familien mit Migrationshintergrund auf. Dieser hohe Anteil von Jugendlichen mit „Migrationshintergrund“ hat mit den Lebensformen von Einwanderern zu tun: Sie sind seltener ledig und häufiger verheiratet als Deutsche ohne Migrationshintergrund. Damit verbunden sind sie seltener kinderlos und haben häufiger mehrere Kinder (1). 

 

Die ökonomische Situation vieler Migranten ist schwierig: Mindestens ein Viertel von ihnen lebt in einer „prekären“ Einkommenslage (2). Bei kinderreichen Familien ist dieser Anteil noch deutlich höher (3). Aus solchen Befunden wird oft geschlossen, dass diese Familien von – zumindest relativer – Armut bedroht seien. Übersehen wird dabei allerdings, dass eine ausschließlich am nominellen Haushaltseinkommen orientierte Sichtweise die Wohlstandslage von Haushalten nicht vollständig erfasst. So hängt die wirtschaftliche Leistungskraft von Haushalten neben ihren monetären Ressourcen auch von ihrem Geschick im „Haushaltsmanagement“ ab. Das gilt natürlich generell für Familien, nicht nur für Familien mit Migrationshintergrund. Wichtig ist nicht nur, wie viel sie einnehmen, sondern auch inwieweit sie in der Lage sind, ihren Finanzbedarf zu planen, Steuer- und Versicherungsangelegenheiten zu regeln und vor allem ihren Haushalt sparsam und effektiv zu führen. So kann sich trotz vergleichbarer Haushaltseinkommen die Wohlstandslage von Familien erheblich unterscheiden. Nach Erkenntnissen des Deutschen Jugendinstituts gibt es innerhalb der Familien in prekären Einkommenslagen eine Gruppe, die besonders effizient wirtschaftet. Trotz ihrer bescheidenen Einkünfte gelingt es diesen Familien oft noch Ersparnisse zu bilden. Zu dieser Gruppe von „Überlebenskünstlern“ gehören überdurchschnittlich häufig Familien mit Migrationshintergrund. Es seien „vor allem ausländische Familien, die eine hohe Kompetenz haben, mit geringem Einkommen zu wirtschaften, und dabei eine höhere Lebenszufriedenheit zeigen als andere Familien mit vergleichbarem Einkommen“, stellen die Forscher des Deutschen Jugendinstituts fest. Dieser Befund zeige auch die große Bedeutung von Familiennetzwerken. Verglichen mit vielen deutschen Familien verfügten ausländische Familien häufiger über familiäre und soziale Netzwerke, die „nicht zuletzt in problematischen Lebenslagen“ hilfreich seien(4).

 

Zur „Überlebensstrategie“ dieser Familien gehört es, durch haushaltsproduktive Tätigkeiten anstelle des Einkaufs kommerzialisierter Güter und Leistungen bestimmte Ausgaben von vornherein zu vermeiden. Zu diesen haushaltsproduktiven Tätigkeiten zählen z. B. handwerkliche Leistungen in der Wohnung und an den Fahrzeugen, Reinigung und Kleiderpflege und nicht zuletzt die Zubereitung der Mahlzeiten. Dieser Lebensstil ist oft damit verbunden, dass sich ein Elternteil ganz oder überwiegend der Haushalts- und Familienarbeit widmet. Kritiker eines familienzentrierten Lebensstils sehen hierin eine „ineffiziente Produktion haushaltsnaher Dienstleistungen“. Für Akademiker mit einem hohen Stundenlohn ist diese Sichtweise naheliegend: Für sie ist es oft vorteilhaft, haushaltswirtschaftliche und handwerkliche Dienstleistungen einzukaufen und die damit verbundene Zeitersparnis in Beruf oder Freizeit zu investieren (5).

 

Allerdings sind nicht alle Eltern beruflich erfolgreiche Gutverdiener. Gerade unter den Migranten sind sie eher die Ausnahme (6). Aus der Perspektive vieler Familien – mit und ohne Migrationshintergrund – sind diese unbezahlten Arbeiten keineswegs „unproduktiv“: Sie ersparen erhebliche Ausgaben und tragen maßgeblich dazu bei, einen gewissen Lebensstandard, insbesondere hinsichtlich des Wohnens und der Verpflegung, zu sichern. Darüber hinaus helfen sie – z. B. durch gemeinsame häusliche Mahlzeiten – die familiären Beziehungen intakt zu halten. Diese Beziehungen sind wiederum ein wichtiger Rückhalt für Familien. Für Migranten ist dieser Rückhalt aus naheliegenden Gründen besonders bedeutsam.

 

Die Lebensweise zahlreicher Familien mit Migrationshintergrund verdeutlicht mithin exemplarisch: Haushalts- und Familienarbeit ist keine Vergeudung von Humanvermögen, sondern eine Quelle des Wohlstands (7) und die Pflege familialer Beziehungen kein Luxus, sondern eine (Über)Lebensnotwendigkeit.

 

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(1) Nicht genügend beachtet wird dabei, dass Familien mit Migrationshintergrund eine sehr heterogene Gruppe sind. Vgl.: http://www.i-daf.org/73--woche-33-2008.html.

(2)  Jan H. Marbach: Personen mit und ohne Migrationshintergrund – Fragen der Integration im Licht des DJI- Familiensurvey, S. 279-332, in: Walter Bien/Jan Marbach (Hrsg.): Familiale Beziehungen, Familienalltag und soziale Netzwerke. Ergebnisse der drei Wellen des Familiensurvey, Wiesbaden 2008, S. 318. Zur Definition „prekärer“ Einkommenslagen vgl.: Stefan Fuchs: Familien in prekären Lebenslagen - Zwischen Armut und relativem Wohlstand  http://www.erziehungstrends.de/Armut/Familien/Kinder/1.

(3) Nach Berechnungen des Deutschen Jugendinstituts zählen 30-40 % der Familien mit Kindern unter 18 Jahren zur Kategorie „unterer Einkommenslagen" und leben somit in (relativer) Armut oder in prekären Lebenslagen. Vgl.: Alois Weidacher: Informationsziel der Untersuchung „Familien mit Kindern unter 18 Jahren in prekären Lebenslagen“, S. 15-38, in: Walter Bien/Alois Weidacher (Hrsg.): Leben neben der Wohlstandsgesellschaft. Familien in prekären Lebenslagen, Wiesbaden 2004, S. 35.

(4)  Vgl.: Walter Bien/Richard Rathgeber: Familien in prekären Lebenslagen – zur politischen Relevanz der Untersuchungsergebnisse. Zusammenfassung und Ausblick,  in: Walter Bien/Alois Weidacher (Hrsg.): Leben neben der Wohlstandsgesellschaft. Familien in prekären Lebenslagen, S. 229-242, hier 241-242.

(5)  Vgl.: Stefan Fuchs: Familien in prekären Lebenslage – Obrigkeitsstaatliche Lenkung durch „Gutscheine“, http://www.erziehungstrends.de/Armut/Familien/Kinder/2

(6)  Jan H. Marbach: Personen mit und ohne Migrationshintergrund – Fragen der Integration im Licht des DJI- Familiensurvey, S. 279-332, in: Walter Bien/Jan Marbach (Hrsg.): Familiale Beziehungen, Familienalltag und soziale Netzwerke. Ergebnisse der drei Wellen des Familiensurvey, Wiesbaden 2008, S. 316-317.

(7) Siehe hierzu auch die Nachricht der Woche 37/2008: Der volkswirtschaftliche Wert  der Haushalts und Familienarbeit: Die unterschätzte Leistung der Mütter, http://www.i-daf.org/81--woche-37-2008.html.

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