Zitat des Monats, 2013 / 19-20, 12.05.2013

Rebellion und der Verlust des Schamgefühls


Wochen 19-20 / 2013

All diese rebellischen Bewegungen hatten aber noch etwas gemeinsam und das war eine neue Grundüberzeugung, die als solche immer dem Zugriff der Kritik entzogen ist, weil sie die unverzichtbare und deshalb sakrosankte Voraussetzung aller Kritik bildet, gewissermaßen die Urnorm einer Gesellschaft, von der die anderen Normen abgeleitet sind. […] Die neue Urnorm lief auf eine Verurteilung jeglicher Hierarchie hinaus. Auf der politischen und gesellschaftlichen Ebene äußerte sich das am deutlichsten im Ruf nach vollständiger Demokratisierung und Gleichheit, der die Verurteilung von Macht und Machtstrukturen einschloss, und es war vor allem die radikale Studentenbewegung, die diese Forderungen stellte, aber sie war damit keineswegs allein. […] Dass man sich, dem neuen Demokratieverständnis entsprechend, von traditionellen Umgangsformen und hierarchischen Verhältnissen verabschiedete, führte jedoch auch zu einer unbestreitbaren Vulgarisierung. […] Die sexuelle Revolution und ihre Befreiung von überkommenen Tabus hatten dieser Vulgarisierung den Weg bereitet. […] Ein Mangel an Schamgefühl war salonfähig geworden, denn er galt als Beweis für Unabhängigkeit und demokratische Toleranz.


Hermann W. von der Dunk: Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band II, München 2004 (Erstausgabe Amsterdam 2000), S. 504-506.
Anmerkung: Hermann W. von der Dunk, geboren 1926 in Bonn, seit 1937 in den Niederlanden lebend, war Professor für moderne Geschichte und Kulturgeschichte an den Universitäten Utrecht und Nijmegen.