Aufsatz des Monats, 2013 / 12-1, 22.12.2013

Japans sexuelle Unlust gefährdet die Weltwirtschaft


Aufsatz des Monats / Dezember 2013

Von Max Fisher

Die Abneigung vor Liebesbeziehungen in Japan hat bereits einen eigenen Namen in den Medien: sekkusu shinai shokogun, das Zölibats-Syndrom. So steht es in einem Artikel des Guardian über die extrem niedrigen Ehe- und Geburtenraten des Landes und dürftigen sexuellen Aktivitäten der Japaner.

Aber es geht um mehr als nur um eine Geschichte über Japan und seine kulturellen Eigenheiten. Es ist ein Thema für die Weltwirtschaft. Japan ist die drittstärkste Wirtschaftsmacht und ein nicht zu unterschätzender Faktor des Welthandels. Japan ist bedeutsam für den wirtschaftlichen Wohlstand weltweit.  Japan besitzt fast so viel US-Staatsanleihen wie China. Es ist einer der Top Wirtschaftspartner der USA, Chinas und vieler anderer Staaten. Wenn Japans Wirtschaft nicht aus ihrer Schieflage herauskommt hat das erhebliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.

Ein Hauptgrund für diese Schieflage ist das demografische Defizit. Die Japaner bekommen nicht genug Kinder für eine gesunde, das heißt auch nachhaltige Wirtschaft. Und ein entscheidender Grund dieser Kinderlosigkeit ist das Desinteresse an Liebesbeziehungen oder an der Ehe.  Sex interessiert viele Japaner einfach nicht.

Dazu einige statistische Daten aus dem Jahr 2011, zum Teil aus dem Guardian, aber auch aus einem Bericht des Japanischen Zentrums für Bevölkerungsstatistik.

·         Ein extrem hoher Anteil der Japaner findet Sex schlicht  nicht attraktiv – es spricht sie nicht an. 45 % der befragten Frauen und 25 % der Männer im Alter von 16-24 Jahren sind „an Sex nicht interessiert oder verachten sexuelle Aktivität“.

·         Mehr als die Hälfte aller Japaner sind Singles. 49 % der unverheirateten Frauen und 61 % der unverheirateten Männer im Alter zwischen 18 und 34 Jahren befinden sich nicht in einer Liebesbeziehung.

·         Der Anteil an japanischen Männern und Frauen, die sich in keiner Liebesbeziehung befinden, ist seit 1990 in allen Altersgruppen stetig gewachsen.

·         Ein Viertel aller Japaner wollen gar nicht erst eine Liebesbeziehung eingehen. 23 % aller Frauen und 27 % aller Männer geben an, dass sie weder an einer festen noch an einer losen Liebesbeziehung interessiert sind.

·         Mehr als ein Drittel aller Japaner im gebärfähigen Alter geben an, niemals sexuell aktiv gewesen zu sein. Im Alter von 18 bis 34 Jahren sind 39% bei den Frauen und 36% bei den Männern. Diese ungewöhnlich hohen Daten haben sich in den letzten 10 Jahren kaum verändert.

·         Das japanische Bevölkerungsinstitut prognostiziert anhand dieser  Zahlen, daß jede vierte Frau Anfang zwanzig unverheiratet bleiben wird und daß  40% keine Kinder  bekommen werden.

Diese Trends sind nicht neu. Seit 2006 beschweren sich die Japanerinnen über die sogenannten soshoku danshi, oder Pflanzenfressermänner – so genannt wegen des mangelnden Interesses am weiblichen Geschlecht. Inzwischen hat sich sogar ein ganzer  Industriesektor entwickelt, um liebesscheuen Männern zu helfen,  mit der zwangsläufigen Einsamkeit zurecht zu kommen – sei es durch Beziehungssimulatoren in Videospielen oder spezifischen Urlaubsangeboten.

Die Japanerinnen ihrerseits vermeiden oft Liebesbeziehungen, weil die japanische Gesetzgebung und die sozialen Normen und Sitten es in Japan Frauen extrem schwer machen,  Familie und Karriere zu vereinbaren.

Japan ist insofern ein besonderes Land, als seine Gesellschaft zwar als hochgebildet und sehr wohlhabend gilt, aber auch die weltweit größte systematische   Geschlechterungleichheit kennt.  Japans Wirtschaft ist europäisch geprägt, aber die Gesellschaft ist soziokulturell asiatisch geblieben. Kitas sind Mangelware. Von Frauen, die schwanger werden oder heiraten, wird selbstverständlich erwartet, daß sie ihren Job aufgeben. Oft geraten sie unter einen enormen sozialen Druck, so daß sie sich gezwungen sehen, ihre Karriere zu beenden und auch keine andere zu beginnen.  Es gibt einen Ausdruck für verheiratete erwerbstätige Frauen: onizome - Teufelsgattinen. Dieser Entscheidungszwang führt oft dazu, dass viele Frauen, die unter anderen Umständen versucht hätten, Familie und Erwerbsarbeit zu vereinbaren, sich nur für den Job  entscheiden. Das für die Frauen negative Erscheinungsbild der Ehe verstärkt das Desinteresse an Liebesbeziehungen und fördert die Unlust an sexueller Aktivität.

Gründe japanischer Frauen nicht zu heiraten (National Institute of Population and Social Security Research)

Gründe japanischer Männer nicht zu heiraten (National Institute of Population and Social Security Research)

Diese Entwicklung hat große und eventuell katastrophale Auswirkungen auf die Wirtschaft. Da die Japaner keine Kinder mehr bekommen,  schrumpft die Bevölkerung drastisch – und  rasant. Die Bevölkerung Japans verminderte sich 2012  um 212.000 Menschen – es war die stärkste Schrumpfung seit Beginn der Erhebung von Bevölkerungsdaten. Die Geburtenrate befindet sich weiterhin im Abwärtstrend mit nur 1,03 Millionen Geburten im letzten Jahr. Ein Rekordtief und auch hier ein dramatischer Absturz von 1,21 Millionen im Vorjahr.

Das ist alarmierend. Denn die japanische Wirtschaft kann damit auf weniger Arbeitskräfte zurückgreifen und wird somit auch weniger produktiv sein. Es ist eine tickende wirtschaftliche Zeitbombe, die früher oder später explodieren muss und wird. Die Menschen in Japan leben länger und die Älteren sind teurer, weil sie mehr Jahre in Rente leben, einen hohen Lebensstandard und erstklassige medizinische Versorgung gewohnt sind. Damit aber eine Wirtschaft gesund, tragfähig und produktiv bleibt, muss sie über genügend Erwerbstätige und Steuerzahler verfügen, um die Rentner und ihre Ansprüche zu finanzieren. Japans Bevölkerung aber sinkt und altert zeitgleich. Das heißt, die Zahl der zu finanzierenden Rentner steigt mit schwindelerregender Geschwindigkeit und fast im gleichen Rhythmus sinkt die Zahl der finanzierenden Steuerzahler.

Japans Bevölkerungspyramide

Bis hierher sieht es eigentlich nur nach einem großen Problem für die japanische Wirtschaft und den Durchschnittsjapaner aus – ohne wesentliche Auswirkung auf die Weltwirtschaft. Aber das ist ein Irrtum: Japan zählt zu den am höchsten verschuldeten Staaten. Japans Verschuldung beträgt 200% seines BIP – mehr als Griechenland. Solange Japan weiter Wachstum vorweisen kann, kann es gut gehen. Aber der demografische Niedergang stellt das Wirtschaftswachstum zunehmend in Frage. Es ist eine Frage der Zeit, wann diese  Demografie-Bombe hochgeht.

Letztes Jahr haben die Wirtschaftswissenschaftler Peter Boone und Simon Johnson im “Atlantic” eine Warnung ausgesprochen. Japan stehe kurz vor einer Insolvenzwelle, die wiederum einen Vertrauensverlust hervorrufen und so eine größere Finanzkrise auslösen könnte als die des Euro.  Investoren könnten eines Tages auch den Zusammenhang zwischen der Alterung Japans und der sinkenden Zahl der Steuerzahler erkennen und auf die Idee kommen, dass japanische Staatsanleihen keine sichere Anlage mehr sind, was wiederum einen Vertrauensverlust auf den Märkten auslösen könnte und die Zahlungsunfähigkeit Japans zur Folge hätte. Japan besitzt 1,1 Billionen US Dollar in US Staatsanleihen. Folglich hätte eine japanische Staatspleite auch verheerende Folgen für die USA. Und vielleicht schlimmer noch – eine Staatspleite Japans könnte die ohnehin verlangsamte  chinesische Wirtschaft gefährden. China ist Japans wichtigster Handelspartner und beide Wirtschaften sind eng vernetzt.

Langsam werden auch in der Regierung in Tokio Stimmen laut, die die Gefahr durch die niedrige Geburtenrate thematisieren. Politische Initiativen versuchen junge Japaner und Japanerinnen  zu motivieren, zusammen zu leben und Kinder zu bekommen. Immer öfter kreist die politische Debatte um die Frage, wie man es anstellen kann, daß mehr japanische Babies auf die Welt kommen.

Ein bekannter Politiker, Seiko Noda, beschäftigt sich mit diesem Problem bereits seit 1993. Im Februar schlug Noda vor, die Geburtenrate zu erhöhen indem man Abtreibung gesetzlich verbiete.  Dies mag sich fremd und gar komisch anhören; es vermittelt aber doch einen Eindruck, wie verzweifelt die Lage ist  – und vielleicht sogar zu recht verzweifelt. 

 


© The Washington Post Company
http://www.washingtonpost.com/blogs/worldviews/wp/2013/10/22/japans-sexual-apathy-is-endangering-the-global-economy/?utm_source=World+Congress+of+Families+and+The+Howard+Center+for+Family%2C+Religion+%26+Society+Members&utm_campaign=04b45211b8-NFNR_No_Sex_No_Babies_No_Happiness&utm_medium=email&utm_term=0_4b0ced8706-04b45211b8-342040565