Zitat des Monats, 2012 / 46-47, 18.11.2012

Die Folgen des wuchernden Materialismus


Wochen 46-47 / 2012

Dieser wuchernde Materialismus trat besonders deutlich in Erscheinung, als in der zweiten Jahrhunderthälfte im Westen allgemeiner Wohlstand Einzug hielt. Es war, als würde der Materialismus die Menschen auch gegen ihren Willen mit sich fortreißen, wie eine Naturgewalt. […] Immer mehr Berufe dienen ausschließlich dem Zweck, Begierden zu wecken und eine Scheinwelt käuflichen Glücks zu entwerfen; die Kunst der raffinierten Verführung ist mittlerweile ein Spezialgebiet für sich. An Immateriellem orientierte oder antimaterialistische Normen hatten keine stabile Grundlage mehr. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch ein Weltbild, das nur das Materielle als real anerkennt. Dieses Gebiet war von der Religion teilweise aufgegeben oder einer anpassungsfähigen individuellen Ethik überlassen worden, die nicht weit über das Streben nach Emanzipation und nach dem Wohl der größtmöglichen Zahl von Menschen hinausreicht, einer Ethik also, die ebenfalls rein diesseitig orientiert ist.


Hermann W. von der Dunk: Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band II, München 2004 (Erstausgabe Amsterdam 2000), S. 649.
Anmerkung: Hermann W. von der Dunk, geboren 1926 in Bonn, seit 1937 in den Niederlanden lebend, war Professor für moderne Geschichte und Kulturgeschichte an den Universitäten Utrecht und Nijmegen.