Nachricht des Monats, 2014 / 2, 19.01.2014

Arbeitszeit – Was Mütter und Väter wirklich wollen


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Nachricht  2 / 2014

Politiker erklären gerne zur „Lebenswirklichkeit“, was sie vermeintlich für „fortschrittlich“ halten. So behauptete jüngst der Sprecher der Bundeskanzlerin, dass die traditionelle Rollenverteilung „Mann in Vollzeit, Frau in Teilzeit "immer weniger dominant" sei (1). Das Gegenteil ist der Fall: Das sog. „modernisierte Ernährermodell“ mit einer teilzeiterwerbstätigen Mutter hat stark an Verbreitung gewonnen, wie der Mikrozensus-Vergleich 1996 und 2012 zeigt (Anstieg von ca. 30 auf 40%). Die Vollzeit-Teilzeitkonstellation hat damit das Modell mit dem Vater als Alleinernährer als häufigste Erwerbskonstellation abgelöst. Das „traditionelle“ Ernährermodell ist zurückgegangen, aber noch immer bedeutsam: Mehr als ein Viertel aller Paare mit Kindern unter 18 Jahren folgt diesem Modell. Bei Paaren mit kleinen Kindern unter drei Jahren ist die Nichterwerbstätigkeit der Mutter sogar noch die Regel. Dem „egalitären Doppelverdienermodell“, in dem beide Partner in Vollzeit erwerbstätig sind, folgen nur etwa 14% der Familien. Im Zeitvergleich ist ihr Anteil nicht etwa gestiegen, sondern im Gegenteil deutlich zurückgegangen (2). Das politisch erwünschte „egalitäre Doppelverdienermodell“, hat also an sozialer Verbreitung verloren.

Wie ist das zu erklären? Bekanntlich ist die Erwerbsquote von Müttern gestiegen, weniger bekannt ist, dass gleichzeitig die Vollzeiterwerbstätigkeit zurückgegangen ist (von 1996 ca. 50% auf 2012 nur noch 30% der erwerbstätigen Mütter). Spiegelbildlich dazu ist der Anteil der Teilzeitarbeit von ca. 50% (1996) auf etwa 70% (2012) gewachsen. Besonders ausgeprägt war der Trend zur Teilzeitarbeit in den neuen Bundesländern (3). Seit der „Wende“ hat hier das DDR-Modell der vollzeiterwerbstätigen Mutter massiv an Boden verloren. Das hat auch ökonomische Gründe: Mit dem Zusammenbrechen der unproduktiven Planwirtschaft hat sich der Arbeitskräftebedarf verringert, das Arbeitsvolumen ist gesunken. Die Folge war zunächst bekanntlich Massenarbeitslosigkeit in Ostdeutschland. Bis über die Jahrtausendwende hinaus prägte dieses Problem die politische Agenda. Im Zuge des deutschen „Jobwunders“ hat sich die Arbeitsmarktlage auch in Ostdeutschland verbessert, wozu nicht zuletzt die Teilzeitarbeit wesentlich beigetragen hat. Sie ermöglicht es, das Arbeitsvolumen auf eine größere Zahl von Beschäftigten zu verteilen, gewissermaßen zu „parzellieren“. Nur so war es möglich, die Beschäftigungsquoten zu steigern, obwohl das Arbeitsvolumen in Ost- wie in Gesamtdeutschland langfristig stark gesunken ist (4). Von dieser „Parzellierung“ der Erwerbsarbeit profitiert haben Frauen, die Familie und Beruf vereinbaren wollen.

Hier liegen auch die kulturellen Gründe für den Teilzeittrend: Frauen arbeiten in Teilzeit, weil sie Kinder betreuen, ältere Angehörige pflegen, sich um ihre Familie kümmern wollen. Wie der Mikrozensus zeigt, ist das Fehlen von Vollzeitstellen nur für  eine Minderheit (7%) der Grund ihrer Teilzeiterwerbstätigkeit, die große Mehrheit (75%) gibt dafür familiäre Gründe an. Ganz anderes sieht es bei Männern in Teilzeit aus: Nur eine Minderheit von ihnen gibt familiäre Gründe für die Teilzeitarbeit an (5). Wunsch und Leitbild der Männer ist nach wie vor die Vollzeitarbeit, Teilzeitstellen sind für sie nur eine Notlösung (6). Bei Frauen mit Kindern ist die Teilzeitarbeit dagegen meist das Wunschmodell (7). Diese Unterschiede will die Gleichstellungspolitik nicht wahrhaben – ihr Ziel ist „Mainstreaming“. Neuerdings fordert sie deshalb die 32-Stunden-Woche für beide Eltern. Indirekt gibt sie damit zu, dass ihr eigentliches Wunschmodell, die Vollzeiterwerbstätigkeit beider Eltern, an der Realität scheitert. Aus der Weltsicht der Gleichstellungsadvokaten ist dieses Scheitern nun nicht in der widerständigen Realität, sprich den Bedürfnissen von Kindern und Familie, begründet, sondern im „falschen Bewusstsein“ der Bevölkerung. Sie fordern eine Kommunikationspolitik der „habit formation“, die „kollektiv gewachsene Verhaltensweisen“ verändert (8). Umkonditionierung oder gar Umerziehung könnte man das nennen.


(1)   http://www.focus.de/politik/deutschland/merkel-duepiert-familienministerin-schwesig-familienteilzeit-abgelehnt-32-stunden-woche-fuer-eltern-kommt-nicht_id_3530816.html.
(2)   Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/archiv/2013/11/10/artikel/familienpolitik-ausbeutung-statt-nachhaltigkeit.html.
(3)   Matthias Keller/Thomas Haustein: Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ergebnisse des Mikrozensus 2012, S. 862-882, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik, Dezember 2013, S. 865.
(4)   Eingehender hierzu mit statistischen Einzelbelegen:
http://www.i-daf.org/aktuelles/aktuelles-einzelansicht/archiv/2014/01/05/artikel/weniger-arbeit-mehr-stellen-das-deutsche-jobwunder-die-zuwanderung-und-die-wirtschaftslobby.html.
(5)   Siehe Gründe für Teilzeiterwerbstätigkeit – Differenzen zwischen Frauen und Männern (Abbildung unten). Unter familiären Gründen sind hier sowohl „Betreuung“ als auch „persönliche und familiäre Gründe“ zusammengefasst.
(6)   Siehe hierzu auch: Vollzeit- oder Teilzeitarbeit? Unterschiedliche Präferenzen von Frauen und Männern. Zu beachten ist hier, dass es sich um Männer und Frauen (unabhängig von Kindern und Familienstand) handelt, die Arbeit suchen.
(7)   Im Gegensatz zu der gängigen Sichtweise der Arbeitsmarkt- und Gleichstellungspolitk spielen fehlende Betreuungsmöglichkeiten für Kinder und ältere Angehörige für die Teilzeiterwerbstätigkeit von Frauen eine untergeordnete Rolle. Im Mikrozensus 2012 gaben nur 7% der teilzeiterwerbstätigen Frauen dies als Grund an. Siehe: Gründe für Teilzeiterwerbstätigkeit von Frauen: Fehlende Kinderbetreuungsplätze nachrangig (Abbildung).
(8)   BMFSFJ (Hrsg.): Zeit für Familie. Familienzeitpolitik als Chance einer nachhaltigen Familienpolitik (Achter Familienbericht), Bundestagsdrucksache 17/ 9000, Berlin 2012, S. 17.