Die Kraft der Stille – Gegen eine Diktatur des Lärms, 03.06.2017

Die Kraft der Stille – Gegen eine Diktatur des Lärms


Ein pfingstliches Buch für alle Zeiten von Robert Kardinal Sarah

 

Die Hand des Kardinals ist schmal, fast zierlich, sein Händedruck dennoch fest und entschlossen. Robert Kardinal Sarah gehört nicht zu denen, die laut und mit breiten Ellenbogen auftreten. Dennoch ist er unübersehbar, er hat, was die Franzosen „Präsenz“ nennen. Seine Gestalt ist nicht imposant, dennoch beeindruckt er, sobald er seine Gedanken in Wortgestalten kleidet. Nun hat der Präfekt für die Liturgie – für Gläubige ein zentrales Anliegen, weil Liturgie die Form des Umgangs mit Gott ist – der Stille Wortgewänder geschneidert, die scheinbar nichts mit der Welt zu tun haben. Dennoch zielen sie ins Herz der unbarmherzigen Leistungsgesellschaft. Das Buch ist „radikal“, sagt Erzbischof Georg Gänswein bei der Vorstellung in Rom, weil es in die Tiefe gehe und dort die Quellen des Lebens anbohre. Die Stille erlaube, „in die Wahrheit des Lebens einzutreten“. Ohne diese Dimension der Stille werde der Mensch leer, weil er „nicht mehr weiß, wofür er lebt“. Diese Leere sei auch in die Kirche eingedrungen. Die Verweltlichung, der Lärm der Welt, „der Lärm der Menge“, wie es beim Evangelisten  Matthäus in der Passionsgeschichte heißt, führt zu einer Entfremdung von sich selbst.  

Es ist ein Anliegen des Buches, aktives und kontemplatives Leben zu versöhnen. Heute herrscht ein Kult der Effizienz, der Leistung und des Wachstums. Wie verträgt sich das mit der Stille? Schließlich ist Leistung notwendig. Hat die Stille überhaupt eine gesellschaftliche Bedeutung? Darauf Sarah: „Der Architekt plant im inneren Raum der Stille die Räume des Schaffens und Wohnens. Der Arzt diagnostiziert in der Stille des Wissens und folgert daraus die Therapie, die Methode der Operation, den Weg der Gesundung. Der Lehrer bereitet in der Stille den Unterricht -  Stille ist vital, Stille ist Voraussetzung für die schöpferische Tat und Leistung, sie ermöglicht die Reflektion und bringt Überlegung, Planung und Tat in ein Gleichgewicht“. Wie er Stille denn definiere, will der Rezensent wissen. „Die Stille ist wie die Liebe nicht wirklich definierbar. Sie ist eine Lebensweise, ein innere Haltung.“ Und was er von der Stille vieler Bischöfe beim Thema Gender halte: „Die Lüge mache immer viel Lärm, sie wird aber nicht das letzte Wort haben. Sie hat, so wie die Gender-Ideologie keine Zukunft. Diese Ideologie wird wie der Kommunismus oder der Nationalsozialismus untergehen. Die Lüge bringt keine Frucht. Auch die Bischöfe, die heute dazu schweigen, werden ihr Schweigen brechen“.

Kardinal Sarah widmet das Buch „allen unbekannten Kartäusern, „die seit fast tausend Jahren Gott suchen“ und zwei Einzelpersonen: Zum einen seinem Vorgänger in der westafrikanischen Erzdiözese Conakry (Guinea), Raymond-Marie Tchidimbo, „Gefangener und Opfer einer blutigen Diktatur“, sowie „Benedikt XVI., einen großen Freund Gottes, Meister der Stille und des Gebetes“. Das Buch erhält Gewicht durch das Vorwort des Papstes emeritus, zu dem dieser sofort bereit war. Diese öffentliche Äußerung des zurückgetretenen Papstes hat in den Medien zu Spekulationen geführt, zumal Kardinal Sarah in Rom als „papabile“ gesehen wird, der einen leiseren  Umgangston und –stil pflege als der amtierende Papst. Die Spekulationen entbehren jeder Grundlage. Wir veröffentlichen mit freundlicher Genehmigung des Verlags das Vorwort von Benedikt XVI. (lim)

GELEITWORT von Papst em. Benedikt XVI.

Seit ich in den Fünfzigerjahren erstmals die Briefe des heili­gen Ignatius von Antiochien gelesen habe, ist mir in beson­derer Weise ein Wort aus seinem Epheserbrief nachgegangen: »Besser ist schweigen und sein als reden und nicht sein. Gut ist das Lehren, wenn man tut, was man sagt. So ist nun einer Lehrer, der da sprach, und es geschah, und was er schweigend getan hat, ist des Vaters würdig. Wer Jesu Wort wirklich be­sitzt, kann auch seine Stille vernehmen, auf dass er vollkom­men sei, auf dass er durch sein Wort wirke und durch sein Schweigen erkannt werde« (15,1f.). Was bedeutet das – die Stille Jesu vernehmen und ihn durch sein Schweigen erken­nen? Wir wissen aus den Evangelien, dass Jesus immer wieder die Nächte einsam »auf dem Berg« im Gebet, im Gespräch mit dem Vater gelebt hat. Wir wissen, dass sein Reden, sein Wort aus dem Schweigen kommt und nur dort reifen konnte. So ist es einleuchtend, dass sein Wort nur recht verstanden werden kann, wenn man auch in sein Schweigen mit eintritt; wenn man lernt, es von seinem Schweigen her zu hören.

Gewiss, um die Worte Jesu auszulegen, ist historische Kenntnis nötig, die uns die Zeit und die Sprache von damals zu verstehen lehrt. Aber dies allein reicht doch nicht aus, um die Botschaft des Herrn wirklich in ihrer Tiefe zu begreifen. Wer heute die immer dicker werdenden Kommentare zu den Evangelien liest, bleibt doch am Ende enttäuscht. Er erfährt vieles von damals, was nützlich ist, und vieles an Hypothesen, die am Ende doch nichts zum Verstehen des Textes beitragen. Am Ende fühlt man, dass bei dem Übermaß an Worten et­was Wesentliches fehlt: das Eintreten in Jesu Schweigen, aus dem sein Wort geboren ist. Wenn wir nicht in dieses Schwei­gen einzutreten vermögen, werden wir auch das Wort immer nur von seiner Oberfläche her hören und so nicht wirklich verstehen.

All diese Gedanken sind mir beim Lesen des neuen Buches von Robert Kardinal Sarah wieder durch die Seele gegangen. Sarah lehrt uns das Schweigen – das Mit-Schweigen mit Jesus, die wahre innere Stille, und gerade so hilft er uns, auch das Wort des Herrn neu zu begreifen. Selbstverständlich spricht er kaum von sich selbst, aber ab und zu lässt er uns doch ei­nen Blick in sein inneres Leben hineintun. Auf die Frage von Nicolas Diat »Haben Sie in Ihrem Leben manchmal gedacht, dass die Worte zu lästig, zu schwer, zu laut werden?«, antwor­tet er: »… Beim Beten und in meinem inneren Leben habe ich oft das Bedürfnis nach einer tieferen und vollständigeren Stille verspürt … Die Tage in Stille, Einsamkeit und absolutem Fasten waren eine große Hilfe. Sie waren eine unglaubliche Gnade, eine langsame Reinigung, eine persönliche Begegnung mit Gott … Die Tage in Stille, Einsamkeit und Fasten, mit dem Wort Gottes als einzige Nahrung, erlauben dem Menschen, sein Leben auf das Wesentliche auszurichten« (Antwort 134, S. 56). In diesen Zeilen wird die Quelle sichtbar, von welcher der Kardinal lebt und die seinem Wort die innere Tiefe gibt. Von da aus kann er dann auch immer wieder die Gefährdun­gen sehen, die das geistliche Leben gerade auch von Priestern und Bischöfen bedrohen und damit auch die Kirche selbst ge­fährden, in der anstelle des Wortes gar nicht selten eine Ge­schwätzigkeit tritt, in der sich die Größe des Wortes auflöst. Ich möchte nur einen Satz zitieren, der jedem Bischof zur Gewissenserforschung werden kann: »Es kann vorkommen, dass ein guter und frommer Priester, wenn er einmal zur Bi­schofswürde erhoben wurde, schnell in Mittelmäßigkeit und in Sorgen über die weltlichen Angelegenheiten fällt. So belas­tet durch das Gewicht seiner ihm anvertrauten Ämter, getrie­ben von der Sorge zu gefallen, besorgt um seine Macht, seine Autorität und die materiellen Bedürfnisse seines Amtes, gerät er allmählich außer Atem« (Antwort Nr. 15, S. 19). Kardinal Sarah ist ein geistlicher Lehrer, der aus der Tiefe des Schweigens mit dem Herrn, aus der inneren Einheit mit ihm spricht und so einem jeden von uns wirklich etwas zu sa­gen hat.

Papst Franziskus müssen wir dankbar sein, dass er einen solchen geistlichen Lehrer an die Spitze der Kongregation ge­setzt hat, die für die Feier der Liturgie in der Kirche zuständig ist. Auch bei der Liturgie gilt wie für die Auslegung der Hei­ligen Schrift, dass Fachkenntnis notwendig ist. Aber auch bei ihr gilt, dass die Fachlichkeit am Ende am Wesentlichen vor­beireden kann, wenn sie nicht in einem tiefen inneren Eins­sein mit der betenden Kirche gründet, die vom Herrn selbst her immer wieder neu lernt, was Anbetung ist. Bei Kardinal Sarah, einem Meister der Stille und des inneren Betens, ist die Liturgie in guten Händen.

 

Vatikanstadt, in der Osterwoche 2017, Benedikt XVI., Papa emeritus


Literaturhinweis:
Robert Kardinal Sarah im Gespräch mit Nicolas Diat, Kraft der Stille – Gegen eine Diktatur des Lärms, fe-Verlag, 312 Seiten, 17,80 €
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