Zitat des Monats, 2015 / 6, 16.03.2015

Nichts entscheidet mehr als Familienarbeit


In den letzten 150 Jahren hat sich in der ganzen westlichen Welt eine arbeitszentrierte Sozialstruktur entwickelt – und zwar eine erwerbsarbeitszentrierte. Denn gearbeitet haben die Menschen immer, und früher haben sie sehr viel härter und sehr viel länger gearbeitet als heute. Aber die erwerbszentrierte Arbeitsgesellschaft wurde das Leitbild der Sozialstruktur der modernen Industriegesellschaft. Nicht nur Einkommen wird von der Erwerbsarbeit vermittelt und soziale Sicherheit, sondern auch soziale Beziehungen, soziales Ansehen, ja, der Rang, den man in der Ordnung der Gesellschaft einnimmt, wird durch die Art und das Ansehen der Arbeit mitbestimmt. (….) Die Familienarbeit hat demgegenüber einen sehr geringen Rang, jedenfalls in der öffentlichen Bewertung, wahrscheinlich deshalb, weil es eben keine Erwerbsarbeit ist. (….) Daß die Familienarbeit einen so geringen Rang hat, ist, bei Vernunft und Distanz gesehen, außerordentlich erstaunlich. Denn nichts entscheidet mehr über die Existenz der Gesellschaft, ihre Kultur, ihre Sprache, ihre Identität, als der Nachwuchs und die Art und Weise, wie dieser Nachwuchs in den ersten Jahren seines eigenen Lebens geprägt wird.


Kurt Biedenkopf, in: Christian Leipert (Hrsg.), Aufwertung der Erziehungsarbeit – Europäische Perspektiven einer Strukturreform der Familien-und Gesellschaftspolitik; Opladen, 1999, S. 309 f.