Filmempfehlung, 29.03.2014

Die Armut, nicht die Armen beseitigen


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Zu viele Menschen?

Zu viele Wohnwaben?

Zu viele Autos?

Zu wenig Land?

Faktenreich und humorvoll hinterfragt der Dokumentarfilm „Population Boom“ die gängigen Klischees von der Überbevölkerung

Von José García

Immer wieder wird vor der Überbevölkerung der Welt gewarnt. Seit Oktober 2011 leben auf der Erde „offiziell“ rund sieben Milliarden Menschen. UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon nahm dies zum Anlass, die Regierungen in aller Welt aufzurufen, sich den Herausforderungen des Bevölkerungswachstums zu stellen. Dass dieses Wachstum meistens negativ aufgefasst wird, beweist ein Blick auf die Meldungen im Zusammenhang mit der Geburt des siebenmilliardsten Menschen im Allgemeinen und auf die Aussage der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung im Besonderen „Die Bevölkerung wächst in den Ländern besonders schnell, wo die Menschen sehr arm sind“.

Der 1965 geborene österreichische Regisseur Werner Boote nahm dies zum Anlass, einen Dokumentarfilm über Überbevölkerung zu drehen: „Ich ging ursprünglich selbst davon aus, dass die Welt überbevölkert ist – wie das wahrscheinlich die meisten von uns tun.“ Herausgekommen ist jedoch „Population Boom“, ein Dokumentarfilm, der genau das Gegenteil behauptet. Nach seinen Recherchen habe Boote festgestellt, „dass Überbevölkerung ein Begriff ist, der politisch sehr willkürlich verwendet wird. Und dass die wirkliche essentielle Herausforderung darin besteht, dass wir endlich dieses festgefahrene Weltbild der Überbevölkerung hinterfragen müssen.“

„Population Boom“ gibt die Reise wieder, die Autor, Regisseur und Kommentator Werner Boote rund um den Globus unternahm, um zu einem Ergebnis zu kommen, das den Mythos der Überbevölkerung entlarvt. Mit seinem Regenschirm als Markenzeichen, den er sogar in den Serengeti-Park mitnimmt, ist er immer wieder im Bild zu sehen. Eine immer wiederkehrende Einstellung zeigt den Filmemacher mitten in der Menschenmasse – ob in New York oder in Tokio – mit einer Zeitung in der Hand. In New York interviewt Boote Babatunde Osotimehin, den Exekutivdirektor des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen. Babatundes Haltung steht exemplarisch für die Meinung der Apokalyptiker: Zwar könne niemand sagen, wie viele Menschen die Erde vertrage. Aber das Bevölkerungswachstum müsse dringend gestoppt werden.

Da die Eindämmung des Wachstums  nur mit Geburtenkontrolle realisierbar erscheint,  steht diese im Mittelpunkt von „Population Boom“. Mit Werner Boote erfährt der Zuschauer, welcher Druck etwa auf afrikanische Regierungen ausgeübt wird, damit sie die Ziele der Geburtenreduktion durchsetzen. Dem stellt der Film die Freude von werdenden Müttern gegenüber. In Nairobi besucht Boote eine Entbindungsstation. In Kenias Hauptstadt vertritt  Obadias Ndaba, Präsident der afrikanischen Niederlassung von „World Youth Alliance“, die These,  dass Afrikas Länder wegen ihrer niedrigen Bevölkerungsdichte kein Problem mit Überbevölkerung haben. Dort herrschen Armut und Entwicklungsprobleme, aber: „Menschen sind der Motor für die Entwicklung“. Werner Boote sagt es nicht ausdrücklich, sein Film legt es aber nahe: Überbevölkerungs-Angstmacher haben sich zum Ziel gesetzt, nicht die Armut, sondern die Armen zu bekämpfen. Boote nennt diese Bemühungen „teuflische Wege, die Weltbevölkerung zu reduzieren“.

Negative Langzeitwirkungen ihres Programms der Geburtenkontrolle zeigen sich an der Ein-Kind-Politik Chinas. Der stellvertretende Direktor des Chinesischen Bevölkerungs- und Entwicklungszentrum Xie Zhenming gibt das, trotz diplomatisch verbrämter Rede, sogar  zu. Zum Überschuss an männlicher Bevölkerung kommt in China ein weiteres Problem hinzu: „Mit Staatsgewalt wird ein Volk aus Einzelkindern, aus Prinzensöhnen geschaffen“, räsoniert Boote, während auf der Leinwand lustige Bilder von verwöhnten Kindern zu sehen sind.

Im Laufe von „Population Boom“ nennt Werner Boote die Verfechter der Bevölkerungskontrolle mit Namen, etwa Henry Kissinger, der als US-Außenminister 1974 die Geburtenreduktion zur Priorität der US-Außenpolitik erklärte, oder heute Medienmogul Ted Turner. Die Eindämmung der Bevölkerung in den armen Ländern liege im Interesse der Industrienationen, allen voran der Vereinigten Staaten. Die Menschen in den entwickelten und reichen Ländern fürchteten sich vor einer „Überschwemmung“ aus der Dritten Welt. Den Begründungen für die Eindämmungsthese stellt Werner Boote  pointierte Argumente entgegen. Zum Beispiel: Die größten Umweltprobleme gehen von den Industrienationen aus, da kann wohl kaum der Umweltschutz für eine Forderung nach Reduzierung der Bevölkerung in armen Ländern herhalten. Als ebenso wenig stichhaltig erweise sich das Ressourcenproblem: Mit halbwegs modernen landwirtschaftlichen Methoden könnte allein der Sudan Lebensmittel für anderthalb Milliarden Menschen produzieren. In Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, bezeichnet in dem Film Farida Akhter, Leiterin der Nichtregierungsorganisation Ubinig, diese Eindämmungspolitik als „Arroganz der reichen Länder“. Eigentlich müsste die Weltbank „Reiche-Länder-Bank“ heißen. Denn die Interessen der armen Länder würden keineswegs berücksichtigt.

Einen Zusammenhang zwischen dieser Frage und der Wirtschafts- und Finanzentwicklung sieht ebenfalls ein weiterer Filmzeuge, Betsy Hartmann, Direktorin des Bevölkerungs- und Entwicklungsprogramms am Hampshire College. Hartmann weist darauf hin, dass die Überbevölkerungsdebatte ausgerechnet zu dem Moment wieder aufkommt, an dem auf der ganzen Welt die Konzentration von Reichtum und die Wirren auf den Finanzmärkten Proteste hervorrufen. Nach ihrer Meinung gibt es drängendere Fragen als das Bevölkerungswachstum: Das gesamte System solle überprüft werden. Für den Klimawandel sei nicht die Überbevölkerung in den Entwicklungsländern, sondern das Produktions- und Konsumsystem im Westen verantwortlich.

„Population Boom“ setzt auf Information in einer komplexen Thematik, wobei sich Werner Boote selbstredend bewusst ist, dass sein Film nicht objektiv ist. Denn fundiert argumentierende  Verfechter der Bevölkerungskontrollpolitik kommen kaum zu Wort. Dem österreichischen Filmemacher geht es darum, in ironischer Zuspitzung die Argumente der Experten vorzubringen, die den Mainstream der von den Vereinten Nationen und anderen Institutionen oktroyierten Politik bewusst hinterfragen, weil sie andere Prioritäten setzen als bloße Wohlstandswahrung. So fragt der Filmemacher zuspitzend: „Wer ist hier zu viel?“ Es gebe auf der Welt zu viele Menschen mit zu wenig Bildung und mit zu wenig Nahrung. Aber es gebe nicht zu viele Menschen. Durch die häufigen Ortswechsel, durch die schönen, oft eindrucksvollen Kameraeinstellungen und nicht zuletzt durch einen unterschwelligen Humor, der sich durch den ganzen Dokumentarfilm zieht, gestaltet Boote  „Population Boom“ zu einer kurzweiligen Weltreise, die die sogenannte Überbevölkerung als vorgeschobenes Szenario entlarvt – ein Szenario, mit dem die Reichen ihren hohen Lebensstandard auf Kosten der Armen wahren können.

 

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