Zitat des Monats, 2012 / 48-49, 02.12.2012

Der Kult der Schule und die wahre Bildung


Wochen  48-49 / 2012

Die Schule ist die Kirche der Modernität, die Lehrer sind ihre Priester. Die Liturgie der neuen Religion ist der Unterricht, ihr Ritus das Curriculum. Schule ist die allein selig machende Erlösung aus der Dummheit des Menschengeschlechts: extra scolam nulla salus, außerhalb der Schule gibt es kein Heil. So predigen es uns die Kardinäle der Wissensgesellschaft. Aber: Sie überschätzen die Kraft des Wissens, Probleme zu lösen. […] Das neue schulische Unfehlbarkeitsdogma ist eine Anmaßung, keine Beschreibung der pädagogischen Realität. […] Die Verschulung des Lebens entspricht einer schleichenden Regression der Gesellschaft, in der alle länger leben, aber niemand mehr alt werden will. Die Gesellschaft flüchtet in die kindliche Idylle, um sich die Zumutungen der Wirklichkeit vom Hals zu halten. Die Utopie einer goldenen Kindheit verlangt nach einer lebenslangen pubertären schulischen Wohlfühlphase. Das ist gut für die Stellenpläne der Schulverwaltung, aber schlecht für ein erfahrungsreiches Leben, das seine Lösungen nicht aus einem Wissensspeicher entnimmt, sondern aus einem erlebnisreichen Fundus von erfahrungsgesättigten Grundeinstellungen, die man Bildung nennen könnte.


Norbert Blüm: FREIHEIT! Über die Enteignung der Kindheit und die Verstaatlichung der Familie. Eine Streitschrift von Norbert Blüm, ZEITONLINE vom 15. März 2012, abrufbar unter: http://pdf.zeit.de/2012/12/C-Bluem.pdf.