Nachricht des Monats, 2012 / 46-47, 18.11.2012

Die Krise setzt den Glauben an Konsum und Fortschritt auf den Prüfstand


Wochen 46-47 / 2012

„Shoppen statt beten: Tief katholisch, reaktionär und rückschrittlich - einst war Spanien das Schlusslicht Europas. […] Heute ist das lebensfrohe Boom-Land ein Vorbild für Osteuropa.“ Begeistert berichtete der „SPIEGEL“ 2004 über Spanien, das sich seit seinem EU-Beitritt vom zuvor noch „beinahe mittelalterlichen Ständestaat zum High-Tech-Königreich“ entwickelt habe. Auf dieser „hautnahen Erfahrung des Fortschritts“ beruhe der Zukunftsglaube der Spanier, der Katholizismus und altmodischen Ernst hinter sich gelassen hätte. Der Fortschritt zeige sich in der „Konsumwut“ der Spanier, die ihrem Handel immer neue Umsatzrekorde beschere. Schier unstillbar sei insbesondere ihr Hunger nach „Luxuswaren“, den sie durch ein fröhliches „Leben auf Pump“ befriedigten. Ihr Optimismus sollte auch die Deutschen anstecken, die sich oft „vor lauter eingebildeter Angst um die Zukunft kaum mehr Neuanschaffungen oder Vergnügungen“ gönnten. Die Iberer trieben mit ihrer „Konsumwut“ einen Aufschwung voran, der Spanien zum „Hoffnungsträger für alle Nettozahler der EU mache“ (1).

Nur wenige Jahre, dann war diese Hoffnung Geschichte: Nach dem Platzen der kreditfinanzierten Konsum- und Immobilienblase blieben Geistersiedlungen, überschuldete Haushalte und ein Heer von Arbeitslosen zurück. Konsum allein erzeugt eben keinen Wohlstand. Die wahren Quellen des Wohlstands sind produktive Arbeit und Kapitalbildung. Kapital aber setzt Ersparnis und eine hohe Produktivität Qualifikation und Leistung voraus. Beides ist nicht umsonst zu haben, sondern fordert Verzicht auf Konsum bzw. auf Freizeit. Es ist nur allzu menschlich, dass die für den Wohlstand unerlässlichen Opfer unpopulär sind, während alle seine (Konsum)Früchte genießen möchten. Auf Konsum und Komfort beruht der Glaube an die Fortschrittlichkeit moderner Gesellschaften; andere Modernitätssymptome wie berufliche Flexibilitätserfordernisse und die Bürokratie werden dagegen eher als belastend empfunden. Das „Vergnügen als Lebensstil“, vulgo der „Hedonismus“, ist die Legitimationsbasis moderner Gesellschaften – wie amerikanische Soziologen schon in den 1970er Jahren konstatierten (2). Sie hatten erkannt, dass der Massenkonsum die eigentliche Triebkraft des Kulturwandels in (post)industriellen Gesellschaften ist, der zur Abkehr von Religion und Kirche führt (3).

Diese Einsicht bestätigen neue Auswertungen des Sozioökonomischen Panels zum Freizeitverhalten junger Katholiken in Deutschland: Seit den 1980er Jahren ist unter ihnen der Anteil der Gottesdienstbesucher um mehr als die Hälfte geschrumpft. Sprunghaft gewachsen ist hingegen der Anteil der regelmäßigen Kino-, Diskotheken- und Konzertbesucher. Ermöglicht hat die wachsende Popularität dieser „konsumbezogenen Freizeitaktivitäten“ das (bis Mitte der 1990er Jahre) steigende Einkommen. Im Zeitvergleich sind sowohl das Einkommen als auch der Freizeitkonsum signifikant negativ mit dem Kirchgang verbunden; multivariate Analysen zeigen, dass für den Rückgang des Kirchenbesuchs vor allem die Freizeitaktivitäten maßgeblich sind (4). Disko statt Kirche: Die religiöse Praxis wird durch die vom Wohlstand ermöglichten Freizeitoptionen verdrängt. Zwar gibt es für die Säkularisierung in Europa auch andere Gründe – das gilt besonders für Spanien, wo Auseinandersetzungen um die frühere Franco-Diktatur das Verhältnis zur (katholischen) Kirche belasten. Entscheidend für die Abkehr vom kirchlichen Leben sind aber die Konsum- und Freizeitoptionen gewesen, die der steigende Wohlstand mit sich brachte (5).

Was passiert nun, wenn dieser Wohlstand schwindet? Es wäre naiv zu glauben, dass dies die Menschen zur Religion zurückführte. Enttäuschte Konsumerwartungen treiben sie vielmehr auf die Straße, um ihre Besitzstände zu verteidigen. Darunter leidet die Wirtschaft noch mehr – ein Teufelskreis droht (6). Wenn der Wohlstand als Kitt in hochsäkularisierten Gesellschaften schwindet, lässt sich dann  der soziale Frieden noch bewahren? In Krisenzeiten steht auch der (post)moderne Fortschrittsglaube auf dem Prüfstand.


(1)   http://www.spiegel.de/politik/ausland/spanien-rockt-shoppen-statt-beten-a-317966.html.
(2)   „Als die protestantische Ethik aus der bürgerlichen Gesellschaft verdrängt wurde, blieb nichts als der Hedonismus zurück, und so verlor das kapitalistische System seine transzendentale Ethik. […] Der Hedonismus ist die kulturelle, wenn nicht gar moralische Rechtfertigung des Kapitalismus geworden – das Vergnügen als Lebensstil.“ Daniel Bell: Die Zukunft der westlichen Welt – Kultur und Technologie im Widerstreit, Frankfurt am Main 1976, S. 30.
(3)   Der kulturelle Wandel der modernen Gesellschaft ist vor allem auf das Aufkommen der Massenkonsumption zurückzuführen, oder anders gesagt, auf die Verbreitung von Gütern, die für die mittleren und unteren Schichten zuvor als Luxuswaren gegolten hatten. Ebd., S. 83.
(4)   Jochen Hirschle: Religiöser Wandel in der Konsumgesellschaft, S. 141-162, in: Soziale Welt 63 (2012), S. 153-155.
(5)   Zur Säkularisierung in Deutschland und anderen westlichen Industrieländern seit den 1960er Jahren: http://altewebsite.i-daf.org/411-0-Wochen-36-37-2011.html.
(6)   Zu den Ursachen der wirtschaftlichen Misere in Südeuropa: http://altewebsite.i-daf.org/476-0-Wochen-24-25-2012.html.