Zitat des Monats, 2013 / 23-24, 14.06.2013

Nur Überzeugungstäter leisten Widerstand


Wochen 23-24 / 2013

Gläubige haben bestimmte sittliche Überzeugungen, die sie für allgemein verbindlich halten. Insbesondere Katholiken sind der Überzeugung, dass diese Verbindlichkeit unabhängig von bestimmten Glaubensüberzeugungen allgemein verbindlich ist […].Auf der Gegenseite finden wir ein Bündnis zwischen dem westlichen, liberalen, konsumorientierten Individualismus und totalitären Sozialingenieuren asiatischer Spielart, die beide ihre Vorstellung vom guten Leben bedroht sehen. In Kämpfen dieser Art gibt es keine Versöhnung in der Mitte, sondern allenfalls strategische Kompromisse. […]  Wer der Überzeugung ist, Promiskuität sei nicht die eigentlich humane Form der Verwirklichung menschlicher Sexualität, der wird zwar keinen erwachsenen Menschen daran hindern wollen, nach seinem Gusto zu leben und diese Lebensweise zu praktizieren. Aber er wird sich der öffentlichen Propagierung dieser Lebensform – vor allem in Erziehung und Unterricht – widersetzen. […] Gerade wo es nicht um die Religion selbst geht, können religiöse wie nichtreligiöse Überzeugungen zur Quelle fundamentaler politischer Konflikte werden, also beispielsweise eines Kulturkampfes, zu dem es unter Umständen keine Alternative gibt. […] Die Alternative wäre die Friedhofsruhe einer Diktatur, die keinen Widerstand mehr zu fürchten hätte. Und nur Überzeugungstäter leisten, wenn es ernst wird, Widerstand.


Robert Spaemann: Sollten universalistische Religionen auf Mission verzichten? S. 150-163, in: Ders.: Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und die Täuschung der Moderne, Stuttgart 2007, S. 162-164.