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Nachricht der Woche 45 - 2008

Je mehr Geschwister, umso mehr eigene Kinder

Der Absicht eine Familie zu gründen, können sich heute viele Hindernisse in den Weg stellen: Lange Zeiten der Ausbildung und der Arbeitssuche, hohe Anforderungen der Wirtschaft an die Flexibilität gerade junger Arbeitnehmer, Unsicherheit über die (nicht nur berufliche) Zukunft, materielle Nachteile durch die Entscheidung für Kinder, das Zerbrechen von Beziehungen etc. Gleichzeitig ist der Einzelne heute freier als noch vor wenigen Jahrzehnten in seinen biographischen Entscheidungen (1). Dies gilt insbesondere für die Wahl seiner privaten Lebensform und die Entscheidung für oder gegen Kinder. Aus wissenschaftlicher Sicht ist deshalb nicht mehr der Verzicht auf (weitere) Kinder, sondern die Entscheidung für Kinder erklärungsbedürftig (2). Ökonomisch-rationale Motive kommen hierfür kaum in Frage. In einer Erwerbsarbeitsgesellschaft mit kollektiven Systemen der sozialen Sicherung sprechen praktisch alle materiellen Erwägungen gegen Kinder. Nur immaterielle und vor allem emotionale Motive können deshalb erklären, warum sich immer noch so viele Menschen für ein Leben mit Kindern entscheiden. Dazu gehören nicht zuletzt die Erfahrungen in der Herkunftsfamilie. Auch diese Erfahrungen sind natürlich individuell verschieden. Die Familienforschung zeigt allerdings, dass bestimmte „strukturelle“ Eigenschaften von Familien einen deutlich messbaren Einfluss auf den späteren Lebensweg von Kindern haben. Einen nachhaltigen Einfluss hat nicht zuletzt die Beziehung zu den leiblichen Eltern. Wenn Kinder mit beiden leiblichen Eltern aufwachsen, ist es wahrscheinlicher, dass sie später heiraten und selber Kinder haben, als wenn sie ohne ihren (leiblichen) Vater oder ihre (leibliche) Mutter groß werden. Die Beziehung der Eltern ist nicht nur im Blick auf die äußere Stabilität der Lebensbedingungen von Kindern bedeutsam: Ihre Beständigkeit fördert auch deren Bereitschaft zu heiraten und eine Familie zu gründen (3).

Wenn Kinder mit beiden leiblichen Eltern aufwachsen ist es auch wahrscheinlicher, dass sie mit (mehreren) Geschwistern aufwachsen. Das Aufwachsen mit Geschwistern fördert wiederum den Wunsch selber eine Familie mit mehreren Kindern zu gründen. Dies zeigen unter anderem Untersuchungen des Deutschen Jugendinstituts: Mehr als drei Viertel der im „Familiensurvey“ Befragten mit drei oder mehr Geschwistern wünschten sich mindestens zwei Kinder. Mehr als ein Drittel von ihnen wünschte sich sogar drei oder mehr Kinder. Von den ohne Geschwister Aufgewachsenen wünschte sich dagegen nicht einmal ein Fünftel drei oder mehr Kinder (siehe Abbildung unten). Mehr als jeder Vierte dieser Befragten wollte höchstens ein Kind haben. Hinsichtlich der tatsächlich vorhandenen Kinder fallen die Unterschiede noch größer aus: Fast 43 Prozent der als „Einzelkind“ Aufgewachsenen hatten (noch) keine Kinder. Knapp ein Drittel dieser Befragten hatten mindestens zwei und weniger als ein Zehntel drei oder mehr Kinder. Von den mit drei oder mehr Geschwistern Aufgewachsenen waren nur knapp 27 Prozent (noch) kinderlos. Mehr als die Hälfte von ihnen hatte schon mindestens zwei, etwa ein Fünftel sogar drei oder mehr Kinder (siehe Abbildung unten). Der Zusammenhang ist signifikant: Je kinderreicher die Herkunftsfamilie, desto größer ist im Durchschnitt die Zahl der eigenen Kinder. Zahlreiche Studien bestätigen diese engen Verbindungen zwischen dem Aufwachsen in der Herkunftsfamilie und der individuellen familiären Lebensform (4). Die Familiensoziologin Angelika Tölke stellt deshalb fest, dass die „Erfahrung in einer so genannten Normalfamilie, also mit beiden Eltern und Geschwistern, groß geworden zu sein“, für die eigene Familiengründung ein „wichtiger Weichensteller“ ist (5).

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(1) Vgl: Herwig Birg: Die ausgefallene Generation: Was die Demographie über unsere Zukunft sagt, München 2005, S. 89.

(2) Vgl. Franz- Xaver Kaufmann: Schrumpfende Gesellschaft. Vom Bevölkerungsrückgang und seinen Folgen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005 , S. 134.

(3) Dieser Zusammenhang zeigt sich vor allem bei Männern. Vgl.: Angelika Tölke/Karsten Hank: Männer und Familie: Vom Schattendasein ins Rampenlicht – Familiengründung im Kontext der beruflichen Entwicklung, S. 96-105, in: männer leben. Familienplanung und Lebensläufe von Männern. Kontinuitäten und Wandel, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln 2005, S. 102-103, sowie: Gerd Hullen: Scheidungskinder – oder: Die Transmission des Scheidungsrisikos, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 1/1998, Wiesbaden 199-38, S. 31. Als aktuelles Beispiel sei auf die von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegebene und vom Deutschen Jugendinstitut durchgeführte „Vaterschaftsstudie“ verwiesen: Claudia Zerle/Isabelle Krok:  „Null Bock auf Familie? Der schwierige Weg junger Männer in die Vaterschaft – Kurzfassung – München 2008, S. 4. Zu finden ist diese Zusammenfassung unter: http://www.dji.de/cgi-bin/projekte/output.php?projekt=479.

(4) Diese Zusammenhänge gelten für Männer wie für Frauen. Unter Akademikern sind sie tendenziell (noch) stärker ausgeprägt als unter Befragten mit niedrigeren Bildungsabschlüssen. Vgl.: Henrike Löhr: Kinderwunsch und Kinderzahl, S. 461-496, in: Hans Bertram (Hrsg.): Die Familie in Westdeutschland. Stabilität und Wandel familialer Lebensformen, Opladen 1991, S. 476. 

(5) „Die Erfahrung in einer so genannten Normalfamilie, also mit beiden Eltern und Geschwistern, groß geworden zu sein, ist für die eigene Entscheidung über eine Ehe und nochmals verstärkt für eine Familiengründung ein wichtiger Weichensteller.“ Siehe: Angelika Tölke/Karsten Hank: Männer und Familie: Vom Schattendasein ins Rampenlicht – Familiengründung im Kontext der beruflichen Entwicklung, op.cit. S. 102-103.

 

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