Nachricht des Monats, 2013 / 21-22, 28.05.2013

Akademiker und Fachkräftemangel: Die Bildungsdoktrin der OECD auf dem Prüfstand


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Wochen 21-22 / 2013

Bahnt sich in der Bildungspolitik ein Paradigmenwechsel an? Die Bundesministerin für Bildung und Forschung will jetzt erreichen, dass im Studium erbrachte Leistungen auf berufliche Ausbildungszeiten angerechnet werden können. Davon profitieren sollen Studienabbrecher, von denen es besonders in den Ingenieurstudiengängen viele gibt: Fast jeder zweite Maschinenbaustudent bricht sein Studium vorzeitig ab (1). Wenn diese Ex-Studenten z. B. in Mathe oder Physik an der Hochschule Leistungsnachweise  erworben haben, ist es kaum einzusehen, warum sie in diesen Fächern die Berufsschulbank drücken sollten. Der Vorstoß der Ministerin leuchtet daher dem „normalen Hausverstand“ sofort ein. Er widerspricht jedoch der bisher „herrschenden Lehre“ der Bildungspolitik, das Heil in immer höheren Akademikerquoten zu suchen (2).

Mit missionarischem Eifer verbreitet dieses Credo die OECD: In ihren „Studien“ fordert sie die Hochschulbildung („tertiary education“) auszuweiten. Wenn dies nicht geschehe, drohe ein Mangel an „Hochqualifizierten“, der wiederum den wirtschaftlichen Fortschritt und Wohlstand gefährde. Besonders rückständig sei Deutschland: Über viele Jahre kritisierte die OECD immer wieder scharf die vermeintlich zu geringe Akademikerquote hierzulande (3). Insbesondere im „Sommerloch“ verbreiteten Medien diese Lektion („policy lesson“) gerne weiter, was wiederum Politiker veranlasste, mehr „Investitionen“ in „Bildung“ zu fordern. Darunter verstanden sie selbstredend mehr „Akademisierung“, wie sie auch die Europäische Union verlangt – bis zum Jahr 2020 soll der Anteil der 30-34-jährigen mit einem Hochschulabschluss auf mindestens 40% steigen (4). Auf dem Weg dahin ist Deutschland weit vorangeschritten: Der Anteil der Studienanfänger ist seit Ende der 1990er Jahre von etwa 30 auf fast 55 Prozent in 2012 gestiegen (5). Die Zielquote der EU ließe sich bald erreichen – wenn es weniger Studienabbrecher gäbe. Warum will die Ministerin die jungen Leute für eine berufliche Ausbildung gewinnen? Aus der Sicht der Quotenideologie müsste ihr Ziel sein, sie zum Studienabschluss zu führen. Das vom gymnasialen Abitur schon bekannte Mittel dazu wäre, einfach die Anforderungen zu senken. Genau dies wäre aber in wirtschaftlich-technologischen Schlüsseldisziplinen wie der Elektrotechnik höchst riskant. Nicht weniger wichtig: Die berufliche Bildung bietet Technikinteressierten alternative Wege ihre Talente zu entfalten.

Zu den traditionellen Ausbildungen (KFZ-Mechaniker z. B.) sind im Zuge der Digitalisierung neue Berufsabschlüsse wie etwa der Mechatroniker hinzu gekommen. Und gerade in diesen Berufszweigen werden händeringend Fachkräfte gesucht: Die Nachfrage nach solchen Fachkräften übersteigt das Angebot bei weitem, wie die Statistik der Bundesagentur für Arbeit zeigt: Auf 100 offene Stellen für Mechatroniker kommen nur 41 Arbeitslose in diesem Berufszweig, bei den Elektroingenieuren liegt dieses Verhältnis bei 100/56 (6). Von akuten Engpässen gehen Wirtschaftsforscher aus, wenn auf 100 offene Stellen weniger als 100 Arbeitslose kommen. Ein solches Verhältnis ist nach Auskunft des Instituts der Deutschen Wirtschaft im Berufsfeld „Sprache, Wirtschaft und Gesellschaft“ bei den „höheren Anforderungen“ nirgends zu finden (7). Das bedeutet im Klartext: Es gibt keinen Mangel, sondern eher ein Überangebot an Juristen, Wirtschafswissenschaftlern oder Germanisten. Dementsprechend schwierig ist es für viele von Ihnen, eine gut dotierte Stelle zu bekommen, die ihrem Qualifikationsniveau entspricht. Mit der immer wieder beschworenen „Bildungsrendite“ ist dann nicht mehr weit her, von menschlichen Frustrationen ganz zu schweigen.

Insgesamt sind die Arbeitsmarktchancen deutscher Jugendlicher aber noch relativ gut, während ihre Altersgenossen in Südeuropa unter der horrenden Jugendarbeitslosigkeit leiden (8). Länder wie Spanien oder Frankreich produzieren mit akademisierten, praxisfernen Bildungssystemen immer neue Jugendarbeitslosigkeitsrekorde. Angesichts dieses Desasters reisen nun deutsche Minister als Entwicklungshelfer in Sachen beruflicher Bildung durch Europa, während in Deutschland der Run auf die Hochschulen den Mangel an Lehrlingen verschärft und so das bewährte duale Ausbildungssystem gefährdet (9). Fazit: In der Bildungspolitik ist ein Paradigmenwechsel weg von der Akademisierungsideologie notwendig – der jüngste Vorstoß der Bildungsministerin ist ein Hoffnungsschimmer.


(1)  Vgl.: http://www.news4teachers.de/2013/05/wanka-studienabbrecher-fur-betriebliche-lehre-gewinnen/.
(2)  Kritisch zu dieser seit den 1960er Jahren etablierten Lehre: Rainer Bölling: Wohin der Akademisierungswahn langfristig führt, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.5.2013 (Bildungswelten).
(3)  Diese Argumentation stützt sich auf positive Korrelationen zwischen dem Bruttosozialprodukt je Kopf und dem relativen Besuch von Schulen des Sekundar- und Tertiärbereichs. Solche Zusammenhänge hatte um 1960 der Bildungsökonom Friedrich Edding konstatier und daraus die Forderung nach einer drastisch höheren Abiturientenquote in Deutschland abgeleitet. Mit dem Buch „Die Bildungskatastrophe“ erreicht diese Botschaft 1964 eine gewaltige Wirkung in Öffentlichkeit und Politik. Schon Edding hatte allerdings zu bedenken gegeben, dass es einen Punkt geben könne, „wo sich die Kurve des relativen Hochschulbesuches abflachen sollte, da sonst ungeeignete Begabungen das Gesamtniveau drücken und die Ausgaben unwirtschaftlich machen würden“.  Solche Bedenken sind der OECD bisher fremd geblieben, wie der Bildungsforscher Bölling in seinem lesenswerten Beitrag konstatiert. Vgl. ebd.
(4)  Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/archiv/2013/01/08/artikel/absurdes-aus-bruessel-planen-gegen-vernunft-und-wirklichkeit.html.
(5)  Vgl.: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/72005/umfrage/entwicklung-der-studienanfaengerquote/.
(6)  Vera Demary/Susanne Seyda: Engpassanalyse 2013 (herausgegeben vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie), S. 38.
(7)  Ebd., S. 32.
(8)  Siehe hierzu: http://altewebsite.i-daf.org/442-0-Wochen-1-3-2012.html.
(9) Aus der Engpassanalyse 2011 ergibt sich, dass die größten Engpässe nicht in akademischen Berufen, sondern in praktisch-technischen Berufsfeldern und mehr noch in der Alten- und Krankenpflege vorherrschen. Siehe hierzu: „Mangel an Akademikern oder an Fachkräften?“ (Abbildung unten). Allein aufgrund der demographischen Lage werden sich diese Engpässe vergrößern – ein Problem, dass wachsende Studierendenquoten noch mehr verschärfen würde. Dass eine Akademisierung der Ausbildung  – im Gegensatz zu den Annahmen der OECD – per se weder Wohlstand noch Beschäftigung schafft, zeigt der Vergleich zwischen Ländern wie Österreich und Deutschland einerseits und Frankreich oder Spanien andererseits. Siehe hierzu: „Formales Bildungsniveau und Arbeitslosigkeit“ (Abbildung unten).