Nachricht des Monats, 2013 / 23-24, 14.06.2013

Mehr Christen als die Kirchen hofften: Was der Zensus über die Kirchen in Deutschland offenbart


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Wochen 23-24 / 2013

Wie schmerzhaft es ist, numerisch zu schrumpfen, zeigen in Deutschland schon heute die Kirchen. Sie müssen immer mehr Gotteshäuser aufgeben, „umnutzen“ oder sogar abreißen lassen. Der Grund für das epidemische „Kirchensterben“ ist der Mangel an Gläubigen: In den letzten fünfzig Jahren ist die Zahl der katholischen Gottesdiensteilnehmer von mehr als 11 Mio. auf heute gerade noch drei Millionen zurückgegangen (1). Im Vergleich zur evangelischen Kirche ist diese Zahl noch immer beachtlich: Letztere zählt selbst am Karfreitag nur etwa eine Million Gottesdienstbesucher (2). „Leere Kirchen“ sind im deutschen Protestantismus seit vielen Jahrzehnten bekannt; inzwischen sind sie als „ökumenisches“ Phänomen sinnbildlich für die fortgeschrittene Säkularisierung.

Aber ausgerechnet für die christlichen Kirchen, die nicht wenige schon in der Bedeutungslosigkeit verschwinden sahen, bietet der neue Zensus eine erfreuliche Überraschung: Es gibt in Deutschland mehr Christen als die Kirchen selber meinten: Während die EKD und die Deutsche Bischofskonferenz den Anteil der Christen zuletzt auf 62% bezifferten, gehören dem Zensus zufolge zwei Drittel (66,7%) der Menschen in Deutschland einer christlichen Kirche an (3). Das hat zwei Gründe: Zum einen haben die Kirchenstatistiker die Zahl ihrer eigenen Mitglieder, also der Katholiken bzw. Protestanten zu gering geschätzt. Zum anderen, noch wichtiger, haben sie die Zahl anderer Christen, z. B. der Ostkirchen, unterschätzt. Das sind knapp fünf Prozent der Bevölkerung, ihr Anteil liegt damit fast genauso hoch wie der Anteil der Anhänger nichtchristlicher Religionen (5,3%), also auch der Muslime, deren Anteil im Zensus nur bei zwei Prozent liegt. Diese überraschend niedrige Zahl könnte auch dadurch bedingt sein, dass manche Muslime von dem Recht Gebrauch machten, zur Religion keine Auskunft zu machen. Der Anteil dieser Befragten ohne Auskunft zum Bekenntnis ist beträchtlich: Er liegt mit 17% deutlich höher als der Anteil der Befragten, die sich als religionslos bezeichnen (ca. 10%). Beide Anteile sind dort am größten, wo die wenigsten Christen leben, also den neuen Bundesländern (4).

In dieser Ursprungsregion der Reformation und des Luthertums gehört nur noch ein Viertel der Bevölkerung einer christlichen Kirche an. Mit einem Christenanteil von gerade einmal 21% ist Sachsen-Anhalt das am stärksten säkularisierte Bundesland; den Gegenpol zu ihm bildet das Saarland, wo rund 86% der Bevölkerung einer christlichen Kirche angehören. Mehr als 80% sind es auch noch in Bayern und Rheinland-Pfalz – die höchsten Christenanteile finden sich in katholisch geprägten Ländern (5). Der geringere Christenanteil im protestantischen Norddeutschland ist im rasanten Schrumpfen der evangelischen Kirche begründet: Während die Zahl der Katholiken seit Beginn der 1990er Jahre um ca. drei Millionen zurückging, schrumpfte die Zahl der Protestanten um ca. fünf Millionen. Mit der Schrumpfung eng verbunden ist die Überalterung: Fast 27% der  Protestanten sind älter als 65 Jahre, bei den Katholiken sind es 22% und bei den „Nichtchristen“  15% (6). Auch zukünftig wird die evangelische Kirche daher stärker als die katholische Kirche an Mitgliedern verlieren. Zumindest statistisch betrachtet ist also der Protestantismus der Verlierer des sozialen Wandels in Deutschland: Sein Anteil an der Gesamtbevölkerung ist von einst zwei Dritteln (1930er Jahre) auf weniger als ein Drittel geschrumpft – mit weiter fallender Tendenz (7). Von nahezu Null auf ein Drittel gewachsen ist der Anteil der Nichtchristen, während der katholische Bevölkerungsteil mit etwa einem Drittel etwa konstant geblieben ist.

Diese Verschiebung der Konfessionstektonik hat zwei wesentliche Gründe: Erstens die Kirchenaustritte, unter denen die evangelische Kirche noch mehr leidet als die katholische Kirche (8). Zweitens die Zuwanderung, mit der nicht nur die Zahl der Muslime, sondern auch der ausländischen Katholiken (Polen etc.) wuchs. Im Vergleich zu den Protestanten liegt der Ausländeranteil unter Katholiken deutlich höher; in Großstädten wie Stuttgart oder Frankfurt ist etwa jeder Dritte Katholik ein Zuwanderer. Diese „Multikulturalität“ der katholischen Kirche in Deutschland könnte mancherlei Chancen eröffnen. Ob und wie diese genutzt wird, ist auch eine Frage der Beziehung zur Weltkirche und allgemein des apostolischen Engagements.


(1)   Vgl.: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz: Katholiken und Gottesdienstteilnehmer 1950-2011, Bonn 2012, abrufbar unter www.dbk.de.
(2)   Vgl.: Kirchenamt der EKD: Evangelische Kirche in Deutschland. Zahlen und Fakten zum kirchlichen Leben, Hannover 2012, S. 15
(3)   Zu den Schätzungen der Kirchen: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz: Katholische Kirche in Deutschland. Zahlen und Fakten 2010/11, Bonn 2012, S. 6-7. Kirchenamt der EKD: Evangelische Kirche in Deutschland, a.a.O., S. 4. Zu den Ergebnissen des Zensus: Statistisches Bundesamt: Ausgewählte soziodemographische Daten (Erwerbstätigkeit, Bildung, Migration, Religion), Wiesbaden 2013 (Excel-Tabelle abrufbar unter www.destatis.de).
(4)   Addiert man die Anteile der Konfessionslosen und der Befragten, die keine Auskunft gaben, dann entspricht dies in etwa dem bisher geschätzten Anteil der Konfessionslosen. Dies spricht dafür, dass es sich bei den Befragten ohne Auskunft zur Religion vor allem um Konfessionslose handelt. Es wäre sinnvoll, diese Zusammenhänge näher zu erforschen, schon um Spekulationen über den wahren Anteil der Muslime in Deutschland vorzubeugen. Alle Angaben des Abschnitts beruhen auf Auswertungen der Tabelle Ausgewählte soziodemographische Daten „Erwerbstätigkeit, Bildung, Migration, Religion Zensusdaten“, (Daten beim Verfasser).
(5)   Siehe hierzu: Religionszugehörigkeit in den Bundesländern (Abbildung unten).
(6)   Siehe hierzu: Altersstrukturen der Konfessionsgruppen (Abbildung unten).
(7)   Zu den heutigen Verhältnissen: Deutsche Bevölkerung nach Bekenntnis (Abbildung unten). Zu den früheren Verhältnissen: Im Deutschen Reich vor 1933 waren etwa zwei Drittel der Bevölkerung evangelisch und ein Drittel katholisch, Konfessionslosigkeit war noch wenig verbreitet.
(8)   Siehe hierzu: Kirchenflucht als Signum der Postmoderne, Abbildung in: http://altewebsite.i-daf.org/409-0-Wochen-36-37-2011.html.
(9)   Vgl. Joachim Eicken/Ansgar Schmitz-Veltin: Die Entwicklung der Kirchenmitglieder in Deutschland Statistische Anmerkungen zu Umfang und Ursachen des Mitgliederrückgangs in den beiden christlichen Volkskirchen, S. 576-590, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik 6/2010, S. 586. Der neue Zensus bestätig ihre Einschätzung zum höheren Ausländeranteil unter den Katholiken (6% vs. 1% unter den Protestanten). Am höchsten ist der Ausländeranteil unter den „Nicht-Christen“ mit  14%, hierin zeigt sich auch die gewachsene Zahl der Muslime.