Nachricht des Monats, 2015 / 1, 06.01.2015

Muslime in Deutschland: Daten, Fakten - und Tabus?


„Islamkritiker“ versus Freunde der „bunten Republik“, Emotionalität und Bekenntnisdrang kennzeichnen nicht erst seit „PEGIDA“ die Debatten über „den Islam“ in Deutschland. Im Kern geht es dabei um die Integrationsbereitschaft und -fähigkeit muslimischer  Zuwanderer. Über diese Muslime wiederum meint man schon Bescheid zu wissen, aus persönlichen Erfahrungen heraus oder auch nur vom Hörensagen. Wer sich auf die „Aufklärung“ beruft, wie dies in den Kontroversen oft beide Seiten tun, sollte sich mit empirischen Befunden der Sozialwissenschaften befassen, denn nur auf deren Grundlage lässt sich eine sachliche Diskussion führen. Solche Befunde gibt es, obwohl es nicht einfach ist, über muslimisches Leben zu forschen. Ein Grund dafür ist, dass der Islam im Unterschied zum Christentum keine Institution „Kirche“ kennt. Zwar gibt es inzwischen muslimische Verbände, die in der sogenannten „Islamkonferenz“ ihre Interessen vertreten, aber sie repräsentieren nur eine Minderheit der Muslime. Ein anderer wichtiger Grund ist, dass die unterschiedlichen Sprachen und kulturellen Prägungen muslimischen Lebens die Forschung erschweren.

Moslem ist,  wer sich dazu bekennt. Ein solches Bekenntnis ist in Ländern wie dem Iran oder der Türkei in der Öffentlichkeit ein Muss. Von kleinen Minderheiten abgesehen sind dort offiziell fast alle Einwohner Muslime. Zuwanderer aus diesen Ländern gelten deshalb bei uns als „Muslime“,  was sie aber nicht unbedingt sind, wie empirische Untersuchungen zeigen (1). Denn zum einen sind nicht-muslimische Minderheiten (Christen, Jesiden u. a.) unter Zuwanderern aus diesen Ländern überrepräsentiert, weil sie dort unter Verfolgung leiden (2). Zum anderen gibt es erstaunlich viele Zuwanderer aus „islamischen“ Ländern, die sich keiner Religion zugehörig fühlen. Der Anteil dieser „Agnostiker“ unterscheidet sich einschlägigen Studien zufolge je nach Herkunftsregion: Unter den Türken liegt er bei ca. 15%, unter Irakern bei ca. 17%, unter Nordafrikanern bei ca. 20% und sogar 22% unter den Syrern. Noch wesentlich höher ist er unter Migranten aus dem Iran – von ihnen fühlen sich fast 40% keiner Religion zugehörig (3). Und auch die „Muslime“ aus dem Iran sind ihrer Religion oft kaum verbunden, für drei Viertel der Iraner spielt Religion keine nennenswerte Rolle im Leben; sie sind damit noch säkularer eingestellt als die deutsche Bevölkerung insgesamt (4). Der Grund dafür ist evident: Es handelt sich oft um Gruppen, die nach der islamischen Revolution 1979 vor dem theokratischen Regime im Iran geflohen sind.

Für Muslime aus der Türkei, die das Gros der vier Millionen Muslime in Deutschland bilden, hat Religion einen wesentlich höheren Stellenwert, der sich vor allen an den Festtagen zeigt. Noch lebensprägender ist die Religion für Muslime aus dem Nahen Osten und Nordafrika (5). Damit verbunden ist oft ein Frauen- und Familienbild, das westlichen Gleichheitsnormen widerspricht. Auch Muslime, die wenig religiös sind, folgen hier „traditionellen“ Leitbildern, was sich zum Beispiel in einer geringeren Erwerbsbeteiligung von Frauen zeigt (6). Gleichzeitig sind oft auch die Arbeitsmarktchancen der Männer relativ schlecht, weil es an Qualifikationen fehlt. Das Problem der Bildungsdeprivation beschränkt sich aber nicht, wie manchmal unterstellt wird, vorwiegend auf „strenggläubige“ Muslime, die sich in „Parallelgesellschaften“ absondern. Davon betroffen sind auch eher säkulare und in ihren Sitten liberale Gruppen: So hat mehr als die Hälfte der Aleviten, deren Frauen bekanntlich kein Kopftuch tragen, keinen oder nur einen niedrigen Schulabschluss (7). Das ist bemerkenswert, denn in der öffentlichen Diskussion wird Liberalität/Freizügigkeit mit „Integration“ assoziiert. Für den sozialen Aufstieg bietet sie aber keine Gewähr, der hängt entscheidend an den Bildungsanstrengungen. Und umgekehrt ist (formale) Bildung auch keine Garantie für „Integration“, wie studierte Selbstmordattentäter zeigen. Das mögen Einzelfälle sein, die aber grundsätzliche Fragen nach dem Nährboden von religiösem Fanatismus und Gewalt im Koran und den Schriften des Islam aufwerfen. Hierüber weiß man immer noch zu wenig, hier wird immer noch zu wenig aufgeklärt (8). Ist das ein Tabu im öffentlichen Diskurs? Mehr Aufklärung auch in diesem Punkt würde die Diskussion relativieren und versachlichen. Denn hier dürfte einer der maßgeblichen Gründe liegen für das Unbehagen in Teilen der Bevölkerung gegenüber muslimischen Zuwanderern oder dem Islam allgemein.


(1)  Dies ist eine wichtige, zu wenig beachtete Erkenntnis aus der einschlägigen Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge im Auftrag der „Islamkonferenz“ (Sonja Haug/Stephanie Müssig/Anja Stichs: Muslimisches Leben in Deutschland, Nürnberg 2009).
(2)  Etwa ein Fünftel der Migranten, die aus einem muslimisch geprägten Land stammen, gehören einer christlichen Konfession an. Sonja Haug et al.: Muslimisches Leben in Deutschland, a.a.O., S. 95.
(3)  Vgl. ebd., S. 87.
(4)  Vgl.: Yasemin El-Menouar/Inna Becher: Geschlechterrollen bei Deutschen und Zuwanderern christlicher und muslimischer Religionszugehörigkeit, Nürnberg 2014 (Forschungsbericht 21 des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge), S. 45.
(5)  Sonja Haug et al.: Muslimisches Leben in Deutschland, a.a.O., S. 46. Zur Zahl der Muslime in Deutschland ebd., S. 11.
(6)  Yasemin El-Menouar/Inna Becher: Geschlechterrollen bei Deutschen und Zuwanderern christlicher und muslimischer Religionszugehörigkeit, a.a.O, S. 152.
(7)  Vgl.: Sonja Haug et al.: Muslimisches Leben in Deutschland, a.a.O., S. 315.
(8)  Der Studie Muslimisches Leben in Deutschland zufolge sind 6% der Muslime „als fundamentalistisch im Sinne extremer Ausformungen“ einzustufen. Die Autoren wollen diesen Anteil aber nicht mit dem von „Islamisten“ gleichsetzen, der sich durch den „Primat der Religion gegenüber der Demokratie sowie der Distanzierung von demokratischen Rechtsauffassungen“ (Ebd., S. 28-29) auszeichne. Die Einstellungen zu Rechtsstaat, Demokratie und Gewalt untersuchen sie aber in ihrer Studie nicht, während das Tragen von Kopftüchern breiten Raum einnimmt. Ausgerechnet die wichtigsten Fragen bleiben so gänzlich unbeantwortet.