Nachricht des Monats, 2013 / 39-40, 29.09.2013

Mehr Geburten, weniger Arbeitslose – Wo Hollande sich und andere täuscht


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Wochen 39-40 / 2013

Führen hohe Geburtenraten zu mehr Arbeitslosigkeit? Eben dies insinuierte der französische Staatspräsident Hollande, indem er  die hohen Geburtenraten in Frankreich als einen Grund für die hohe Arbeitslosigkeit anführte (1). Die Aussage ist mehr als erstaunlich: Bisher waren die Franzosen immer stolz auf ihre relativ hohe Geburtenrate und sahen darin eine Stärke ihres Landes – gerade im Vergleich zum geburtenärmeren Deutschland. Und in Deutschland sieht man die niedrigere Geburtenrate als einen „Standortnachteil“ gegenüber Frankreich an. Schließlich klagen die Arbeitgeber über einen Mangel an jungen Fachkräften, der sich künftig noch verschärfen wird. Aus dieser Sicht heraus hatte die Europäische Kommission höhere Geburtenraten propagiert, um Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Schließlich sollte Europa – so das Versprechen der Lissabon-Strategie – zum  wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum der Welt werden (2).

Daraus ist nichts geworden. Stattdessen steckt die Eurozone in einer Dauerkrise. Vor allem in Südeuropa treibt die Rezession junge Menschen in die Arbeitslosigkeit: In Griechenland und Spanien haben nur etwa 15% der Jugendlichen einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz (3). Um der Arbeitslosigkeit zu entgehen, drücken immer mehr von Ihnen immer länger die Schul- oder Hochschulbank – hohe „Akademikerquoten“ beschönigen so die Arbeitsmarktkrise. Unter der Misere leiden ihre Lebensperspektiven: Weil sie sich keine eigene Wohnung leisten können, bleiben sie zu Hause bei ihren Eltern wohnen, die ihrerseits oft knapp bei Kasse sind. Die Familienplanung bleibt so auf der Strecke: Paare verschieben die Geburt von Kindern auf „bessere Zeiten“, die dann vielleicht nie kommen. Folgerichtig gehen die Geburten in der Krise zurück. Exemplarisch dafür ist Portugal: Die Arbeitslosigkeit ist innerhalb weniger Jahre um mehr als das Dreifache gestiegen und parallel dazu sind die Geburtenzahlen (2012) auf einen historischen Tiefststand gesunken (4). Rezession und Arbeitsmarktkrise drücken also die Geburtenraten.

Die statistischen Daten sind hier eindeutig und auch auf den ersten Blick nachvollziehbar. Die Daten zeigen, dass höhere Arbeitslosenquoten in Europa negativ mit der Fertilität korrelieren. Anders herum betrachtet gehen höhere Geburtenraten tendenziell nicht mit höherer, sondern mit niedrigerer Arbeitslosigkeit einher (5). Hollande liegt also ganz falsch, wenn er die Arbeitslosigkeit in Frankreich mit den Geburtenzahlen zu rechtfertigen versucht. Dass relativ hohe Geburtenraten mit niedriger Arbeitslosigkeit, auch unter den Jugendlichen, harmonieren können, zeigen exemplarisch die Niederlande und Dänemark. Es wäre hier allerdings zu kurz gesprungen, nur auf die aktuellen Geburtenraten zu schauen, denn Kleinkinder suchen noch keine Arbeit. Viel interessanter sind frühere Geburtenraten. Arbeit suchen besonders junge Menschen, die vor 20 oder 25 Jahren geboren wurden. Es macht deshalb Sinn, die Geburtenraten zu Beginn der 1990er Jahre und die aktuellen Arbeitslosenquoten zu vergleichen. Das Bild bleibt indes das Gleiche: Mit höheren Geburtenraten gehen tendenziell niedrigere Arbeitslosenquoten einher, das gilt auch für die Jugendarbeitslosigkeit (6).

Die Geburtenraten erklären also nicht, warum in Frankreich weniger als 30% der (15-24-jährigen) Jugendlichen erwerbstätig sind, während es in den Niederlanden mehr als 60% der Jugendlichen sind (7). Warum ist nun die Arbeitsmarktlage in Frankreich so viel schlechter als in den – auch demographisch gut vergleichbaren – Niederlanden? Ein wesentlicher Grund dafür ist die Überregulierung des Arbeitsmarktes. Sie erschwert nicht nur generell Neueinstellungen, sondern behindert auch die Teilzeitarbeit, die in den Niederlanden wie in Deutschland maßgeblich zur günstigeren Beschäftigungssituation beiträgt. Begründet ist diese Überregulierung in einem tief verwurzelten Etatismus, der dem Marktwettbewerb misstraut und stattdessen das soziale Heil vom Staat erwartet. Deshalb wächst der Staatsapparat weiter, obwohl die Staatsquote schon heute Spitzenwerte erreicht (8). Sie liegt nicht nur weit höher als in Deutschland und den Niederlanden, sondern sie übertrifft auch Schweden, das seit den 1990er Jahren seinen Sozialstaat tiefgreifend reformiert hat. Vergleichbare Reformanstrengungen lässt die französische Regierung nicht erkennen. Sie sucht die Schuld für ihre Probleme lieber bei Anderen  – sei es bei den Kindern oder im vermeintlichen „Spardiktat“ der Deutschen.


(1)   Siehe hierzu: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/kritik-an-francois-hollande-geburten-sind-gut-fuer-das-wachstum-12576416.html.
(2)   Zur Lissabon-Strategie und ihrer Nachfolgestrategie „Europa 2010“: http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/archiv/2013/01/08/artikel/absurdes-aus-bruessel-planen-gegen-vernunft-und-wirklichkeit.html.
(3)   Vgl.: http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/archiv/2013/07/18/artikel/denkfehler-in-bruessel-warum-es-weniger-arbeitslose-jugendliche-gibt-als-immer-behauptet-wird.html. Siehe insbesondere Abbildung „Erwerbstätigkeit von Jugendlichen in Europa“.
(4)   Vgl.: Zur Arbeitslosigkeit: http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/archiv/2013/04/05/artikel/euro-und-arbeitslosigkeit-alternativen-gesucht.html.  Zur Fertilität: Lidia Tome and Filipe Ribeiro, University of Évora, Portugal The demographic Change in Portugal, Vortrag am 6.3.2013 bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Demographie in Berlin (unveröffentlicht).
(5)   Vgl.:  „Arbeitslosigkeit und Fertilität in Europa I“ (Abbildung unten).
(6)   „Arbeitslosigkeit und Fertilität in Europa II“ sowie Jugendarbeitslosigkeit und Fertilität (Abbildungen unten).
(7)   Vgl.: Abbildung „Erwerbstätigkeit von Jugendlichen in Europa“, in: http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/archiv/2013/07/18/artikel/denkfehler-in-bruessel-warum-es-weniger-arbeitslose-jugendliche-gibt-als-immer-behauptet-wird.html.
(8)   Vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Staatsquote sowie Abbildung „Sozialausgaben: Zuwächse in Frankreich und Südeuropa – Konsolidierung in Deutschland“ (Abbildung) in: http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/archiv/2013/08/01/artikel/nachhaltig-gespart-hat-vor-allem-deutschland-staatsverschuldung-sozialausgaben-und-die-eurokrise.html.