Nachricht des Monats, 2014 / 1, 05.01.2014

Weniger Arbeit, mehr Stellen: Das deutsche Jobwunder, die Zuwanderung und die Wirtschaftslobby


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Nachricht 1- 2014

Das Jahr 2014 beginnt für die Deutschen mit guten Nachrichten vom Arbeitsmarkt: Im Jahr 2013 hat die Zahl der Erwerbstätigen einen historischen Höchststand erreicht (1).  Es war das siebte Jahr in Folge mit einer wachsenden Zahl von Erwerbstätigen, während bei den west- und südeuropäischen Nachbarn im Zuge der Finanzkrise die Arbeitsmärkte einbrachen. Dieses „Jobwunder“ macht Deutschland zum Zuwanderungsmagnet: Polen ist dabei noch immer das wichtigste Herkunftsland, stark an Gewicht gewonnen haben Rumänien und Bulgarien. Die Migration aus Südosteuropa wird weiter steigen; dafür dürfte allein schon die neue Arbeitnehmerfreizügigkeit sorgen. Gleichzeitig ist auch die Zahl der Südeuropäer gestiegen, die vor Rezession und Arbeitslosigkeit aus ihrer Heimat  nach Deutschland fliehen. Die größte Gruppe sind hier die Italiener (2).

Wirtschaftslobbyisten feiern die Zuwanderung als „Gewinn“, schließlich brauche das alternde Deutschland dringend Fachkräfte. Dass dieser Gewinn zulasten ärmerer Länder geht, die nicht nur wirtschaftlich, sondern auch demographisch in der Krise stecken, scheint weder die Lobbyisten noch die „kritischen“ Medien zu stören. Bedenken gegenüber der Migrationswelle kanzeln sie als „fremdenfeindlich“ ab – nach ihrem Credo werde der Arbeitsmarkt die Integration schon bewerkstelligen. Allerdings stützen die Fakten diese Annahme nicht, die Integrationskraft des Arbeitsmarktes wird hier bis zum Irrtum überschätzt. Denn Zuwanderer sind nicht nur Arbeitskräfte, sondern Menschen, die in Gemeinschaft leben (wollen). Nicht weniger wichtig als Arbeitsplätze sind für sie Beziehungen und soziale Netzwerke. Sprache und Kultur spielen hier eine Schlüsselrolle – eben dies wurde schon bei der früheren Zuwanderung von „Gastarbeitern“ unterschätzt; die Folgelasten bekommen wir „nachhaltig“ zu spüren. Zum anthropologischen kommt ein arbeitsmarktökonomischer Irrtum hinzu: Euphorisiert von den Rekordzahlen der Erwerbstätigen, übersehen die Befürworter der Zuwanderung die tatsächlich geleistete Arbeitszeit. Dieses sog. „Arbeitsvolumen“ lag 2012 um mehr als zwei Milliarden Stunden unter dem Niveau von 1991, während gleichzeitig die Zahl der Erwerbstätigen den Höchststand seit der Wiedervereinigung erreichte (3).

Wie ist diese paradox scheinende Entwicklung zu erklären? Ermöglicht wurde sie durch kürzere Arbeitszeiten: Seit 1991 ist die durchschnittliche Jahresarbeitszeit je Erwerbstätigen in Gesamtdeutschland von mehr als 1550 auf inzwischen weniger als 1.400 Stunden gesunken (4). Bezogen auf Westdeutschland lässt sich dieser Trend noch weiter zurückverfolgen: Im Jahr 1970 lag hier die durchschnittliche Jahresarbeitszeit je Erwerbstätigen noch bei fast 2.000 Stunden; das gesamte Arbeitsvolumen war um ca. 6 Milliarden Stunden größer als heute (5). Längerfristig betrachtet verteilt sich also ein geringeres Erwerbsvolumen auf eine größere Zahl von Erwerbstätigen mit immer kürzeren Arbeitszeiten (6). Eine Schlüsselrolle  spielt die Teilzeitarbeit, die sich seit den 80er Jahre annähernd verdreifacht hat. Die Zahl der Vollzeitstellen ist dagegen deutlich gesunken; betroffen von diesem Rückgang waren vor allem die Männer (7). Auch Männer arbeiten deshalb häufiger als früher in Teilzeit. Im  Unterschied zu Frauen, die durch Teilzeitarbeit Familie und Beruf vereinbaren wollen, ist sie für Männer eher eine Notlösung. Deutlich häufiger als noch in den 1990er Jahren müssen sich Männer heute mit dieser Notlösung begnügen (8). Es gibt eine verdeckte männliche Unterbeschäftigung, zusätzlich zu der noch immer beträchtlichen Arbeitslosigkeit. Das „Erwerbspotential“ ist also bei weitem nicht ausgeschöpft. Ebenso wenig ausgeschöpft ist das Rationalisierungspotential der Wirtschaft, wie der Fortschritt der Robotik zeigt. Arbeitsmarktlobbyisten ignorieren diese Realitäten: Das „Erwerbspotential“ soll wachsen, durch mehr Müttererwerbstätigkeit und eben auch durch Zuwanderung.


(1)   Vgl.: Statistisches Bundesamt: Anstieg der Erwerbs­tätigkeit im Jahr 2013 verlangsamt, Pressemitteilung Nr. 001 vom 02.01.2014.
(2)   Vgl.: Statistisches Bundesamt: Zuwanderung nach Deutschland steigt im 1. Halbjahr 2013 um 11 %, Pressemitteilung Nr. 391 vom 21.11.2013.
(3)   Vgl.: Frank Schüller/Christian Wingerter: Arbeitsmarkt, S. 113-126, in: Bundeszentrale für politische Bildung: Datenreport 2013: Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2013, S. 116, Siehe „Durchschnittliche Jahresarbeitszeit im Rückgang“ (Abbildung).
(4)   Siehe ebd., sowie: Rückgang des Arbeitsvolumens als säkularer Trend (Abbildung).
(5)   Diese „Fragmentierung“ von Beschäftigungsverhältnissen kritisieren feministische Autorinnen scharf – allerdings nur bezogen auf die Frauen. (Exemplarisch dafür: 1. Gleichstellungsbericht, Bundestagsdrucksache 17/6240, S. 45). Sie übersehen hier, dass die „Fragmentierung“ nicht nur ein Kennzeichen der weiblichen Erwerbstätigkeit, sondern des Gesamtarbeitsmarktes ist. Ohne diese Fragmentierung, d. h. die Expansion der Teilzeitarbeit wäre der Anstieg der weiblichen Erwerbsquote gar nicht möglich gewesen. Siehe hierzu: http://altewebsite.i-daf.org/449-0-Wochen-8-9-2012.html.
(6)   Siehe: Strukturwandel des Arbeitsmarktes (Abbildung).
Matthias Keller/Thomas Haustein: Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Ergebnisse des Mikrozensus 2012, S. 862- 882, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik, Dezember 2013, S. 867.